Von Ingvil Schirling

Wie mag das wohl gewesen sein, anno 1939, als die international bekannte Schauspielerin Camilla Horn, zurück aus Hollywood, mit dem Berliner Architekten Kurt Kurfiss auf dem Steinkirchner Weinberg Hochzeit feierte? Vielleicht war der 12. Dezember so kalt und verschneit wie heute. Dann gab es, wie jetzt, Fahr- und Fußspuren im Schnee.

Allerdings wohl sehr viel mehr als die drei halbverschneiten Flächen von längeren Fahrzeugen. Fußabdrücke von Rehen, Hasen und Füchsen dürfte es gleich gar nicht gegeben haben, statt dessen Gewänder der klassischen Schnitte der 30er-Jahre, ausgelassene Partystimmung, und vielleicht wurde die gegenwärtige Furcht vor dem herrschenden Regime zu dessen Trotz im Champagner ertränkt.

Die Schauspielerin hatte zeitweise Arbeitsverbot und war von ihrer Zunft ausgeschlossen – die Gründe sind unklar. Recherchen des Lübbener Museums zeigen, dass sie ihr Gehöft in jenen Tagen besonders als Rückzugsort empfand.

„1933 erwarb sie einen kleinen Bauernhof (...). Zum sogenannten Steinkirchener Weinberg, der sich nahe eines Spreezuflusses, der Berste, befand, gehörten damals 40 Morgen Land“, heißt es in der Quelle. „Darauf baute sie Flachs, Spargel und Weizen an, pflanzte Obst- und Nussbäume und züchtete Hühner sowie einige Schafe. In ihrer Biografie berichtet sie auch begeistert von ihrem Haustier Pieps – einer Ente – die ihr auf den Fuß folgte.“

Berühmte Namen und illustre Persönlichkeiten gingen ein und aus. Zeitweise lebte sie dort mit dem englischen Schauspieler und Bariton Louis Graveure zusammen, der Namen und Identität geändert hatte und auch als „the mystery man“ bezeichnet wurde.

Doch die Tage der rauschenden Feste waren gezählt. 1939 verließ Camilla Horn den Lübbener Weinberg und verkaufte ihn. Mit ihr ging der Glanz einer anderen Epoche.

Schwer beschädigt, wurde das Ensemble nach dem Krieg zur Notunterkunft für Wohnungssuchende. Später fungierte es als Außenstelle des Jugendwerkhofes Groß Leuthen. Im Juni 1960 lebten und arbeiteten 27 Jugendliche dort. Die Generationen vor ihnen mussten die Häuser erst wieder bewohnbar machen, Wasseranschlüsse legen, eine Küche und eine Zentralheizung entstanden. So beschreibt es ein Artikel in der LR vom Juni 1960.

Nach der politischen Wende wurden die Gebäude zum Obdachlosenheim. „Um das Objekt nutzbar zu halten, wurden kostenintensive Sanierungen durchgeführt“, umreißt Martin Kunze als stellvertretender Fraktionsvorsitzender von Pro Lübben die Situation. Eine Ölheizung und neue Dächer zählten dazu. 2012 beschlossen die Stadtverordneten, das Haus als Obdachlosenheim aufzugeben. Danach blieb es sich selbst überlassen, auch deshalb, weil bis vor Kurzem davon ausgegangen werden musste, dass es ganz oder teilweise in der Trasse der künftigen Umgehungsstraße liegen würde. Seit klar ist, dass diese vor Neuendorf von der B 87 abzweigen soll, kann auch wieder ernsthaft über eine Nachnutzung des Grundstücks nachgedacht werden. So sieht es jedenfalls die Fraktion Pro Lübben, die das Thema auf die Tagesordnung der Fachausschusssitzungen kommende Woche gebracht hat. Obwohl das Objekt gut gesichert ist, „fällt es einem allmählichen Verfall anheim“. Ein Besuch vor Ort erweckt nicht nur Träume von rauschenden Festen vergangener Zeiten, sondern lässt auch handfeste Spuren im Schnee entdecken. Das Ensemble mag verfallen, gänzlich verlassen ist es nicht.

Wie auch immer seine Zukunft aussehen wird – ob Verkauf oder städtische Nutzung: Vielleicht klingen zum Auftakt wieder Champagnergläser auf dem Hof. Es muss ja nicht im Schnee sein.