Graf Guido zu Lynar ist tot
: Einer der letzten „authentischen Aristokraten“ in Lübbenau verstorben

Guido Graf zu Lynar (1932-2023) ist im Kreise seiner Familie in Lübbenau friedlich eingeschlafen. Er wurde 91 Jahre alt. Ein Nachruf.
Von
Peter Becker
Lübbenau
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Guido Graf zu Lynar ist im Kreise seiner Familie in Lübbenau friedlich eingeschlafen.

Peter Becker

Guido Graf zu Lynar sagte einmal: „Der Spreewald, Lübbenau, Dubrau – das sind die Orte, die meinen Kindern und Enkeln eine Heimat sein sollen, in die sie – wohin immer auf der Welt es jeden einzelnen von ihnen im Leben auch verschlagen mag – jederzeit wieder zurückkehren können.“ Seine Söhne wohnen mittlerweile mit ihren Familien wieder im Spreewald, den Graf Guido einst verlassen musste – eine Region, die nun für seine Enkel die gleiche Heimat ist wie einst für den Großvater.

Er selbst konnte sich noch gut an die Kindheit im Schloss Seese bei Lübbenau erinnern, besonders auch an die Jagderlebnisse, die er mit seinem Vater Wilhelm Friedrich Graf zu Lynar hatte. „Er hat mich oft in der Kutsche oder manchmal auch auf dem Pferd zur Jagd mitgenommen. Einmal hat mein Vater mich abgesetzt und ist allein weitergepirscht. In der anbrechenden Dunkelheit habe ich Angst bekommen, zumal auch noch ein Rehbock schreckte“, erinnerte sich der 1932 geborene Guido Graf zu Lynar. Mit der Zwille, einer Steinschleuder, erlangte er im Wettkampf mit den Seeser Dorfjungen Perfektion. „Die Spatzen, die waren vor mir nicht sicher“, bekannte er sich freimütig zu seiner frühen Jagdleidenschaft.

Vater Wilhelm Friedrich Rochus Graf zu Lynar hatte Anfang der 1940er-Jahre kaum noch Zeit zum Jagen. Der Major der Wehrmacht war Stabsoffizier in Berlin und in die Attentatspläne gegen Hitler eingeweiht. Sein Vorgesetzter und Mitinitiator des Putschversuches, Generalfeldmarschall von Witzleben, wohnte sogar einige Zeit im Seeser Schloss.

Der damals zwölfjährige Guido erinnerte sich an den Tag, an dem seine Mutter auf einer Postkarte die Todesnachricht erhielt: Ihr Mann, Vater von sechs Kindern, sei vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 29. September 1944 hingerichtet worden. Zu allem persönlichen Unglück kam dann noch die Enteignung des gräflichen Besitzes durch die Nazi-Regierung.

Zwei Söhne im Kriegseinsatz

Die Mutter durfte mit den Kindern noch auf Schloss Seese wohnen bleiben. Zwei ihrer Söhne befanden sich im Kriegseinsatz, sie wurden degradiert und zu Himmelfahrtskommandos eingesetzt. Friedrich Graf zu Lynar sollte noch in den letzten Kriegswochen ein Einmann-U-Boot steuern – ein sicheres Todesurteil. Eine schwere Erkrankung ließ den Einsatz glücklicherweise nicht zu.

Rochus Graf zu Lynar war in Italien im Einsatz, sein Schicksal erfuhr die Familie erst 1963. Dazu gibt es den ausführlichen Bericht eines ehemaligen Kameraden und eine Sterbeurkunde, in der sein Todestag auf den 26. April 1945 und ein Ort bei Finale (Italien) notiert sind. Dort ist er wohl bei einem Rückzug durch einen Granateinschlag gefallen.

Guido Graf zu Lynar hatte in der Seeser Zeit mit seinem jüngeren Bruder Christian einen Hauslehrer. Nach Kriegsende besuchten beide bis 1949 das Carl-Blechen-Gymnasium in Cottbus. Inzwischen hatte sich das politische Umfeld für die bereits von den Nazis bestrafte Familie noch einmal verschlechtert. Im aufstrebenden Arbeiter- und Bauernstaat war keine Zukunft für die adlige Familie erkennbar. Beide Söhne wurden zur weiteren Ausbildung in die Westzone geschickt.

Graf Guido kam nach Oldenburg in ein evangelisches Schülerheim. Er besuchte weiter das Gymnasium, musste aber das „Ostjahr“ wiederholen. „Vielleicht waren meine Leistungen in Mathematik zu schlecht, schließlich kam ich von der Fünf nicht runter“, bekannte er freimütig. Er verzichtete folgerichtig auf das Abitur und wurde – Kaufmann.

Nicht so etwas Abstraktes wie Algebra und Cosinus

„Das war schon eher was, nicht so etwas Abstraktes wie Algebra und Cosinus“, beschrieb er seine Berufswahl. Die Familie, mit der inzwischen ebenfalls übergesiedelten Mutter, bekam Unterstützung vom „Hilfswerk 20. Juli 1944“, sodass ein einfaches, aber gesichertes Leben möglich wurde.

Nach der Lehre erfolgten eine Anstellung und eine weitere Ausbildung bei der Hoechst-AG. Schon 1957 wurde Graf Guido in den Außendienst, nach Brasilien, versetzt. Diese Zeit war ihm in nicht sonderlich guter Erinnerung geblieben, denn die Bezahlung war schlecht, die Inflation in dem südamerikanischen Land fraß jegliche noch so kleine Spareinlage auf.

