Von Jan Augustin

April 2017: Es ist ein schöner Frühlingstag mit Sonnenschein. Auf der Bundesstraße 156 Richtung Lieske hat sich eine kleine Kolonne gebildet. Vorneweg ein papyrusgelber Trabant. Dahinter ein silberner Seat. Dessen Fahrer setzt am Ende einer lang gezogenen Kurve zum Überholvorgang an. Aus der Gegenrichtung nähert sich ein Kleinwagen. Die Fahrerin des Opel Corsa bremst, lenkt nach rechts, kommt mit den Rädern auf den unbefestigten Randstreifen und versucht, ihr Auto wieder auf die Straße zu steuern. In diesem Moment schert der Seat in letzter Sekunde vor einem Frontalzusammenstoß wieder ein und fährt weiter. Der Opel jedoch kommt ins Schleudern, dreht sich auf die Straße zurück, stellt sich quer und rammt ein Motorrad mit voller Wucht. Die beiden Fahrzeuge fliegen ineinandergekeilt in den Straßengraben. Der Kradfahrer stirbt noch am Unfallort. Die Opel-Fahrerin ist schwerverletzt.

Mit modernster Computertechnik hat diesen Unfallhergang Marcel Bogen, Sachverständiger bei der Dekra, rekonstruiert und am Donnerstag vor dem Amtsgericht veranschaulicht. Mit einem Beamer projiziert er etliche Originalfotos des Unfallortes und der zerstörten Fahrzeuge an die Wand des Großen Saals. Genauestens errechnete Videoanimationen zeigen das tragische Unglück. Für den Sachverständigen für Unfallanalytik steht fest: Die Opel-Fahrerin hat richtig reagiert. Man könne auch nicht davon sprechen, dass sie voreilig gehandelt habe. „Sie hat gebremst und gelenkt – mehr geht nicht“, bekräftigt er. Der Einzige, der den Unfall hätte vermeiden können, indem er nicht überholt hätte, sei der Angeklagte.

Der Seatfahrer, ein 58-jähriger Mann aus Schipkau, räumt ein, den Trabant überholt, das entgegenkommende Auto gesehen und den Abstand falsch eingeschätzt zu haben. Mit seiner Ehefrau und einem bekannten Paar seien sie auf dem Weg nach Polen gewesen, um dort einzukaufen und Mittag zu essen. Dass der Opel ins Schlingern geraten war, habe er zwar im Augenwinkel erkennen können. Dass das Manöver aber so einen tragischen Ausgang nach sich zieht, habe er erst einen Tag später erfahren, als Zeugenaufrufe in der Zeitung veröffentlicht wurden und im Radio liefen. Unter Tränen entschuldigt er sich. „Es war nicht meine Absicht. Es tut mir leid“, sagt er stockend. Bei der Ehefrau des Verunglückten bittet er kurz nach dem Unfall schriftlich um Verzeihung.

Die Witwe sitzt am Donnerstag nicht mit im Saal. Sie tritt aber als Nebenklägerin auf. Ihr Rechtsbeistand Armin Krahl und Staatsanwalt Volkmar Hecht sind sich einig, dass der Sachverhalt nach den Zeugenaussagen und dem detaillierten Gutachten „vollständig und eindeutig“ aufgeklärt sei. Der Angeklagte habe grob fahrlässig gehandelt. Von schonungsloser Rücksichtslosigkeit könne nicht die Rede sein. Beide halten eine Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung für gerecht.

Richter Harald Rehbein sieht das genauso und verurteilt den Angeklagten auch so. Für ihn seien Fälle der fahrlässigen Tötung „emotional und am schwierigsten zu beurteilen“. Oft seien es die kleinsten Unaufmerksamkeiten, die für alle Verkehrsteilnehmer fatale Folgen haben können. In diesem Fall sei das Maß der Pflichtverletzung erheblich. Deshalb habe er keine Geldstrafe aussprechen können, sondern eine Freiheitsstrafe.