Schönrederei nervt
Ich lade jeden, den es interessiert und der zu diesem Thema mitreden und/oder berichten möchte, sehr gern ein, den virtuellen Unterricht, besonders dem des Lübbener Paul-Gerhardt-Gymnasiums, am Laptop meiner Kinder für einen Tag zu begleiten. (...) Sicherlich gibt es viele Lehrer dieser und auch anderer Schulen, die die Herausforderung angenommen und gut, mitunter auch sehr gut, gemeistert haben. Aber wie viele sind viele? Es wäre schön, wenn Schulleiter aller Schulen diese Aussagen mit genauen Zahlen hinterlegen würden.
Fragen Sie doch bitte bei Frau Mühmert (Schulleiterin Paul-Gerhardt-Gymnasium Lübben, d. Red.) nach, wie viele Lehrer ihrer Schule einen Videochat als digitale Unterrichtsform anbieten und welchen Anteil diese Unterrichtsform insgesamt ausmacht. Bitte fragen Sie des Weiteren nach der generellen Unterrichtsgestaltung des durch das Paul-Gerhardt-Gymnasium angebotenen Distanzunterrichts und wie die Qualität durch die Schulleitung sichergestellt wird. Fragen Sie bitte danach, wie Frau Mühmert mit Beschwerden durch Eltern umgeht, die die flächendeckende Nutzung durch alle Lehrer zum Angebot von Videochats zur Unterrichtsgestaltung zur Verbesserung der Unterrichtsqualität fordern.
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Cottbus/Lübben

Keine Aussage über Qualität
Von einer guten journalistischen Berichterstattung erwarte ich etwas mehr als das Aufschreiben von Zitaten, nämlich dass die Aussagen auch hinterfragt werden. Etwa die Information, dass der „Unterricht zu den üblichen Zeiten“ stattfindet. Seit wann ist dies so? Dies erfolgt für alle Klassen erst seit Beendigung der Winterferien, also seit drei Wochen. Damit wird keine Aussage zur Unterrichtsqualität getroffen. Auch zur herrschenden Präsenzpflicht wäre interessant zu wissen, wie dies kontrolliert wird, wenn kein Videochat, sondern nur ein Schreibchat oder sogar nur Arbeitsaufträge über die Cloud durch die Lehrer eingestellt werden. Wer weiß denn, ob da wirklich die jeweiligen Schüler präsent sind? Vor allem frage ich mich, wer und wie ohne Videochat nachvollziehen kann, von wem die abgegebenen Ergebnisse zur Leistungsüberprüfung sind, die teilweise auch benotet werden?
Wie das zitierte Prädikat, das Paul-Gerhardt-Gymnasium sei „einer der Vorzeigebetriebe des digitalen Lernens in der Lausitz“ zustande kommt, erschließt sich mir weder aus Ihrem Artikel noch aus den eigenen Erfahrungen zum Umgang mit Distanzunterricht dieser Bildungseinrichtung der vergangenen Wochen. Allein die Vorstellungen einer Schulleitung, wie Distanzunterricht funktionieren kann, das Vorhandensein der strukturellen Voraussetzungen sowie die teilweise gute Nutzung durch einige (definitiv nicht alle) Lehrer können meines Erachtens diesem Prädikat nicht gerecht werden.

Cottbus

Unternehmen anderer Branchen werden schließlich auch nicht durch das Vorhandensein eines teuren Equipments als Vorzeigebetrieb bezeichnet. Ein Vorzeigebetrieb wird man schließlich erst durch die handelnden Personen. Zudem wird, um es mal salopp zu formulieren, auch in anderen Branchen nicht immer alles auf dem Silbertablett präsentiert, es ist auch immer Eigeninitiative der Mitarbeiter gefragt. Wer schult denn tage- oder wochenlang die Schüler und Eltern, die diese Systeme ebenfalls bedienen müssen?
Die durch den Artikel suggerierte heile Welt kann ich leider nicht teilen, denn sie hinterlässt beim Leser ein verzerrtes Bild und bei betroffenen Schülern und Eltern Verärgerung. Dass ich meine Kritik nun öffentlich tätige, tut mir leid für die Lehrer am Paul-Gerhardt-Gymnasium, aber auch an anderen Schulen, die gerade in den vergangenen Wochen größtes Engagement gezeigt haben, um den Kontakt mit ihren Schülern zu halten, die kreative Ideen entwickeln und die zur Verfügung gestellte Technik vielfältig nutzen. Diese wunderbaren, engagierten Lehrer gibt es tatsächlich, sie machen in der Regel aber nie das komplette Team, mitunter leider auch nur einen geringen Anteil einer Schule aus. Gerade aber diesen motivierten Lehrer muss der Rücken gestärkt werden und Anerkennung zuteil werden, indem deren Qualitätsansprüche an Bildung, die von Schülern und Eltern auch immer wieder gelobt und gewünscht werden, durch verbindliche Festlegungen auf alle Lehrer übertragen werden.
Offen Missstände aufzeigen
Ich bin nicht mehr bereit, dieses einseitige Schönreden, unterstützt durch die Medien, kritiklos und stillschweigend hinzunehmen. Ich wünsche mir eine offene und ehrliche Debatte und Berichterstattung durch alle Beteiligten. Ich wünsche mir, dass Schulleitungen und Lehrer offen die Missstände, wie auch immer gelagert und wodurch auch immer verursacht, gegenüber Entscheidungsträgern der Politik ungeschönt anzeigen. Es kann sich doch nur etwas verändern, wenn ehrlich die Mängel aufgezeigt werden. Nur dann lassen sich auch Lösungen finden und Veränderungen herbeiführen, die ein zeitgemäßes und für Lehrer als auch Schüler ein funktionierendes Bildungssystem ergeben.
Ich unterstütze vollumfänglich die Petition „Schulpflicht verpflichtet – für zeitgemäße Lernangebote“ mit ihren Forderungen. Dass unser Bildungssystem, vor allem in Brandenburg, in vielerlei Hinsicht Veränderungen braucht, das ahnen und diskutieren wir seit Jahren. Die Herausforderungen der Pandemie haben aus diesem Erahnen aber endlich Tatsachen geschaffen, die nicht mehr wegzudiskutieren sind. Es ist an der Zeit, jetzt zu handeln, um für die Zukunft etwas zu verbessern und das ist unser aller Auftrag. (...)
Stephanie Hinz, Lübben
Anmerkung der Redaktion:
Wir hatten bei Schulleiterin Brit Mühmert nachgefragt. Im Folgebeitrag „Wechselunterricht im Schichtdienst“ vom 2. März hatte sie für Wechselunterricht im Schichtdienst plädiert und eingeräumt, dass einige Kollegen durch den Wechsel von Präsenz- und Distanzunterricht durchaus an ihre Belastungsgrenzen kommen. Das virtuelle Lernen sei ja für alle eine neue Sache. Da gäbe es bei Lehrern aber auch Vorbehalte gegen stundenlange Videokonferenzen.