Herr Meyer, potenzielle Millionärsanwärter sind in Ihrem Buch noch junge Menschen mit einem Jahreseinkommen von mindestens 60 000 Euro brutto. 20 Jahre lang sollen sie laut Ihrem Finanzplan 500 Euro monatlich für das Investmentsparen abzweigen, um das große Ziel zu erreichen. Ist Ihre Zielgruppe nicht sehr eingeschränkt?

Meyer In Deutschland verdienen fast sieben Millionen Menschen so viel Geld oder mehr. So klein ist diese Zielgruppe also nicht. Gerade diese gut verdienenden Personen stehen am Ende ihres Arbeitslebens übrigens am ärmsten da, wenn sie nicht vorsorgen. Wer 5000 Euro brutto bekommt, aber in 45 Arbeitsjahren nichts beiseitelegt, der bekommt vom Staat nur 1750 Euro Rente monatlich.

Sie empfehlen in Ihrem Buch Investmentsparen. Damit sei nicht nur für das Alter gut vorgesorgt. Man könne sogar Millionär werden.

Meyer Dazu muss man wissen, dass die Börse an sieben von zehn Tagen steigt, an nur drei Tagen fällt sie. Das ist nun schon seit 1801 so. Es gibt traditionsreiche offene Aktienfonds mit einer breiten Streuung an Firmenbeteiligungen, die bereits seit Jahrzehnten bestehen und auf lange Sicht bis elf Prozent Rendite im Jahr bringen. Aber schon bei 7,18 Prozent verdoppelt sich angelegtes Geld innerhalb von zehn Jahren. Eine Beteiligung am Deutschen Aktienindex (Der Dax misst die Wertentwicklung der 30 größten Unternehmen des deutschen Aktienmarktes, Anmerk. d. Red.), den es seit 1998 gibt, hat Anlegern bis heute im Durchschnitt acht Prozent Ertrag im Jahr beschert.

Was unterscheidet einen offenen Fond von einem geschlossenen?

Meyer Der offene Fond ist staatlich überwacht. Es kann nie das ganze Geld weg sein. Dann müssten schon alle Unternehmen zur gleichen Zeit Konkurs anmelden, so wie zuletzt Thomas Cook, und die Konkursmasse müsste null sein. Die breite Streuung schützt.

Warum nutzen so wenige Menschen diese Anlagemöglichkeit?

Meyer Wir Deutschen sind so erzogen, dass wir uns erstens auf den Staat als Fürsorger verlassen und zweitens das Geld aufs Sparkonto packen. Dort wird es jedoch entwertet. Eine Summe X ist heute am Ende des Jahres zwei Prozent weniger wert als am Anfang des Jahres aufgrund der Inflation. Auch bei Bundesanleihen verliere ich Geld. Wenn Sie dem Staat heute 10 000 Euro geben, dann bekommen sie nach zehn Jahren 9400 Euro zurück. Gleichzeitig aber bürdet der Staat den Leistungsträgern der Gesellschaft enorm viel auf. 45 Prozent Sozialabgaben, persönliche Steuer, Mehrwertsteuer. Zwei Drittel ihres Einkommens gehen weg. Das hat mich angepiekst, dieses Buch zu schreiben. In der Politik muss endlich angefangen werden, über Wertschöpfung und Investmentsparen zu reden. Wie beteiligen wir die Gesellschaft am Produktivkapital?

Ich dachte, es geht im Buch um die Frage, wie werde ich Millionär?

Meyer Die Million, der Millionär ist nur eine Metapher für das, was ich mit meinem Buch erreichen will. Ich möchte, dass mehr über Geld geredet wird und finanzielle Bildung Einzug hält. Dann können die Menschen in Finanzfragen auch bessere Entscheidungen treffen. Dann haben sie bessere Chancen, finanzielle Freiheit zu erlangen. Es muss ja nicht für jeden die Million sein, vielen reichen die Hunderttausend.

Anliegen für Sie scheint aber auch zu sein, das Image der Millionäre zu verbessern. Sie reden vom „Millionär von nebenan“.

Meyer Wissenschaftlich bewiesen ist, dass Wohlhabende gesünder sind, weniger häufig kriminell werden und sich stärker einbringen für das Gemeinwohl. Mit dem „Millionär von nebenan“ will ich sagen, dass sich die meisten rechtschaffenen Reichen als solche gar nicht zu erkennen geben. Sie treten öffentlich nicht groß auf. Dennoch überwiegt meinem Eindruck nach das Negativimage: Millionäre tricksen, kennen die Steuerschlupflöcher, agieren hart am Rande der Illegalität und nehmen anderen das Geld weg.

Woher kommt Ihrer Meinung nach dieses schlechte Image?

Meyer Weil man das Leben eines Reichen selbst nicht leben kann oder will, redet man es schlecht. Das eigene Leben wird schön geredet. Dabei wollen viele selbst zu Geld kommen. Warum werden 45 Milliarden Euro im Jahr in Deutschland nur für Glücksspiel ausgegeben? Jeder zweite deutsche Erwachsene spielt Lotto. Die Sehnsucht nach finanzieller Freiheit ist weit verbreitet. Aber nicht jeder will den langen und beschwerlichen Weg auf sich nehmen und einem Investment-Sparplan folgen. Gleich und sofort funktioniert aber nicht. Selbst wer im Lotto eine Million gewinnt, der verliert das Geld nach vier, fünf Jahren meist wieder, der ist danach sogar noch ärmer als vor dem Gewinn.

Dann also lieber Ihrem Plan folgen. Sie selbst schreiben, dass man dafür neben viel Willen und Disziplin sowie einem guten Einkommen auch einen guten Finanzberater braucht. Doch wie findet man den am besten?

Meyer Indem sie ihm folgende drei Fragen stellen: Haben sie das auch, was sie mir empfehlen? Wie viel haben sie davon? Kann ich das bitte mal sehen? Wenn er diese Fragen zu Ihrer Zufriedenheit beantwortet hat, sind Sie einen Schritt weiter.

mit Jean Meyer
sprach Daniel Preikschat