Skulptur am Rathaus Lübben
: Rätsel gelöst – sie ist die unbekannte Spreewaldfrau

Eine Spreewaldfrau aus Granit steht seit einigen Wochen vor dem Rathaus in Lübben. Zunächst war unklar, wer die Frau ist. Jetzt ist das Rätsel gelöst.
Von
Harriet Stürmer
Lübben
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Die neue Skulptur steht seit einigen Wochen vor dem Lübbener Rathaus.

Katrin Kunipatz

Seit einigen Wochen steht sie auf einem Sockel direkt neben dem Eingang zum Lübbener Rathaus. Allerdings nur vorübergehend. Der endgültige Standort der Spreewaldfrau aus Granit ist noch nicht gefunden. Zu dieser Frage sind die Lübbener derzeit selbst gefragt. Bis zum 11. Februar haben sie noch Gelegenheit, darüber mitzuentscheiden, wo die Skulptur ihren angestammten Platz finden soll. Eine andere Frage aber ist inzwischen beantwortet, das Rätsel um die Identität des Gesichtes der Frau gelöst.

Tatsächlich ist die Granitfigur von zwei Frauen inspiriert: Die Tracht der Statue ist von der Wendin Marga Morgenstern übernommen – einer Legende im Spreewald. Marga Morgenstern war überzeugte Trachtenträgerin, hat jahrzehntelang Gäste durch ihren geliebten Spreewald geführt, Bücher und Gedichte über ihre Heimat geschrieben.

Wer ist die Spreewaldfrau?

Das Gesicht der Skulptur war bisher anonym; es stammt von einem alten Schwarz-Weiß-Foto, von dem sich der Steinmetzbetrieb Weber bei der Anfertigung der Figur hatte inspirieren lassen. Ein Aufruf der Stadt hat inzwischen Licht ins Dunkel gebracht. „Mitte Januar meldete sich Karola Ziemainz. Sie zeigte bei einem Gespräch das Originalfoto ihrer Großmutter“, erklärt Lübbens Stadtsprecherin Bettina Möbes.

Gemeinsam mit Mutter Erika Fiedler kann Karola Ziemainz über das Leben ihrer Oma Frieda Völkner folgendes berichten: Emilia Frieda Völkner, gebürtig Winkler, wurde am 24. März 1900 in Brockau (heute Brochów) im Kreis Breslau geboren. Sie besuchte dort von 1906 bis 1914 die Schule und ging ab 1925 in Stellung als Hausangestellte nach Berlin. Drei Jahre später arbeitete sie im OSRAM-Glaswerk in Berlin. Sie heiratete am 2. April 1931 Heinrich Völkner.

Besonders beliebt waren Fahrradausflüge in den Spreewald – auch, weil das Paar oft die Schwiegereltern in Lübben besuchte. Das Foto wurde übrigens zu Pfingsten 1931 für ihre Mutter fotografiert; das war einer dieser Ausflüge nach Lübben. Soweit die Angehörigen wissen, hat Frieda Völkner nur dieses eine Mal im Leben eine Tracht getragen.

Diese Bildkombo (v.l.) zeigt Frieda Völkner, Marga Morgenstern und die Granitfigur.

Archiv, Steinmetzbetrieb Weber/Stadt Lübben

Nach Ende des Krieges kehrte die Familie zurück nach Lübben

1938 kauften Völkners ein Grundstück in der Kastanienallee in Lübben und bauten dort ihr Haus. Im Dezember 1940 wurde Tochter Erika Fiedler geboren. Die Grützwurst noch auf dem Herd, als 1945 die Flieger kamen und die Familie von Treppendorf Richtung Zerkwitz flüchtete. Nach Ende des Krieges kehrte die Familie zurück nach Lübben. Ihr Haus war durch Bomben komplett zerstört worden; sie fanden eine neue Bleibe.

