Ende 2018 hat Klaus Uhl vom Regionalverband Senftenberg des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) sein Memorandum zum Senftenberger See präsentiert. In der Denkschrift, entstanden unter dem Eindruck der Inselrutschung vom 13. September 2018, wird dem Naturschutz im und am See eine höhere Bedeutung beigemessen als dem Tourismus. Klaus Uhl will den Fremdenverkehr dennoch unterstützen. Warum und wie genau, erklärt der Grünewalder im Interview.

Welche Reaktionen hat Ihr See-Memorandum bislang ausgelöst?

Klaus Uhl Vom Nabu-Landesverband Brandenburg gibt es für meine Denkschrift Unterstützung. Das Papier wurde von der jüngsten Delegiertenkonferenz als gut befunden. Auf der anderen Seite habe ich mich über die heftige Reaktion des Senftenberger Rathauses gewundert. Dort, so mein Eindruck, steht der Tourismus an erster Stelle und anschließend lange nichts. Ich möchte klarstellen, dass sich durch mein Memorandum niemand beleidigt fühlen soll. Stattdessen wäre es gut, wenn die Leser mal über das dort Geschriebene nachdenken.

Warum sehen Sie den Tourismus in Ihrer Denkschrift hinter der wasserwirtschaftlichen Funktion des Senftenberger Sees und dem Naturschutz an dritter und damit letzter Stelle?

Uhl Dass die Bedeutung des Gewässers für den Hochwasserschutz und als Speicherbecken am wichtigsten ist, dürfte niemand in Frage stellen. Dass anschließend der Naturschutz folgt, liegt in erster Linie am Naturschutzgebiet der Seeinsel. Das Eiland wurde bereits im Jahr 1981 unter Schutz gestellt. Und das aus gutem Grund. Während einer wissenschaftlichen Untersuchung im Jahr 2007 wurden im See mehrere extrem seltene Arten festgestellt, darunter Braun’s Armleuchteralge, die laut der Roten Liste Brandenburgs bereits als ausgestorben oder verschollen gilt. In der Roten Liste sind alle gefährdeten Pflanzen- und Tierarten festgehalten. Hinzu kommen mehrere vom Aussterben bedrohte Arten, beispielsweise das Knoten-Laichkraut und der Strandling. Der Senftenberger See und insbesondere seine Insel sind für den Naturschutz also Gold wert. Übrigens: Die Unterschutz-Stellung der Insel erfolgte anno 1981 nicht durch die Naturschützer, sondern war eine Forderung der Bergaufsicht.

Wie wollen Sie mit dem Tourismus am Senftenberger See umgehen?

Uhl Wissen Sie, gegen die normalen Touristen, die im See baden oder segeln oder Tretboot fahren, haben wir nichts. Diese Leute reisen mit dem Anspruch auf Ruhe, saubere Luft und sauberes Wasser an. Wogegen wir aber durchaus etwas haben, sind die Motorboote. Diese verschmutzen nicht nur das Wasser und Luft mit Abgasen und Öl, sondern stören auch die normalen Touristen. Eine kleine Gruppe gut Betuchter stellt sich also gegen die übergroße Mehrheit. Würde der Motorbootverkehr auf dem Senftenberger See eingedämmt oder gänzlich eingestellt, stiege dessen Erholungswert. Die Touristiker sollten auf elektrisch angetriebene Fahrzeuge setzen, ebenso auf solche mit weiteren alternativen Antrieben zu den Verbrennungsmotoren. Auf nur wenigen deutschen Seen sind Motorboote überhaupt noch erlaubt. Und auf dem bayerischen Königssee wird bereits seit rund 100 Jahren mit elektrischen Antrieben gefahren. Wir wollen einen zukunftsfähigen Tourismus. Wir möchten einen See, an dem sich auch unsere Enkel noch gut erholen können.

Die bevorstehende Sicherung der Insel bringt doch auch Einschnitte für den Naturschutz mit sich, oder?

Uhl Dazu wurden wir kurz vor Weihnachten von den Bergbausanierern von der LMBV erstmals zu einem Gespräch eingeladen. Dabei ging es um möglichst schonende Arbeiten an der Insel. Wir sind zu Lösungen gekommen, mit denen die Naturschützer durchaus mitgehen können. Beispielsweise wird vom Wasser aus im Schilfgürtel der Boden gerüttelt. Dadurch entstehen kaum Schäden. Diese wären bei Ufern, die für die Sanierung abgeschoben werden müssten, ungleich größer.

Können Sie sich eine Ausweitung des Naturschutzgebietes im Senftenberger See vorstellen?

Uhl Nein, das ist überhaupt nicht vorgesehen. Es geht vielmehr darum, den jetzigen Status zu erhalten, mit Ausnahme des Motorbootverkehrs. Wir sind auch sehr für eine Wiederfreigabe des Sees für die Touristen. Was die Insel betrifft: Klar könnte man sie aus sicherheitstechnischen Aspekten auch in Gänze abtragen. Mal abgesehen davon, dass dann der Wasserstand massiv absinken würde, muss man es sich heutzutage leisten können, ein solches Juwel für den Naturschutz dauerhaft zu erhalten. Mit ein bisschen Vernunft von allen Protagonisten am See ist dieses Ziel durchaus realistisch.

Mit Klaus Uhl sprach
Torsten Richter-Zippack