Von Uwe Hegewald

Wenn Bernd Kasprick am Gründonnerstag (18. April) seinen Bus in die Garage manövriert, ist das für immer. Zwölf Meter Länge misst die Karosse der Marke Mercedes-Benz O 407, die Heimatgeschichte geschrieben hat. Einwohnern vieler Lausitzer Dörfer ist das 184-kW-Kraftpaket als „Kaspricks Mobilmarkt“ bekannt – ein rollender Dorfkonsum, beladen mit Lebensmitteln und Waren des täglichen Bedarfs. Seit dem Jahr 1992 fährt Bernd Kasprick mit dem Mobilmarkt übers Land, die ersten Jahre mit einem umfunktionierten Ikarus ungarischer Herkunft, seit 2002 mit dem Mercedes. „Der Entschluss steht fest. Gründonnerstag soll es aller Wahrscheinlichkeit auf unsere letzte Fahrt gehen“, kündigt der Allrounder an. Während der Busfahrer, Verkäufer und Kassierer in einer Person die Touren absicherte, ging es für Ehefrau Viola darum, die entsprechende Ware zu bestellen und den nicht sonderlich geliebten Schreibkram zu erledigen.

Ihren Schritt hat sich das Paar sorgfältig überlegt. „Der nächste TÜV-Termin steht an. Wir wissen nicht, ob Auflagen auf uns zukommen, und welche Kosten wir dann zu tragen haben“, erklärt Bernd Kasprick. Erinnerungen an das Jahr 2017 werden wach, als gleich zwei Strom-Aggregate ausfielen und diese ersetzt werden mussten. „Wir standen damals schon kurz davor, die Reißleine zu ziehen, haben uns aber entschieden, noch einmal in den Bus zu investieren“, führt er an. Auch der treuen Kundschaft wegen, von denen einige seit 17 Jahren in den Mobilmarkt steigen. „Uns wurde immer sehr viel Wertschätzung entgegengebracht. Es gab sogar eine Familie, die uns ein Gedicht geschrieben hat und Personen, die uns Geld für anfallende Reparaturen angeboten haben“, erinnert sich Viola Kasprick.

Dass die Mehßower den Leuten auf den Dörfern die Grundversorgung sicherten, als viele Verkaufsstellen schlossen und viele noch nicht über einen eigenen Pkw verfügten, wurde dem Paar immer hoch angerechnet. Zunehmende Kfz-Mobilität, Sterbefälle und der generelle Rückgang der Einwohnerzahlen rissen Lücken in die Stammkundschaft. Als Beispiel führt Bernd Kasprick die Freitagstour an, bei der im Schnitt 15 Kunden auf den Bus warten: „Um wirtschaftlich über die Runden zu kommen, sind eigentlich 25 bis 30 Abnehmer nötig.“ Besonders spürbar werde das an der Zapfsäule, wenn Diesel für den Zwölf-Liter-Motor getankt werden musste, der auf 100 Kilometern schon mal 30 Liter schluckt.

Frühzeitig haben Viola und Bernd Kasprick die Entwicklungen erkannt und nach Lösungen gesucht. 2011 wurde die Idee geschmiedet, in die Tourismus-Branche einzusteigen und als zweites Standbein die Vermietung von Elektrorädern anzubieten. So gesehen gehört das Mehßower Paar zum Vorreiter einer privaten Strukturreform, wie sie im großen Stil beim Kohleausstieg bevorsteht. 16 Elektroräder und drei E-Tandems zählt die Flotte, die sich wachsender Nachfrage erweist. „Wir spüren, dass der Radtourismus in der Region enorm an Bedeutung gewonnen hat. Es gibt Wochenenden, an denen wir komplett ausgebucht sind“, sagen die passionierten Radler, die ihr Hobby zum Geschäftszweig gemacht haben. Mit der zweiten Kraft aus Akkus lassen sich bequem längere Strecken in Angriff nehmen und so mancher Höhenzug der Calauer Schweiz. Aufgrund ihrer Radler-Leidenschaft und jahrelangen Mobilmarkt-Erfahrungen wissen die Kaspricks um die Reize der Region, die sie gern mit ihren Kunden teilen. Allesamt E-Bike-Mieter, die gern aufs Fahrrad steigen, um Land und Leute kennen zu lernen.

Mit Dienstleistungen wie den Bring- und Holservice, die Zusammenarbeit mit renommierten Hotels oder Pannenhilfe wird öffentliches Interesse geweckt. Überregional, was Besuche von Medienvertretern aus dem In- und Ausland belegen oder das Anklopfen von Interessierten, die unbedingt einmal die Erfahrung machen wollen, wie sich ein Fahrrad mit Elektroenergie-Unterstützung fährt. Unter ihnen war auch schon ein Paar aus den Niederlanden, das sich ein E-Tandem für zehn Tage mietete.

Mit Saisonbeginn werden die Kaspricks noch mehr Herzblut in die Ausrichtung ihres unternehmerischen Standbeines stecken. So soll es am Samstag, 15. Juni eine geführte Radwanderung in die Calauer Schweiz geben. Start der rund 40 Kilometer langen Tour ist um 10 Uhr vor der Mietstation Groß Mehßow 40 a. Wer sich einmal auf einem Pedelec versuchen möchte, sollte sich rechtzeitig eines der „Räder mit eingebautem Rückenwind“ reservieren lassen. Weiterführende Infos gibt es unter: www.lectric-tandem.de.