Von Torsten Richter-Zippack

„Besser kann ich es auch nicht.“ Das ist das größte Lob, das die Senftenberger Polizeihauptkommissarin Sandy Feige an Hartmut Keitel weitergibt. Die Beamtin meint damit das Reaktionsvermögen des 80-jährigen Autofahrers. Während einer Gefahrensituation am Simulator hat der Lauchhammeraner lediglich eine halbe Sekunde Zeit benötigt, um eine Vollbremsung hinzulegen. Bei einem Tempo von 50 Stundenkilometern hätte das Auto nach 22 Metern gestanden. „Darf ich jetzt weiter Auto fahren?“, fragt der pensionierte Physiker die Polizistin. „Aber sicher doch“, kommt die Antwort von Sandy Feige wie aus der Pistole geschossen.

Polizei und ADAC haben zum Mobilitätstag nach Lauchhammer eingeladen. Mit Informationen und Tests sprechen die Uniformierten und die Mitarbeiter des Automobilklubs ältere Kraftfahrer an. Neben dem Reaktionsgerät können Seh- und Hörsinn getestet werden. „Ziel ist es, Selbstzweifel auszuräumen, gegebenenfalls Fahrdefizite aufzuzeigen und diese in den Griff zu bekommen“, erklärt Klaus-Ulrich Hähle vom ADAC Berlin-Brandenburg.

Bei Hartmut Keitel ist jedenfalls alles bestens. „Ich bemerke trotz meines Alters kein verändertes Reaktionsvermögen“, sagt der 80-Jährige. Er fahre selbst Strecken bis ins Saarland oder nach Südtirol mit dem eigenen Auto. Keitels Erfolgsrezept: „Ich bin defensiv unterwegs. Wer aggressiv fährt, bringt sich und andere nur in Gefahr“, begründet der Lauchhammeraner. Bereits seit rund sechs Jahrzehnten besitzt Hartmut Keitel seinen Führerschein.

Seit immerhin fast 30 Jahren nennt Karin Burghard die Fahrerlaubnis ihr Eigen. Auch bei der Mitfünfzigerin ist am Reaktionstestgerät alles im grünen Bereich. Auf zwölf bis 15 000 Kilometer komme die Lauchhammeranerin pro Jahr mit ihrem Auto. Sie fühle sich auf jeden Fall fit, noch möglichst lange selbst hinterm Steuer unterwegs zu sein. Eine Stelle hält Karin Burghard in der Kunstgussstadt allerdings für ziemlich gefährlich: „Wenn man vom Butterberg hinunter in Richtung des Schwimmbades fährt, kommt eine Rechtskurve, die mit einem Spiegel ausgestattet ist. Allerdings sieht man dort nichts wegen der Bäume.“

Polizistin Sandy Feige bricht indes für die mobilen Senioren eine Lanze: „Ich fahre lieber hinter dem berühmten Opa mit Hut hinterher als dass mich von hinten ein Drängler nervt.“ Ältere Leute, so berichtet sie, fahren erfahrungsgemäß vorsichtiger als andere Autofahrer. Rentner seien keineswegs besonders häufig an Unfällen beteiligt, wie viele jüngere Leute nicht selten denken. „Wesentlich schlimmer sind da Fahrer unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln“, erklärt Feige.

Wann indes ein Mensch nicht mehr fahrtüchtig ist, könne niemand adhoc sagen. „Manche sind mit 80 Jahren noch völlig fit, andere haben dagegen schon mit 60 erhebliche Probleme“, fasst die Polizeibeamte zusammen.

Indes präsentiert sich das Interesse am ADAC-Mobilitätstag für Senioren vor dem Lauchhammeraner Marktkauf eher verhalten. „Eigentlich müssten die Leute doch Schlange stehen“, resümiert Klaus-Ulrich Hähle. Aber Lauchhammer sei da kein Einzelfall, auch anderenorts kämen nur wenige Rentner. „Das Hauptargument, das wir zu hören bekommen, wenn wir die Leute ansprechen, ist, dass sie gerade überhaupt keine Zeit hätten“, weiß Hähle aus Erfahrung. Der Experte schätzt, dass von den rund eine Million ADAC-Mitgliedern in Berlin und Brandenburg mehr als die Hälfte bereits über 60 Jahre alt sei.

In der heutigen Zeit sei es gerade in den ländlichen Regionen unverzichtbar, möglichst lange mobil zu bleiben. „Mit dem öffentlichen Nahverkehr mal zum Einkaufen oder zum Arzt ist eher problematisch. Da ist das eigene Auto am geeignetsten“, sagt Klaus-Ulrich Hähle. Im Übrigen lehne der Automobilklub einen gesetzlich verpflichtenden Test zur regelmäßigen Überprüfung der Fahrtüchtigkeit bei Senioren ab. Dafür spricht eine Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen. Lediglich sechs bis sieben Prozent der Rentner in Deutschland ließen sich aufgrund von Altersstarsinn nicht helfen.

Sandy Feige berichtet indes von Fällen, wo Familien zur Polizei kämen, die die Beamten bitten, der Oma oder dem Opa den Führerschein zu entziehen. „Das ist nur schwer möglich“, erklärt die Beamtin. Stellt hingegen die Polizei nach einem Unfall fest, dass sich der Zusammenstoß auf eine körperliche Beeinträchtigung zurückführen lässt, gebe es eine Meldung an die Fahrerlaubnisbehörde in Calau. Das betreffe pro Jahr allerdings nur ein bis zwei Menschen in der Region.