Von Catrin Würz

Einst war es das erste Haus am Platze in Großräschen und das älteste Hotel der Stadt: An „Huber’s Hotel“ – dem markanten Klinkerbau nordöstlich des Marktplatzes – kam zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Großräschen niemand vorbei. Zahllose Vereinsjubiläen, Gesellschaftsabende und Familienfeste wurden in dem schmuckvoll ausgebauten Gebäude gefeiert. Mit Konzertgarten, Vereinskegelbahn und Gesellschaftssaal bot das um 1900 errichtete Hotel dazumal alles, was des Gastes Herz begehrt.

Noch legendärer und spektakulärer wird der Ruf des Hauses aber, nachdem der Diplom-Gastronom und gelernte Koch Ulrich Acksel und seine Frau Karin im Jahr 1965 das Hotel unter dem Namen „Zur Altstadt“ übernehmen und zu einer der erfolgreichsten privaten Erlebnisgaststätten der ganzen DDR machen. Verrückte Themenabende samt internationaler Küche mit üppiger Dekoration, prächtigen Kostümen und teils frivoler Note finden hier statt. Acksel, der ein Multitalent und Unikum mit kuriosen Ideen ist, wird in jenen Jahren in einem Atemzug mit dem japanischen Erlebnisrestaurant „Waffenschmied“ in Suhl genannt („Sushi in Suhl“). „Viele Legenden und Gerüchte ranken sich in dieser Zeit um das Hotel. Es sind jedenfalls zwei Jahrzehnte, in denen es zum Kult wird“, weiß Holger Stroisch. Der 44-jährige Steuerberater aus Großräschen hat sich ziemlich ausgiebig mit der Historie des Hotels beschäftigt und viele Geschichten von älteren Großräschenern dazu gehört. Vor drei Jahren dann fasste er einen mutigen Entschluss: Der Betriebswirt und Unternehmer erwarb das zum Verkauf stehende und inzwischen denkmalgeschützte Gebäude und verfolgt nun eine große Vision: „Ich will dem Gebäude seinen alten Glanz zurückgeben.“

Ein ehrgeiziges Vorhaben, das ­sicher nicht ganz einfach sein wird. In den letzten zwei Jahrzehnten auf Verschleiß gefahren, ist der Glanz der alten Tage etwas dahin und der Lack ab. Das Gastwirtepaar Acksel verkaufte das Hotel 1987 aus gesundheitlichen Gründen an das Gleichrichterwerk Großräschen, mit dem die Immobilie nach der Wende in die Treuhandmasse fiel. Anfang der 1990er-Jahre wurde das Hotel wieder privatisiert und von verschiedenen Pächtern teils als Spielcasino und Pension bewirtschaftet. Seit über zwei Jahrzehnten betreibt Ursula Noack die Traditionsgaststätte im Erdgeschoss als Gastwirtin. Familienfeiern und Vereinstreffen stehen hier jetzt wieder auf dem Programm.

Holger Stroisch will als neuer Hotelbesitzer den alten Charme des Hauses künftig wieder betonen. Er freut sich über die noch vorhandenen alten Kronleuchter im Treppenhaus ebenso wie über die originalen Holztüren und den „ziemlich verrückten Hofausbau“. Der kleine Innenhof des Hotels war offenbar in den Siebzigerjahren mit steinernen Mauern, griechischen Säulen, efeuumrankten Wandelgängen und einem gefliesten Badebecken zu einem verspielten Fantasie-Land mit vielfältiger Nutzung gemacht worden. Der neue Hotelinhaber Holger Stroisch sieht dort künftig eine Außengastronomie mit Kaminzimmer und kleinem Weinkeller.

Der 44-jährige Betriebswirt ist ein Riesenfan des berühmten Filmes „Grand Budapest Hotel“. Auch, wenn „sein“ Hotel sicher nicht ganz so opulent und prachtvoll wie in der oscarpreisgekrönten Filmkulisse daherkommt – ein wenig morbiden Charme und historische Originalität des alten Gemäuers soll natürlich auch am Großräschener Markt erhalten bleiben. Stroisch will perspektivisch die Fremdenzimmer wieder eröffnen. „Sieben Hotelzimmer sind geplant und ein Frühstücks- und Veranstaltungsraum im ersten Obergeschoss“, erläutert er seine Pläne. Gerade für letzteres ist momentan jedoch noch ziemlich große Einbildungskraft nötig, um hinter den von den Vornutzern zurückgelassenen Gerümpel-Bergen die Vision von Holger Stroisch zu erkennen.

Der 44-jährige Familienvater ist gerade dabei, für die Finanzierung der Umbauten im Denkmalhaus Fördermittel zu beantragen. Er will seine ehrgeizigen Pläne mit Ruhe und Bodenständigkeit angehen. „Es ist eine Herausforderung für die nächsten rund fünf Jahre.“