Nach drei Jahren wollte Graf Guido wieder zurück, aber der Konzern schickte ihn nach Lissabon, um die dortige Filialleitung zu übernehmen. Lediglich seinen in Norwegen als Pfarrer tätigen Bruder Friedrich konnte er vor seinem nächsten Auslandseinsatz noch einmal gemeinsam mit der Mutter besuchen.

Er kündigte 1965 bei der Hoechst-AG und nahm eine Tätigkeit in einer von einem Österreicher geführten Papierfabrik auf. Hier lernte er auch seine zukünftige Frau Beatrix kennen. Sie lebte bei ihrem Onkel, dem damaligen deutschen Militärattaché in Portugal. Mit der Hochzeit wurde sie eine Beatrix Gräfin zu Lynar und folgte ihrem Mann zu seinem nächsten Arbeitsort nach Mosambik. Sein ehemaliger Arbeitgeber Hoechst hatte ihn gebeten, doch wieder für die Firma tätig zu werden, nun aber in der damaligen portugiesischen Kolonie.

Auf den Baumwollfeldern sollte der Einsatz von Pflanzenschutz- und Düngemitteln erprobt werden – ein Projekt zur Unterstützung der heimischen Wirtschaft. Noch bevor das Land 1975 seine Unabhängigkeit erlangte, ging Graf Guido 1973 wieder nach Portugal zurück und übernahm bis zu seiner Pensionierung 1990 eine Tätigkeit in der Geschäftsführung der dortigen Hoechst-AG.

In dieser Zeit zeichneten sich in seiner alten Lausitzer Heimat große Umwälzungen ab. Bruder Christian Graf zu Lynar war inzwischen schon vor Ort tätig und bemühte sich um Rückübertragung des Familienbesitzes in Lübbenau. Da die Familie schon von den Nazis enteignet worden war, erwartete sie keine allzu großen Schwierigkeiten – das Gegenteil war aber der Fall.

Schloss Lübbenau heute

Michael Helbig/Archiv

Umbauten zu einem Schlosshotel

Die Treuhand hatte das Schloss Lübbenau schon einem Käufer zugesprochen, allerdings noch nicht rechtskräftig. Für vier Millionen DM-Mark hätten auch die Lynars ihr Eigentum zurückkaufen können, falls nicht ihrem Antrag auf Rückübertragung entsprochen worden wäre. Nach zwei Jahren, im Frühjahr 1992, war es dann endlich so weit. Ihr Restitutionsantrag wurde positiv beschieden. Die Lynars durften ihr Jahrhunderte altes Eigentum auch wieder ihr Eigentum nennen.

Im Schloss erfolgten Umbauten zu einem Hotel, die Familie war vollständig in die zahlreichen Aufgaben und Arbeiten eingebunden. Für das Hotel wurde ein Hoteldirektor gesucht und in Sohn Rochus gefunden. Der war damals, wie schon sein Vater früher, im Brasilieneinsatz tätig, als er den schicksalhaften Telefonanruf erhielt: „Junge, ich habe einen Job für dich!“ Erzogen, für die Familie da zu sein, wenn man gebraucht wird, folgte der Sohn dem väterlichen Ruf.

Vom Kohlebergbau unwiederbringlich zerstört

Guido Graf zu Lynar konnte sich dennoch nicht entspannt zurücklehnen, er kümmerte sich um die Klärung der weiteren vielen offenen Eigentumsfragen. Vieles aus dem Besitz der Familie, wie das Seeser Schloss, ist vom Kohlebergbau unwiederbringlich zerstört worden. Zahlreiche Unterlagen und Eintragungen in den Katastern sind unvollständig oder falsch.

Die von Kindheit an erlebte Leidenschaft für die Jagd war ihm noch lange Zeit geblieben, dennoch hatte er sie schon vor Jahren beendet, weil „Wildtiere edle Tiere sind und nur von einem fitten Jäger erlegt werden sollen – und so fit sehe ich mich nicht, ich möchte kein Tier krankschießen“. Sein letztes großes Jagderlebnis war ein 16-Ender Hirsch, ziemlich genau dort erlegt, wo alles begann – in Seese.

Mit jedem Menschen aufrichtig

Rochus Graf zu Lynar sagt: „Unseren Vater würde ich als einen der letzten authentischen Aristokraten und durch und durch wahren Humanisten bezeichnen. Er war bescheiden, nach außen völlig uneitel – und sein Wort galt. Er war mit jedem Menschen aufrichtig, völlig unerheblich von dessen Herkunft, Status, Religion – und hatte dabei seinen unvergleichlichen Witz und Charme. Uns Kinder hat er allein durch Vorbild geprägt, so durften wir uns völlig frei entfalten – und hatten dennoch festen Halt. Er konnte loslassen und machen lassen, was für unser generationenübergreifendes Tun bestimmend ist – und wiederum blieb er die letzte Instanz, an dessen Schultern wir uns anlehnen konnten.“

Diese Schultern hat die Familie nicht mehr. „Das ist eine schmerzliche Erkenntnis und ein großer Verlust. Aber seine Lebenshaltung hat uns geprägt, sodass wir sein Vermächtnis weitertragen können. Eine Lebenshaltung, die in einem Zitat von Dietrich Bonhoeffer sehr treffend formuliert wird: ‚Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben fürs Leben die richtige Haltung‘.“

Letzte Ruhe

● Der Trauergottesdienst findet am 25. November um 10.30 Uhr in der Lübbenauer Nikolaikirche statt.

● Christian Graf zu Lynar war der erste Lynar, der nach der Wiedervereinigung wieder in seiner geliebten Heimat beerdigt werden konnte. Er wurde auf der von ihm initiierten Familiengrabstelle bestattet, die in einem Waldstück des Mloder Friedhofs liegt. Graf Guido wird hier seine letzte Ruhe finden.