Das sonore Schnattern ist bereits von Weitem zu hören. Dessen Geräuschquelle gleicht wiederum einem wogenden Meer weißer, gut genährter Körper, langer Hälse und orangefarbener Schnäbel. Aberhunderte von Gänsen, die es sich auf dem weitläufigen Areal der Geflügelfarm von Heike Flieger in Jämlitz hörbar gut gehen lassen, obwohl ihr Ende bereits absehbar ist.

Küchenfertig präpariert für die Kundschaft

Schon im September gehen bei Heike Flieger und ihren beiden Höfen, dort steht ebenfalls eine Zucht, die ersten Bestellungen für die Weihnachtszeit ein. Das ist gleichwohl auch der Startschuss der alljährlichen Schlachtzeit. „Am Anfang geht das Schlachten noch recht locker von der Hand, wird im Dezember dann aber ganz schnell zu einem Knochenjob“, so die 53-Jährige. Je straffer es auf Weihnachten zugehe, umso mehr Bestellungen gingen ein.

Dabei umfasst das „Zurechtmachen“ der Gänse weitaus mehr, als das reine Schlachten, erklärt die Inhaberin. Schließlich müsse das Federvieh auch noch gerupft werden. Nachdem die Gänse ausgeblutet sind, werden sie dafür mit heißem Wasser überbrüht, um das Rupfen zu erleichtern.

Die Feinarbeit macht der Mensch

„Zwar gibt es dafür mittlerweile gute Maschinen, aber die erwischen nun mal nicht alle Federn.“ Knapp ein Drittel muss per Hand entfernt werden. Gut 15 Leute übernehmen diese Feinarbeit und kümmern sich darum, dass die Käufer eine küchenfertige Gans in Empfang nehmen können.

Aktuell beherbergt die Farm in Jämlitz noch circa 800 Gänse – gut die Hälfte des Anfangsbestandes. Das restliche Federvieh, welches bis Weihnachten auch sein Leben lassen wird, geht bis dahin, Tag für Tag den gleichen Ritualen nach. Jeden Morgen, unmittelbar nach dem Morgengrauen, werden die Tore der großen Stallungen geöffnet und die Gänse stürmen watschelnd das großflächige Gelände. „Hier haben sie mehr als genug Platz, um sich zu beschäftigen“, so Heike Flieger, die damit primär fressen meint.

Zu wenig Gras durch trockene Sommer

Genau dieser Punkt bereitet der „Gänse-Mutti“ jedoch zusehends Sorgen. „Durch die letzten beiden, viel zu trockenen Sommer, wächst nicht mehr genug Gras nach, aber genau das brauchen sie, um ordentlich an Gewicht zuzunehmen.“ Zwar werde das Kraftfutter nun durch Heu ergänzt, aber am Gewicht merke man schon einen Unterschied. Laut der Besitzerin bis zu 500 Gramm, den den Gänsen mitunter fehlen.

Abgesehen von diesem kaum zu ändernden Umstand, geht es dem Federvieh auf dem großen Gelände sichtlich wohl. Manchen Gänsen geht es gar so wohl, dass sie sich – unter zigfacher, schnatternder Beobachtung – dem Liebesspiel hingeben, woraufhin Heike Flieger trocken entgegnet: „Eigentlich sollten sie vor der Geschlechtsreife geschlachtet werden, weil sie dann nur noch das Eine im Kopf haben und dadurch weniger fressen beziehungsweise kaum noch zunehmen.“

Die Gänse sind mindesten 16 Wochen alt

Mindestens seien die Gänse auf der Farm aber 16 Wochen alt – die sogenannte Langmast. Im Gegensatz zur Turbomast haben die Gänse in Jämlitz und auch in Gablenz die Chance, ihr kräftiges Fleisch schonend zu entwickeln. „Eben nicht künstlich hochgezüchtet, was sich selbstverständlich auch auf den Geschmack auswirkt“, versichert Heike Flieger, die sich nach wie vor jedes Weihnachten auf den traditionellen Gänsebraten freut. Der würde auch nie so viel Wasser verlieren und schrumpfen, wie bei der Turbomast.

Bis dahin muss Heike Flieger allabendlich, pünktlich zur Dämmerung, die Gänse wieder in Ställe treiben. Was bei schlechtem Wetter oft binnen weniger Minuten vonstattengeht, kann sich bei schönem Wetter auch schon einmal in die Länge ziehen. „Dann wird gern mal Reißaus genommen und das kann wiederum schon Nerven kosten“, so die Chefin, die den Betrieb von ihrer Mutter übernommen hat.

Geführt wie ein Familienbetrieb

Zwar handle es sich dabei genaugenommen um eine Genossenschaft, die aber vielmehr wie ein Familienbetrieb geführt werde, heißt es weiter. Auch heute noch steht die Mutter ihrer Tochter helfend zur Seite.

Eben an jenen Tagen, wenn die Gänse partout nicht zurück in ihr Nachtquartier wollen. „Zu zweit klappt es dann aber schon recht gut.“ Zwar würde man gerade im Sommer die Gänse gern draußen lassen, aber speziell der Fuchs würde da sicherlich einen großen Schaden anrichten, ist sich Heike Flieger sicher.