Von Ingvil Schirling

Wer hat schon einmal einen Brocken Moor in der Hand gehalten? Er ist schwer, er ist saftig, er ist voller Leben. In der Lieberoser Heide kann man fünf Wochen nach dem letzten Brand zusehen, wie er in feine, rehbraune Asche zerfällt. Am Teerofensee frisst sich ein unterirdischer Schwelbrand Meter um Meter durch den Torf. Der Boden ist heiß. Die breite Pflugspur, gezogen, um dem Feuer Einhalt zu gebieten, ist zersetzt und zerfasert. Der Boden, der über 10 000 Jahre verdichtete Vegetation enthält, so voller Energie, dass er zum Heizen benutzt werden konnte, zerfällt zu Staub.

Wer je ein Torffeuer gerochen hat, erkennt es immer wieder. Am Teerofensee hängt das Aroma unverkennbar in der Luft. Nur, dass es niemandem mehr nützt – und vielfältigstes Bodenleben nicht mehr existiert.

Herbe Verluste aus ökologischer Sicht

Die Stimmung ist gedrückt bei Axel Becker und Jenny Eisenschmidt. Der Leiter der Oberförsterei in Lieberose und die Liegenschaftsbeauftragte der Stiftung Naturlandschaften Brandenburg kennen die Heide in- und auswendig. Sie wissen um ihre Geheimnisse, Geschichten und Gefahren. 1000 verbrannte Hektar sind für niemanden leicht zu verkraften, der die facettenreiche Landschaft mit ihrer bewegten Historie kennt. „Wenn, wie 2017, hauptsächlich Sukzessionsfläche abbrennt, ist das eine Sache“, sagt Jenny Eisenschmidt. „Dann brennen zehn, 20 Jahre Vegetation. Wenn die Moore anfangen zu brennen, dann gehen 1000 oder mehr Jahre verloren.“

Schon im Waldbrandsommer 2018 sagte Amtsbrandmeister Frank Schulz aus Lieberose/Oberspreewald: „Wenn ein Moor anfängt zu brennen, löschen wir bis Weihnachten.“ Er sollte nicht nur Recht behalten. Es kam sogar noch schlimmer. Seit dem ersten Brand ab 24. Juni in diesem Sommer traf es gleich drei Moore: die kleine Zehme, das Gusteluch und das „Moor südlich Gusteluch“.

Geisterhafte Stimmung

Der Teerofensee ist mit seinem Moorbereich und seinem komplexen ökologischen System kaum wiederzuerkennen. Bis zu 800 Liter Wasser pro Minute pumpten Feuerwehr und Hubschrauber in die Flammen. Zu großen Teilen kamen sie aus diesem See. Hubschrauber flogen ihn an, entnahmen Wasser in den Löschbeuteln, die kleinen Schwimmbädern gleichen, und entleerten diese auf den Flächen. Der Wasserstand ist um mehrere Meter gesunken. Das bleibt nicht ohne Spuren im Umfeld.

Wer mit Förster Becker und Jenny Eisenschmidt unterwegs ist, nimmt bleibende Eindrücke mit. Interesse an der verbrannten Landschaft gibt es reichlich: Viele Medien bis hin zum Greenpeace-Journal waren vor Ort. Sehr gefragt ist die schwarze Heide mit ihrer geisterhaften Stimmung für Film- und Fotoshootings aller Art. Die beiden versuchen, das Interesse der Allgemeinheit zu kanalisieren und bieten regelmäßig Führungen an. Denn ein Gang in das betroffene Gebiet ist nirgendwo ungefährlich.

Dass einem Besucher ein Baum auf den Kopf fällt, ist noch das geringere Risiko. Die Flammen haben die Wurzeln vieler Stämme verzehrt. Ohne diese Verankerung hält sie nichts mehr im Boden. Ein Windstoß, und es ist um sie geschehen. Massive Eichen stürzen um, und das sei erst der Anfang, ist sich Axel Becker sicher.

Auch die zweite große Gefahr, die Glutnester in den flackernden Mooren, sind längst nicht das größte Risiko. Wer nicht aufpasst, kann bis zum Gürtel in der Glut versinken. Allein schon wer die heiß werdenden Sohlen ignoriert, riskiert Verbrennungen an den Füßen.

Die größte Gefahr aber geht von der hohen Munitionsbelastung aus. Projektile aller Art, Panzerfäuste, im April sogar eine SS1-Scudrakete wurden gefunden. Während der Waldbrände waren einige schwere Detonationen weithin zu hören. Doch die Munitionsbelastung wird damit nicht geringer. Die Brände und die damit einhergehende Veränderung im Waldboden bringen bisher nicht Gefundenes an die Oberfläche.