1946 wurde Frieda Völkner als Arbeiterin in der Ölmühle von Carl Hachenberger in Lübben beschäftigt. Heinrich Völkner kehrte 1947 aus der Gefangenschaft zurück. Der Neubau des Familienhauses begann mit dem Steineklopfen um 1956. Von April 1954 bis März 1963 war Frieda Völkner schließlich als Küchenhilfe im Krankenhaus Lübben beschäftigt.

Zeit ihres Lebens kümmerte sie sich um die Familie – und so auch ab 1963 um ihren ersten Enkel Andreas, da es für Mütter damals keine längere Elternzeit gab. Enkelin Karola wurde 1969 geboren. Am 26. Juli 1983 verstarb Emilia Frieda Völkner im Alter von 83 Jahren in Lübben.

Karola Ziemainz und Erika Fiedler neben der Spreewaldfrau aus Granit

Bettina Möbes/Stadt Lübben

Immer ein Fläschchen Leinöl in der Tasche der Schürze

Besonders gerne erinnert sich die Familie an ihre konsequente, liebevolle Art. Sie ging häufig Pilze sammeln – und es wurde mit aller Freude spreewälderisch geschlemmt, zum Beispiel Karpfen und Geflügelklein in heller Soße. In der Tasche ihrer Schürze hatte Frieda Völkner immer ein Fläschchen Leinöl. Noch vor der Schule gab sie es den Kindern auf einem Löffel. Sie selbst stippte das Brötchen mit Leinöl, Zucker und Salz.

Die Familie besaß zwei Kähne, die der Opa noch selbst aus Holz gebaut hatte. Und so wurde jeden Tag Kahn gefahren. Einmal sei Frieda Völkner aus dem Kahn in die Berste in ein tiefes Loch gefallen, erzählt ihre Familie augenzwinkernd: Sie konnte nicht schwimmen und rief: „Hilfe, ich habe keinen Grund.“ Mann Heinrich habe zurückgerufen: „Was schreist du, wenn du keinen Grund hast?“

Horst Fiedler, er war der Schwiegersohn von Frieda Völkner und Mitbegründer vom „Freundeskreis für Lübben“ hatte sich schließlich nach einer Anfrage zu einem Bild einer „Spreewaldfrau“ an das Foto seiner Schwiegermutter erinnert und es an den Freundeskreis und dieser wiederum an Steinmetz Weber übergeben.

Als Begrüßung für die Gäste der Stadt

Familie Weber hatte sich 2021 mit dem „Freundeskreis für Lübben“ in Verbindung gesetzt, ob es in der Stadt einen geeigneten Standort gebe und mögliche Unterstützer. Anfang 2022 führte der Freundeskreis dann mehrere Gespräche mit der Verwaltung und schlug vor, die Figur am neuen Bahnhofsvorplatz zu positionieren – als Begrüßung für die Gäste der Stadt. Aber auch andere Flächen standen zur Diskussion.

Im Juli 2023 wurden die Gespräche mit Bürgermeister Jens Richter und Fachbereichsleiter für Ordnung, Bildung und Soziales, Peter Schneider, schließlich erneut aufgenommen – mit dem Ergebnis, dass Lübbens Bürgerschaft nun entscheiden darf, ob und wo die Spreewaldfrau ihren Platz in der Stadt bekommt.

„Wir freuen uns über die Initiative vom Steinmetzbetrieb Weber und dem Freundeskreis, das niedersorbische/wendische Leben einmal mehr in der Stadt sichtbar zu machen“, sagt Bürgermeister Richter. „Vorschläge für einen Standort gibt es viele: Bahnhof, Hain, Schlossinsel sind nur einige Ideen. Aber wir wollen das nicht alleine entscheiden. Die Bürgerinnen und Bürger haben bis 11. Februar die Wahl“, erklärt Richter.

Zum Abstimmen gibt es mehrere Möglichkeiten: online unter der Internetseite luebben.de, per Post (Formular unter luebben.de im Download) oder direkt vor Ort: Das entsprechende Formular liegt auch im Foyer des Rathauses aus.