Von Torsten Richter-Zippack

In Schwarzheide gibt es eine städtebauliche Besonderheit. Und zwar den Schulkomplex auf der Dorfaue im Stadtteil West, dem früheren Zschornegosda. Das Ensemble besteht aus insgesamt sechs Schulhäusern, von denen heute noch fünf in ihrer originalen Form erhalten sind.

Das ist in der Region einzigartig. So einzigartig, dass Ortschronistin Doris Lanzke die Ansammlung von Schulhäusern am liebsten ins Unesco-Weltkulturerbe heben würde. „So etwas in seiner Kompaktheit gibt es weit und breit kein zweites Mal. Das muss doch gewürdigt werden“, argumentiert die Heimathistorikerin.

Deutschlandweit existieren aktuell 46 Unesco-Weltkulturerbestätten. In der Region sind es lediglich zwei, und zwar der Muskauer Park (seit 2004) sowie Schlösser und Parks in Potsdam und Berlin (1990-1999). Ein Schulensemble unter den Weltkulturerbestätten gibt es zwischen Ostsee und Alpen bislang nicht. Das bestätigt Stephanie Laumen von der Deutschen Unesco-Kommission auf RUNDSCHAU-Nachfrage.

Um Weltkulturerbestätte zu werden, ist es ein langer Weg, der rund zehn Jahre in Anspruch nehmen kann. Zunächst, so die Kommission, müsste dem Schulensemble ein „außergewöhnlich universeller Wert für die gesamte Weltgemeinschaft“ bescheinigt werden. Das sei Angelegenheit der jeweiligen Bundesländer und ihrer Denkmalbehörden. Anschließend könnte von deutscher Seite ein entsprechender Antrag eingereicht werden.

Nach Angaben des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum ist der Schwarzheider Schulkomplex bislang noch nicht einmal denkmalgeschützt. Lediglich die in das Ensemble integrierte Lutherkirche, erbaut in den Jahren 1754/1755, sowie der Luthergedenkstein von 1933 neben dem Gotteshaus besitzen Denkmalstatus. Insgesamt weist die Chemiestadt sechs Denkmäler auf. Das neueste ist der 36 Meter hohe Wasserturm (seit 2018).

Das Schwarzheider Schulensemble wurde innerhalb von rund 80 Jahren errichtet. Die erste Schule entstand anno 1849 an der Ecke Dorfaue/Mückenberger Straße. Heute befindet sich dort ein Wohnhaus. Bereits im Jahr 1859 wurde das wenig geräumige Gebäude durch einen massiven Bau schräg gegenüber ersetzt. Es diente später als Rektorenwohnhaus, seit dem Jahr 1998 als Heimstätte des Kultur- und Heimatvereins Schwarzheide.

Die Schule Nummer III entstand im Jahr 1894. Nach Angaben des ehemaligen Schwarzheider Lehrers Georg Lampke ließ die Eröffnung der Grube und Brikettfabrik Ferdinand durch neue Arbeitsplätze die Einwohner- und damit auch die Kinderzahl in der Region massiv ansteigen. Bereits im Jahr 1903 erfolgte die Einweihung der neuen Vierklassenschule keinen Steinwurf von der 1894er-Schule entfernt. Im Jahr 1912 folgte als Anbau dann das nächste Schulhaus. Seine Komplettierung erfuhr der Schulkomplex durch den letzten Anbau in den Jahren 1930/1931.

Zu DDR-Zeiten wurden vier der insgesamt sechs Schulen für den Unterricht genutzt, damals unter der Bezeichnung Polytechnische Oberschule „Otto Hurraߓ. Nach der politischen Wende bestand die Grundschule Schwarzheide-West noch bis zum Jahr 1997 weiter. Seitdem findet dort kein Lehrbetrieb mehr statt.

Aktuell läuft eine durch die Stadt beauftragte Erstellung einer Nutzungskonzeption. Der Schulkomplex, so heißt es aus dem Rathaus, soll umfangreich saniert werden, und zwar möglichst parallel zur Errichtung des geplanten Leistungszentrums Westlausitz. Laut Bürgermeister Christoph Schmidt (parteilos) könnte in Teilen des Schulkomplexes ein Internat für die Auszubildenden des überbetrieblichen Leistungszentrums untergebracht werden.

Des Weiteren sei die Einrichtung einer Kindertagesstätte vorstellbar. Allerdings könne die Kommune aufgrund des Wegbrechens von Gewerbesteuern in Millionenhöhe kaum entsprechende Eigenanteile für die Sanierung aufbringen. Die Stadtverordneten hatten bereits im Jahr 2016 für die Sanierung zur multifunktionalen Nutzung grünes Licht gegeben.