Von Philipp Brendel

Im Schein der Kerzen stehen viele Lübbenauer in den kühlen Abendstunden des 30. Oktober dicht beieinander gedrängt. Mit dem Blick in die flackernden Kerzen wird jeder für sich ganz individuelle Erinnerungen mit der Zeit der Wende verbinden. Viele der Anwesenden sind damals am 30. Oktober 1989 wohl mit dabei gewesen, als die mittlerweile in der gesamten DDR stattfindenden Demonstrationen nun auch in Lübbenau begannen.

Vor der Katholischen Kirche „St.-Maria-Verkündigung“ wird an diesem Abend ein Gedenkstein eingeweiht, der an den Beginn dieser Demonstrationen in Lübbenau erinnert. Den würdigen Rahmen des Abends begleitet ein Ökumenischer Gottesdient, in dem die Festrede Günter Nooke, Persönlicher Afrikabeauftragter der Bundeskanzlerin, einen besonderen Höhepunkt darstellt. Der aus dem brandenburgischen Forst stammende DDR-Bürgerrechtler war zur Wendezeit 1989 selbst Gründungsmitglied des „Demokratischen Aufbruchs“ und schloss sich später der Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“ an.

In der ausführlichen Festrede erinnert Nooke nicht nur an die politischen Umwälzungen der Wendezeit in Deutschland und ganz Europa, sondern schlägt auch Parallelen für die Politik bis in die heutigen Tage. In einem geschichtlichen Abriss, der von den Wahlfälschungen 1989 und der Fluchtbewegung im Sommer des gleichen Jahres bis zum Mauerfall am 9.11. reicht, stellt er zugleich die tiefgreifenden Entwicklungen für das damalige Europa heraus: „Europa wurde in weniger als zwei Jahren auf den Kopf gestellt. Die Diktaturen im Osten Europas implodierten.“

Die Parallelen in unserer heutigen Zeit scheinen laut Nooke ganz ähnlich: „Europa gerät wieder aus den Fugen. Es bildet sich eine neue Weltordnung beziehungsweise Unordnung heraus.“ Europa sei vergleichbar mit einem großen Haus. Für die Statik eines Hauses wie auch eines politischen Gebildes wie Europa gebrauche es sichere Mauern – es gäbe notwendige und unnötige Mauern. Die Berliner Mauer beispielsweise, so Nooke, sei eine unnötige Mauer gewesen, denn sie war nicht mehr als eine „Gefängnismauer“.

Besonders kritisch setzt sich Nooke auch mit den Problemen der aktuell politischen Tagesordnung auseinander: Brexit, Schuldenpolitik, Flüchtlingsthematik. Diese Herausforderungen könne Europa bestehen, vor allem auch durch die Erfahrungen der Wendezeit 1989/1990: „Unsere Zukunft ist von uns gestaltbar.“

Nach der Festrede wird den anwesenden Gästen der Freiraum ermöglicht, Erinnerungen an die Wendezeit gemeinsam zu teilen. So wird beispielsweise an die schwierige Situation der ersten Demonstrationen in Lübbenau gedacht, die bei einer ersten Demo mit gerade einmal zwanzig Personen begannen – die Angst vor Stasi und Repressalien war noch zu groß: „ Wir brauchten einen Ort, wo die Leute loslassen konnten.“ Dieser Raum wurde schließlich den Lübbenauern mit der Öffnung der Katholischen Kirche gegeben. Der Andrang sei so groß gewesen, dass die Leute bis auf die Straße des Friedens hinausstanden: „Die Leute wollten endlich zu Wort kommen.“

Für die meisten der Anwesenden ist die Wende ein in vielerlei Hinsicht einschneidendes Ereignis gewesen: „Die Wende ist das große Thema unseres Lebens. Wir hatten schon nicht mehr dran geglaubt – dann ist es doch passiert.“ Für die Menschen war es eine Befreiung von einem politischen System, welches mit Drangsalierung und Indoktrination arbeitete: „Das Entscheidende war nicht unbedingt der Mangel, sondern die geistige Manipulation der Menschen.“ Pfarrer Matthias Grzelka, der selbst auch die Demonstrationen in Spremberg miterlebt hat, betont die Einmaligkeit der damaligen Situation: „Man hat kollektiv die Angst überwunden und sich getraut aufzustehen.“

Eine Stimme aus dem jüngeren Publikum wendet sich schließlich dankbar für die heutzutage bestehenden Freiheiten an die anwesenden Gäste, von denen viele aktiv an der politischen Wende beteiligt waren: „Danke, dass Sie damals auf die Straße gegangen sind.“