Normalerweise würde auf dem Rummelplatz in Vetschau in diesen Tagen ein riesiges Zirkuszelt stehen. Ein lachender Clown würde die Besucher in die Manege führen. Stattdessen befinden sich auf dem Areal lediglich ein paar Wagen, ein leeres Kassenhäuschen und Unterstellplätze für Tiere. Am Sonntag ist der Wanderzirkus „Gebrüder Köllner“ angereist. Nun steht die Familie auf dem Platz an der Juri-Gagarin-Straße wie festgefahren. Zirkusaufführungen sind wegen der Ausbreitung des Coronavirus untersagt.

„Wir haben für die nächsten Wochen ein komplettes Auftrittverbot“, sagt Jürgen Köllner. Er kann sich nicht wie sonst als Feuerspucker präsentieren, seine Frau Jessica nicht am Messerbrett. Dem zwölfköpfigen Team sind die Hände gebunden, der Clown muss traurig in seinem Wagen bleiben. Die nach Vetschau geplanten Stationen in Lübben, Lübbenau und auch die lukrative Osterspielzeit in Guben - alles ist abgesagt, ein Ende der Pause ungewiss. „Wir wissen nicht, was wird“, sagt die Familie.

Versorgung der Tiere wird wegen Coronavirus schwieriger

Früher seien andere Seuchen verhältnismäßig schnell vorübergegangen, blicken die Köllners zurück. Doch Corona habe eine andere Dimension. „Das Coronavirus bedroht nicht nur die Gesundheit, sondern inzwischen auch unsere wirtschaftliche Existenz“, sagt Jessica Köllner. Ohne Aufführungen keine Einnahmen, ohne Einnahmen keine Eigenversorgung mit Lebensmitteln. Auch die Versorgung ihrer Tiere – darunter Lamas, Pferde, Ziegen, Tauben und Hasen – mit Futter wird zunehmend schwieriger.

Normalerweise suchen die Zirkusleute in den Aufführungsorten die jeweilige Agrargenossenschaft oder Landwirte auf, um Futter zu beschaffen – das geht momentan nicht mehr. Benötigt werden pro Tag 25 Kilogramm Kraftfutter, Heu, Hafer, Mohrrüben und ein Strohballen und alle drei Tage ein Rundball Heu.

„Wir haben noch Vorräte bis zum Wochenende, dann wird es langsam eng“, so Jürgen Köllner. Angewiesen sei man nun auf Spenden oder Helfer, die ihnen Futter vorbeibringen. Dankbar sind sie der Tafel, die ihnen bereits Brot auf den Hof gefahren hat.

Cottbus

Schon bei der Anreise hatte die Familie, die ihren Zirkus in nunmehr sechster Generation seit rund 100 Jahren führt, ein ungutes Gefühl und entschieden, das Zelt in Vetschau sicherheitshalber nicht aufzubauen. Montag war dann klar: Es wird keine Auftritte von Artisten, Feuerspuckern, Jongleuren oder Tiershows geben. „Wir waren vorab in Welzow und Drebkau, schon da kamen kaum noch Besucher zu unseren Shows“, sagt Jessica Köllner. Die Angst der Leute vor einer Ansteckung sei immer größer geworden.

Wanderzirkus unterstützt das Corona-Spielverbot

Angst vor dem Coronavirus haben die Köllners auch. „Unabhängig davon, dass wir es ja selber vielleicht unwissentlich schon haben könnten, weiß keiner, ob ein Besucher infiziert ist und wir uns dann anstecken“, sagt die Familie. Insofern sei das Spielverbot aus ihrer Sicht als Vorsichtsmaßnahme richtig, führt aber dazu, dass es finanziell ans Eingemachte geht. „Wir zahlen 300 Euro an Standmiete plus 300 Euro Kaution und verbrauchen täglich etwa 100 bis 150 Euro an Lebensmitteln und Tierfutter“, zählt Jessica Köllner auf. Hinzu kommen Strom- und Wasserkosten sowie Aufwendungen für Heizöl.

Bedenkt man, dass der Familienzirkus für gewöhnlich pro Vorstellung vor 50 bis 80 Zuschauern täglich auftritt, wird schnell klar, was es bedeutet, wochenlang gar keine Einnahmen zu erzielen. „Im Frühjahr verdienst du sonst das Geld für den Sommer, um die Versicherungen zu bezahlen“, sagt Jürgen Köllner.

Da die Familie auch kein festes Wohnquartier in einer bestimmten Stadt hat, können sie auch nicht einfach nach Hause reisen. „Mittelfristig suchen wir ein festes Heimdomizil im Görlitzer Raum“, sagt Jessica Köllner. Für gewöhnlich pendeln sie während einer Tournee von Ort zu Ort. „Wir spielen dann jeweils eine Woche und reisen weiter in die nächste Stadt“, so Jürgen Köllner. Die Wintermonate überbrücken sie meist, indem sie in Altenheime oder Kindergärten gehen und dort auftreten - auch das ist derzeit nicht möglich. „Wir würden so gern auftreten, und können es nicht“, sagt die Familie. Die Hula-Hoop-Reifen von Samantha Spindler müssen im Wagen bleiben. Die Werbeplakate im Stadtbild werden nach und nach eingeholt.

Zeigt sich Vetschau bei Wanderzirkus kulant?

In Vetschau hoffen die Köllners nun auf die Kulanz der Stadtverwaltung, dass sie vorerst auf dem städtischen Rummelplatz – vielleicht auch zu günstigeren Konditionen – bleiben dürfen, sofern der Platz nicht anderweitig gebraucht wird. Doch selbst der Kontakt zur Verwaltung ist in diesen Corona-Zeiten schwierig, denn diese ist seit Montag für den direkten Bürgerkontakt geschlossen. „Da bleibt jetzt nur noch der telefonische Draht ins Rathaus“, sagt Jessica Köllner.

Wer dem Familienzirkus in welcher Form auch immer helfen möchte, kann sich telefonisch unter 0177/8907148 melden.

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