Die Spree verbindet die Kleinstadt Neusalza-Spremberg in der Oberlausitz mit Spremberg in der Niederlausitz. Und Tante Hanna aus Neusalze-Spremberg verbindet auch, findet das Spremberger Ehepaar Maria und Hans-Jörg Lindner. Johanna Rietzsch, wie die Tanta mit ihrem vollen Namen hieß, hat am 19. Juli 1924 ein Gedicht übers Reisen veröffentlicht. „Weil uns die Corona-Pause jetzt mehr zu Hause hält, haben ich im Bücherregal herumgestöbert.“ In einem Buch – einer gebundenen Sammlung der alten Illustrierten „Zur guten Stunde“, die von 1887 bis 1918/19 in Berlin erschienen war – entdeckte Hans-Jörg Lindner eine lose Blattsammlung einiger Gedichten von Johanna Rietzsch. Handgeschrieben auf linierten Schreibpapier oder abgedruckt in den „Neusalza-Spremberger Bautzener Nachrichten“.
„Wir haben dann beim Lesen festgestellt, dass eins der Gedichte von Tante Hanna genau in unsere Corona-Zeit passt“, sagt Maria Lindner. „Die Fünften“ heißt es und beginnt: „Der eine kraxelt in die Alpen,/ Der andre liebt das wilde Meer,/ Der dritte schätzt die Glut der Tropen,/ Den Norden oder Urwald sehr./ Ein vierter muss zu Hause bleiben,/ Da ihm das Reisen nicht vergönnt,/ Doch sehnt er sich mit Murr`n und Klagen/ Nach Ländern, die er noch nicht kennt./ Ich weiß noch eine fünften Gruppe,/ Die auch nicht kennt des Reisens Lust,/Doch ist sie sich in ihrem Herzen/ Des großen Mangels nicht bewusst.“ Johanna Rietzsch outet sich im Verlauf der 13 Strophen als Persönchen der fünften Gruppe und Freundin der heimatlichen Natur.

Hobby-Dichterin aus Neusalza-Spremberg blieb unverheiratet

„Tante Hanna blieb die einzige Unverheiratete unter meinen Tanten und Onkels“, sagt Maria Lindner. „Aber sie war deshalb auch die Tante, die die Reisetasche packte, wenn sie wegen Krankheit oder anderer Sorgen plötzlich in den Familien ihrer Geschwister gebraucht wurde. Wir Kinder haben sie geliebt. Sie konnte Faxen machen und herrliche Grimasse schneiden“, erinnert sich Maria Lindner und muss lachen. Hans-Jörg Lindner kannte sie nur als betagte Dame: „Sie kam uns besuchen.“
Bei diesen Besuchen band sie sich abends vorm Zubettgehen kleine Leinensäcken um die Handgelenke. In den Säckchen war Farnkraut. Das half ihr gegen die rheumatischen Beschwerden. Maria Lindner hat heute zu Hause auch mehrere Leinenkissen mit Farnkraut. „Sie hatte mir damals ein Kissen mit dem Kraut in den Rücken geschoben, das hat meine Kreuzschmerzen tatsächlich gelindert.“ Der Kissenstoff müsse nur sehr dicht sein, sonst krümelt es, und Maria Lindner mischt heute etwas Lavendel dazu.

Tante aus Neusalza-Spremberg hat Orgel gespielt

Johanna Rietzsch wurde um 1900 geboren – genau wissen es die Lindners nicht. Und sie wurde beachtliche 96 Jahre alt. Sie pflegte die Eltern und spielte Orgel. „Das mit dem Orgelspiel in mehreren Kirchen muss ihr beim Lebensunterhalt geholfen haben“, sagt Maria Lindner. Ob sie auch für ihre Gedichte in der Zeitung etwas bekam?
In einem Artikel schrieb sie über Hausmusik und von einer heimlichen Probe am Vormittag des Heiligen Abends auf dem eiskalten Oberboden. „Dort sangen wir nun mit möglichst gedämpften Stimmen ... Unten stand unsre Schwester Wache, und sie hatte doch ein feines Klingen gehört...“ Einige ihrer Geschwister brachten es weiter, wurden Pfarrer, gingen in die Musikwissenschaft, erforschten die Tonarten der Urvölker in Afrika. Tante Hanna blieb bescheiden und naturverbunden und brachte von ihren Wanderungen immer etwas mit.

Natur in Zeilen und auf Karten

Jahrelang hat sie allen in der Familie zu den Festen Grüße geschrieben. Mit Blüten und Blättern und Federn klebte sie kleine Szenen auf die Karten. Die zwei winzigen Hasen für die Ostergrüße haben noch immer ihren Weidenkätzchen-Körper. Maria Lindner bewahrt die Karten in den Umschlägen auf, schützt sie vor Licht, damit die Blüten nicht so schnell verblassen.
Als 23-Jährige schrieb Johanna Rietzsch über ihre Birke vorm Fenster, die, je nach Jahreszeit, zarter Duft sein kann und Mutter und Königin und Elfenkind. Mit 86 Jahren feierte sie das treue Gänseblümchen, weil andere nur die Rosen sehen. Wann sie angesichts der Kinder, die mit ihren Vätern einen Schneemann bauten, das Gedicht „Lebenswinter“ schrieb, ist nicht überliefert. Aber 88 Jahre war sie, als sie noch einmal auf ihre Kindheit zurückschaut – zwischen dicken Pfarrhausmauern mit Petroleumlampe, vollen Erntewagen, Leierkastenmann und dem Kantor im Bienenhaus.

Cottbus

In der Corona-Pause haben Literaturfreunde das Gedicht „Corona“ des großen Paul Celan (1920 - 1970) neu gelesen. Der Münchener Komponist Jan Müller-Wieland entdeckt das Schreiben und eine Albert-Camus-Biografie, die er schon lange lesen wollte. Der Sellessener Autor, Journalist und Fernsehgärtner Hellmuth Henneberg findet Zeit für den Nachlass seines Vaters. Und die Lindners haben Tante Hanna wiederentdeckt – nur ein Jugendfoto von ihr konnten sie noch nicht finden.

Spremberg in der Oberlausitz


Neusalza-Spremberg ist mit 3300 Einwohnern eine Kleinstadt  im Landkreis Görlitz in Sachsen. Es liegt direkt an der Grenze zu Böhmen in Tschechien. Der Teil Spremberg ist ein Dorf und hat eine geschichtsträchtige Spremberger Kirche: Die Kirche selbst wurde zwar erst um 1901/02 auf einer Erhebung an der Spree neu errichtet, sie hat aber Bauteile aus dem 14. und 16. Jahrhundert.

Was die urkundliche Ersterwähnung betrifft, ist das Oberlausitzer Dorf Spremberg das ältere Spremberg: egal, ob das in der Zuweisung etwas unsichere Jahr 1242 herangezogen wird, wo von einem Herrn Hertwicus de Sprewemberch die Rede ist, oder das Jahr 1272, wo Sprewenberc erwähnt wird. Dem steht die urkundliche Ersterwähnung unserer Niederlausitzer Stadt Spremberg mit 1301 gegenüber.