Von Gregor Balke

Im Oktober 1919 – die Weimarer Reichverfassung war erst wenige Wochen zuvor in Kraft getreten – gründete der 28 Jahre alte Mechanikermeister Erich Goyn in Lübbenau eine Werkstatt für die Reparatur von Fahrrädern und Nähmaschinen. So wechselhaft wie die 1920er-Jahre verliefen auch die ersten Jahre des noch jungen Unternehmens.

Zunächst begann man in der Vorstädtischen Hauptstraße auf dem Hof der ehemaligen Bäckerei Donath. Die Nachfrage nach Reparaturen stieg schnell an und mit dem größeren Bedarf wurde der Hof immer kleiner. Mehr Platz bot sich nur wenige Hausnummern weiter in der Vorstädtischen Straße 69, wo heute die Tischlerei Kurtze zu finden ist. Dort war ausreichend Raum für Mopeds, Radios und Ackergeräte, wie den legendären Holder, die nun nach und nach das Tätigkeitsspektrum Erich Goyns ergänzten. Sogar Munition für Jäger und die Lübbenauer Schützengilde wurde in dieser Zeit gefertigt. Es waren – wie so oft in diesen Jahren – wilde Zeiten. Bald kam die Idee auf, eine Tankstelle zu bauen. Planung und Genehmigung waren schon beendet, da bot sich ein neuer Standort für das Unternehmen.

Anfang der 1930er-Jahre erfolgte der Umzug in die Bahnhofstraße, wo Fahrrad Goyn bis heute seine Kunden empfängt. Alles in weitaus kleinerem Rahmen als heute: Es standen lediglich die Mittel für eine Werkstatt und die geplante Tankstelle zur Verfügung. Die rund 4000 Einwohner zählende Spreewaldstadt verfügte damals zwar über einige Tankstellen, die allerdings im Wortsinne tatsächlich nicht mehr als „Stellen zum Tanken“ waren. Erich Goyn eröffnete die erste Leuna-Tankstelle Lübbenaus. „Deutsche tankt deutsch“, lautete damals der Slogan.

Die Zeiten wurden bekanntlich nicht ruhiger und die Weimarer Republik sollte – im Gegensatz zum Geschäft von Erich Goyn – nicht sehr alt werden. Peter Hnida, Erich Goyns Urenkel, erinnert sich an die Erinnerungen seiner Ahnen: „Mit der neuen Werkstatt wollte man jetzt auch in der Autobranche tätig werden. Der Krieg machte aber, wie überall, viele Träume kaputt und die Entwicklung ging andere Wege. Nach dem Krieg wurde es nicht einfacher.“ Es folgte eine entbehrungsreiche Zeit, in der sein Urgroßvater hauptsächlich mit Reparaturen und Ausbesserungen beschäftigt war, darunter vorrangig Fahrräder, Mopeds und Nähmaschinen sowie allerhand Kleinkram. „Der Handel war untersagt, vieles ergab sich unter der Hand. Dass die Zeit der großen Improvisationen damals erst so richtig begann, konnte man schon ahnen“, sagt er

1961 übernahm Erich Goyns Sohn Hermann, der selbst schon seit 1936 mitarbeitete, das Geschäft. Der Mann mit der unverwechselbaren Baskenmütze ordnete die Geschicke des Ladens und prägte den Charakter von Fahrrad Goyn für eine lange Zeit. „Mit seiner Bescheidenheit und ruhigen Art konnte er die akute Materialknappheit fast vergessen machen. Aber eben nur fast. Es gab zwar Garantieverträge mit Diamant, Mifa und Simson, doch für die ostdeutsche Konsumgüterproduktion seinen Kopf hinzuhalten, machte nicht immer Spaߓ, sagt Peter Hnida, der seinen Traumberuf Lokführer aufgab und 1988 ebenfalls in das Geschäft einstieg. Fahrradhändler in der DDR hatten wie alle Branchen ihren kleinen Kampf zu kämpfen, wie Peter Hnida erzählt: „In aller Früh ging es an Besorgungstagen erstmal zum Kegelbruder Ernst Krügermann, um grünes Gold als Währung einzuladen“, erinnert er sich. Dann trat der Trabi Kombi seine Fahrt in Richtung Ortrand und Meißen an. Dort wurden Bremsbacken regeneriert, immer mit neuen Belegen auf alten Bremskörpern. „Ich gab zwanzig Backen ab und bekam 16 Überholte wieder. Ein fairer Tausch damals, aber die ersten Gurken waren da natürlich auch schon weg“, so Peter Hnida. Bei der nächsten Station wurden überarbeitete Antriebe getauscht, das Verhältnis war das Gleiche. Weiter ging es entlang der sächsischen Weinstraße nach Dresden. In der Zylinderschleiferei erhielten die Kurbelwellen und Mopedzylinder ein neues Leben – manche schon zum sechsten Mal. Auf dem Rückweg wurde in Senftenberg die ELG angefahren. Das war der offizielle Versorgungspartner für Zweiradschuster. „Man gab seinen immer gleichen Zettel mit mindestens fünfzig Wünschen ab – zehn wurden manchmal auch erfüllt. Dann ging es ohne Gurken wieder nach Hause.“

Nach der Wende waren derartige Touren Geschichte, dafür warteten andere Herausforderungen. 1990 übernahm Peter Hnida die Firma von seinem damals 71-jährigen Großvater. In der nunmehr freien Marktwirtschaft wuchs das Unternehmen in kleinen Schritten. 1992 erfolgte der Neubau des Ladengeschäftes. Der Fokus lag nun auf Handel und Service. 1998 verstarb Hermann Goyn, der bis zum letzten Tag hinter seinem Schraubstock stand. Ohne ihn ging das Unternehmen ins neue Jahrtausend: 2005 wurde die Verkaufsfläche erheblich vergrößert, 2015 erfolgte die Gründung einer KG, die vor allem die Firmennachfolge langfristig sichern soll. Seitdem führt Peter Hnida das Unternehmen gemeinsam mit Robert Reißmann. Fast zwanzig Lehrlinge wurden seit 1990 ausgebildet, sechs Mitarbeiter hat die Firma heute – alle genossen dort auch ihre Ausbildung und alle eint die Begeisterung fürs Fahrrad.

Wie ein Anachronismus mag anmuten, dass Hnida und Reißmann in Zeiten von Tesla und E-Roller noch Fahrräder verkaufen, die allein mit Muskelkraft angetrieben werden. Doppelt anachronistisch erscheint, dass sie das angesichts von Amazon und Co. im Einzelhandel tun. Peter Hnida sagt dazu: „Unsere Kunden schätzen es, dass wir sie vor Ort beraten, dass sie sich ausprobieren können und immer einen Ansprechpartner haben, wenn mal was klemmt.“ Er weiß, dass es Fahrradfahrer nicht immer leicht haben. Deswegen schätzt der passionierte Radler, der mit dem Zweirad schon lange Touren in ganz Europa und Asien zurückgelegt hat, den Spreewald: „Wer Fahrradfahren in Deutschland aus Städten wie Berlin kennt, kennt es nur als Flucht vor der nächsten Kollision. Wer aber in Amsterdam oder Kopenhagen Fahrrad fährt, erlebt eine ganz andere Leichtigkeit. Und die haben wir zum Glück auch im Spreewald.“ Nicht nur deswegen erweist sich der Standort, den Erich Goyn damals wählte, womöglich als gutes Omen für weitere 100 Jahre Fahrradfahren mit dem Gütesiegel Goyn.