Nacht- und Nebelaktion für freien Weg

„Massiv gequält“ haben sich Förster, Waldarbeiter, Stiftungsmitarbeiter und vor allem bis zu 300 Feuerwehrleute in diesem Waldbrandsommer. Zweimal brach Feuer aus, zerstörte einmal 100 und einmal 120 Hektar. Erste Maßnahmen des Waldbrandschutzkonzeptes wie eine 30 Meter breite Schneise fast rings um die hochgradig kampfmittelbelastete, ehemalige rote Zone griffen zwar. Doch die Moorbrände im munitionsbelasteten und daher kaum betretbaren Gebiet forderten die Einsatzkräfte auf andere Weise heraus.

In einer Nacht- und Nebelaktion räumten Waldarbeiter und Förster den Kleinbahndamm frei, damit dieser von den Feuerwehrleuten genutzt werden konnte, um den Flammen von sicherem Boden aus Einhalt gebieten zu können.

Aus Liebe zum Moor: Zielscheibe für Wasserbomben

„Ansonsten haben wir viel auf die Hubschrauber gesetzt“, ergänzt Jenny Eisenschmidt. Damit die Piloten den Brand richtig treffen, um ihn effektiv löschen zu können, wurde sie selbst zum lebenden Ziel der überdimensionierten Wasserbomben.

Mit Funkgerät und Gummistiefeln stand sie mitten in einem kleinen Kesselmoor. „Noch 200 Meter, noch 100 Meter, mehr links, mehr rechts“, wies sie den Piloten ein, auf 30, 20, zehn Meter genau. Über Funk zählte sie an: „Drei, zwo, eins...“ – und während der Wasserbottich aufgeklinkt wurde, rannte sie los, suchte halbwegs Schutz, um nicht komplett durchnässt zu werden.

Und stellte sich Minuten später wieder ins dampfende, schwarze Moor, ignorierte den beißenden Geruch und machte weiter. „Keiner kann so gut einweisen wie sie“, sagt Axel Becker anerkennend.

Entscheidend für die Rettung des kleinen Kesselluchs war aber noch etwas anderes. Auf der Suche nach Wasser entdeckten Jenny Eisenschmidt und Mitarbeiter einen alten Graben. Sie hoben die wässrige Moorpampe mit Spaten heraus, bedeckten die Ränder des Kesselmoores damit und drückten mit bloßen Händen alles fest – das half letztlich, diesen Flammen wirklich eine Grenze zu setzen. Es durchfeuchtete und schloss gegen Sauerstoff ab. Die Entdeckung werden sich die Lieberoser Feuerbekämpfer vielleicht eines Tages patentieren lassen. Bis dahin, verspricht Oberförster Axel Becker, steht ein Schild aus Eichenholz an diesem, großteils bewahrten Kesselmoor. „Jennys Luch“ wird es dann heißen, in Erinnerung an seine Retterin.

Spaten, Hubschrauber, sehr viel Wasser. Mensch und Maschine, die bis an ihre Grenzen geprüft wurden. Verheerende Schäden in der Natur, hoher finanzieller Aufwand – auch auf Kosten des Steuerzahlers. Die Auswirkungen der Waldbrände sind immens und vielfältig. Das Waldbrandschutzkonzept beinhaltet zusätzliche Löschwasserbrunnen, die jetzt im September auf den Stiftungsflächen und bei der Wald- und Grundbesitz GmbH gebaut werden sollen – nach längerer Bewilligungsphase. Die Polizei hat um Hinweise gebeten, weil es Anzeichen für Brandstiftung gibt, und zeigt hohe Präsenz in der Heide. Für das etwas isoliert liegende Dorf Klein Liebitz ist über mehrere Kilometer eine zusätzliche Zufahrt nach Lieberose gebaut worden. Andere Wege wurden so ertüchtigt, dass sie auch von Einsatzkräften genutzt werden können. Und den ganzen Winter über saßen die Lieberoser mit anderen Verantwortlichen am Tisch, landkreisübergreifend, um eine Karte zu entwerfen, die es auch ortsfremden Feuerwehrleuten ermöglicht, leicht und sicher die jeweiligen Sammel- und Einsatzpunkte zu finden. Wegen der hohen Munitionsbelastung dürfen sie nicht freigegebene Flächen nicht betreten.

Was alles gemacht wurde, tröstet über die herben Verluste im Moment kaum hinweg. „Es war die perfekte Wildnislandschaft“, sagt Jenny Eisenschmidt. „Jetzt sind wir an einigen Stellen wieder auf Null zurückgeworfen.“ Axel Becker sieht es ähnlich – wenngleich sich stellenweise auch schon neues, zaghaftes Grün zeigt. Doch was davon wird überleben?

„Philosophisch ist es ja so, dass nach jedem Ende ein neuer Anfang kommt. Aber jetzt haben wir eben das Ende. Und das ist bitter“, sagt er.

Die Lieberoser Heide trägt Schwarz.