Von Philipp Brendel

Mit Ruhebereichen zum Verweilen und als verkehrsberuhigte Zone präsentiert sich heute die Dammstraße als eine für Gäste und Einheimische der Stadt Lübbenau wichtige Verkehrsader in die Lübbenauer Altstadt. Bei der Gestaltung der Straße wurde darauf geachtet, dass dem Autoverkehr wie auch Fußgängern ein angenehmer Weg in die Altstadt ermöglicht wird. So grüßt beispielsweise der sagenhafte Schlangenkönig als steinerne Figur die aufmerksamen Passanten. Wie der in Stein gehauene Schlangenkönig schlängelt sich auch die heutige Dammstraße in Richtung Ortskern.

Doch wie vielen Passanten wird heutzutage noch bewusst sein, dass die Dammstraße eine der Straßen ist, die nach der politischen Wende 1989/1990 eine Umbenennung bzw. Rückbenennung erfuhr? Schon vor dem Zweiten Weltkrieg trug die Straße die Bezeichnung Dammstraße, wurde jedoch zu DDR-Zeiten in Maxim-Gorki-Straße umbenannt, benannt nach  einem bedeutenden Vertreter der literarischen Epoche des sozialistischen Realismus.

Zwei weitere Straßen in der Lübbenauer Altstadt trugen ebenfalls andere Namen, was heute wohl ebenfalls längst vergessen ist. So hieß der heutige „Schlossbezirk“ noch zu DDR-Zeiten Clara-Zetkin-Straße. Arbeiterführer und KPD-Ikone Ernst Thälmann war hingegen der Namensvetter der heutigen Poststraße, die noch vor dem Zweiten Weltkrieg Lindenstraße hieß. Solche Straßenumbenennungen waren nach der Wende nichts Ungewöhnliches – waren sie doch öffentlich sichtbares Zeichen einer sich verändernden Gesellschaftsform gewesen.

Dennoch stellt sich heutzutage die Frage, warum in Lübbenau genau jene benannten Straßen eine Umbenennung erfuhren und beispielsweise die eindeutig ebenfalls politisch motivierten Straßennamen der Lübbenauer Neustadt eher nicht. Laut Günter Noatsch und Peter Lenz, beide Mitglieder der AG Zeitgeschichte Lübbenau und äußerst versiert in der Historie Lübbenaus, habe es nach 1990 keine großen Diskussionen über die Straßennamen in der Neustadt gegeben. Auffällig ist zudem, dass nur die drei umbenannten Straßen in der Lübbenauer Altstadt wichtige Verkehrsadern der Altstadt sind: So führen Post- und Dammstraße direkt in das Herz Lübbenaus, der Schlossbezirk führt in Richtung des touristischen Hotspots Lehde.

Dies mag wohl auch ein Motiv der damaligen Umbenennungen gewesen sein: Gerade in der von Tourismus stark geprägten Altstadt sollte auch ein altstädtischer Charakter anhand der Straßennamen wieder ablesbar werden. Hierbei wirken Post- und Dammstraße, wie auch ein „Schlossbezirk“ weitaus vertraulicher und heimeliger als ihre ursprünglichen Bezeichnungen nach Ernst Thälmann, Maxim Gorki und Clara Zetkin. Gerade im letzteren Fall wirkt deren Umbenennung verwunderlich. Die Frauenrechtlerin Clara Zetkin gehört, wie auch ihre Zeitgenossin Rosa Luxemburg, zu Vorkämpferinnen und Begründerinnen der KPD. Dass wohl nicht nur politische Motive eine Umbenennung der Clara-Zetkin-Straße nach 1990 veranlassten, sondern eher ihre innerörtliche Lage, wird daran deutlich, dass die Rosa-Luxemburg-Straße am Rande der Lübbenauer Neustadt nicht die Diskussion einer Umbenennung erfuhr. Heute gibt es deutschlandweit 169 Straßen und Plätze die nach Clara Zetkin benannt sind, auch in Westdeutschland.

Die in Lübbenau ebenfalls umbenannte Ernst-Thälmann-Straße mochte aus ideologischer Sicht nach der politischen Wende 1989/1990 weitaus prekärer erscheinen, vielleicht auch weil man genug vom maßlos ausgereizten Kult um den ehemaligen Arbeiterführer der KPD hatte. Insgesamt tragen heute jedoch noch 360 Straßen und Plätze den Namen Thälmanns, hierbei aber ausschließlich in Ostdeutschland.

In den letzten Jahren sind die Hauptschlagadern in das altstädtische Herz Lübbenaus, die Post- und Dammstraße zu tourismusfreundlichen Boulevards umgestaltet worden. Nach dem ersten Drittel der Dammstraße in Richtung Ortskern gesellt sich hingegen, links abbiegend, immer noch eine unansehnliche Huckelpiste. Die Fahrbahn ist von holprigem und welligem Kopfsteinpflaster gezeichnet. Längst vergessen scheint heute auch der Namensträger dieser kleinen Nebenstraße zu sein: Max Plessner. Dem jüdischen Lübbenauer Tierarzt war 1938 von den Nationalsozialisten seine Praxis entzogen worden. Bis zum Jahr 1942 hielt er den weiteren Schikanen und Demütigungen der Nationalsozialisten stand, bis er keinen Ausweg mehr sah, als den Freitod. Zu DDR-Zeiten war ihm zu Ehren die frühere Recklinstraße umbenannt worden. Vielleicht wird in den nächsten Jahren die jetzt noch unansehnliche Straße in einen ihren wichtigen Namensträger würdigen Zustand gebracht.

Manche politisch motivierten Straßen und Plätze aus DDR-Zeiten sind zwar nicht umbenannt worden, heutzutage jedoch trotzdem gänzlich vergessen, wie Noatsch und Lenz verdeutlichen. Der frühere Hellmut-Türk-Platz, benannt nach einen NS-Widerstandskämpfer, bildet heute den namenlosen Zusammenfluss von Paul-Fahlisch-Straße und Poststraße in Form eines Kreisverkehrs.

Ein weiteres Beispiel ist am Bahnübergang gegenüber der Kreuzung Berliner-/Bahnhofs- und Karl-Marx-Straße zu verorten. Dort soll sich einst der sogenannte Platz der Pioniere befunden haben. Nach der politischen Wende verlor dieser nicht nur seine Funktion, sondern auch sein Name ist in Vergessenheit geraten.

Wer sich selbst auf die Suche begeben möchte, wie häufig es welche Straße in Deutschland gibt: https://www.zeit.de/interactive/strassennamen/

Auf der Seite gibt es auch nähere Erläuterungen zur Datenbasis und aktuellen Forschungsprojekten.

Der 1. Teil „Neue Straßen mit alten Namen“ in der Neustadt ist am 26. April in der Lausitzer Rundschau erschienen oder unter wwwlr-online.de nachzulesen