Von Uwe Hegewald

Wenn Toni Quittel aus seinem noch jungen Leben erzählt, durchleben seine Zuhörer ein Wechselbad der Gefühle. Entsetzen und Fassungslosigkeit schlagen ihm entgegen, aber auch Bewunderung und Wertschätzung. Seine Offenheit und der Mut, über seine Vergangenheit und Zukunftspläne zu reden, ringen Respekt ab. Im Volkswagenzentrum Dresden zählt Toni Quittel zu den Mitarbeitern, die für die Kundenannahme und das Mietwagengeschäft zuständig sind. „Ich berate und helfe Leuten, die für ihren Umzug einen Transporter benötigen oder Vereine, die zu einem Sportwettbewerb wollen oder einen Ausflug planen“, erklärt er seine Aufgabe. Der Job bereite ihm Spaß. Dass er dafür täglich über eine Stunde Fahrzeit in Kauf nehmen muss, ficht ihn nicht an. „Die Firma hatte einst mit acht Leuten begonnen. Inzwischen sind es 400 Mitarbeiter. Da steckt Substanz dahinter“, zieht er den verbalen Hut vor seinem Arbeitgeber.

Noch vor Abschluss seiner Lehrausbildung zum Automobilkaufmann hatte er sich im VW-Autohaus in der Elbmetropole beworben und ist zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden. „Über das darauffolgende Jobangebot habe ich mich riesig gefreut“, so der 21-Jährige, für den das Licht am Ende des Tunnels immer heller scheint. Überwunden sind die „Katastrophenjahre“ im fernen Duisburg. „Ich stand kurz davor, völlig auf die schiefe Bahn zu geraten. Ehrlich gesagt, habe ich mich bereits auf dieser befunden“, räumt Toni Quittel ein. Im Duisburger Problem-Stadtteil Marxloh wohnend, war sein Leben quasi vorprogrammiert: Falsche Freunde, Drogen, Perspektivlosigkeit. „Zehntklässler ziehen dort ohne Skrupel mit Tüten (Rauschgift) in der Hand durch die Straßen. Das Zeug ist an jeder Ecke zu haben und die Polizei machtlos“, erzählt er. Nur das sprichwörtliche Ziehen an der Reißleine hätte Schlimmeres verhindert. „Mein Vater hatte bei seiner Mutter nachgefragt, ob sie es sich vorstellen könnte, mich wieder zurück nach Hause zu holen“, so der gebürtige Lauchhammeraner, der nach 16 Jahren Ruhrgebiet in die Lausitz zurückkehrte.

2014 war das und gleichzeitig ein kompletter Neuanfang. Erstes Ziel war der Abschluss der zehnten Klasse, um die Grundlage für eine nachfolgende Berufsausbildung zu schaffen. Mediendesigner stand in der engeren Wahl – am Ende wurde es der Automobilkaufmann. Wie Toni Quittel berichtet, habe er keinen besonderen Bezug zu Kraftfahrzeugen besessen. „Entscheidend war wohl der Führerscheinerwerb in den Sommerferien und die Tatsache, dass Oma Renate mir die Fleppen und das erste Auto finanziert hat.“ Sie habe immer an ihren Enkel geglaubt, wie auch Uroma Gertrud, die den klassischen Drei-Generationen-Haushalt komplettiert. „Ich fühle mich wieder heimisch und genieße die Verwöhn-Momente. Omas Küche ist sowieso unerreicht“, stellt der Heimkehrer klar.

Ihm ist bewusst, dass sein Leben ohne den Neuanfang in Hörlitz und der konsequenten Neuausrichtung in eine Katastrophe geführt hätte. „In Duisburg wäre ich vermutlich irgendwann vor die Hunde gegangen“, räumt er ein. Inzwischen ist auch die Mutter von Toni Quittel nach Schipkau zurückgekehrt. Ein- bis zweimal jährlich besucht er seinen Vater, der in Duisburg geblieben ist.

Dass er sich den neuen Herausforderungen stellt, bewies Toni Quittel bereits während der Berufsausbildung. Die Berufsschule befand sich in Werder (Havel), was die Unterbringung in einem Internat nach sich zog. Wieder war er auf sich allein gestellt, ließ sich jedoch nicht noch einmal von seinem eingeschlagenen Weg abbringen. „Der Internat-Aufenthalt hatte sogar etwas Positives. In der Freizeit habe ich öfters in Lehrbüchern geblättert, wobei einiges davon hängengeblieben ist“, erzählt er mit einem Schmunzeln.

Beim Vorstellungsgespräch für den Ausbildungsplatz in der Autohaus Kühne GmbH Schwarzheide gestand er noch, dass Büffeln und auswendig lernen so gar nicht sein Metier seien. Umso verwunderter zeigte sich der Chef, als Post von der Cottbuser Handwerkskammer ins (Auto-)Haus flatterte. In dem Schreiben teilte diese mit, dass Toni Quittel als Jahrgangsbester Automobilkaufmann und somit als Kammersieger hervorgegangen ist. Um ihn herum hätten sich alle riesig gefreut – die zwei „Mädels“ zuhause, der Ausbildungsbetrieb, die Eltern, Kumpel Nico  ausHoyerswerda, mit dem er sich regelmäßig trifft und auch Meggie, die er vor drei Jahren kennengelernt hat. Die sich in Ausbildung befindende Immobilienkauffrau ist die zuverlässige Freundin an der Seite des 21-Jährigen, mit der er sich eine dauerhafte, gemeinsame Zukunft vorstellen kann. „Mal schauen, wie sich alles entwickelt“, sagt er, schließt aber eines aus: eine dauerhafte Rückkehr in den Duisburger Problembezirk Marxloh.