Von Katrin Kunipatz

Am Donnerstag verwandelt sich der Parkplatz Lindenstraße wieder in den Platz der Tränen. Aber es werden Tränen der Freude sein, die bei den Gasteltern und den Ferienkindern aus Weißrussland in den Augen glitzern. Auch Brigida Melzer ist die Vorfreude anzumerken, selbst wenn sie gerade wieder sehr mit Rheumaschmerzen zu kämpfen hat. „Aber die Freude und der Optimismus der Kinder helfen mir“, sagt die Ehrenvorsitzende des Lübbener Kinderhilfsvereins für Tschernobyl.

Zum 23. Mal in Folge hat sich der 1996 gegründete Verein um die Reise für die diesmal 30 Kinder und Jugendlichen gekümmert. „Sieben von ihnen, im Alter zwischen sieben und neun Jahren, sind das erste Mal dabei“, berichtet Brigida Melzer. Möglich wurde dies, weil sich wieder neue Gasteltern gefunden haben. Und weil der Bus Platz für 47 Personen bietet, werde auch ein ehemaliges Gastkind mit Baby dabei sein, verrät sie. Tatsächlich entstehen über die Jahre enge Beziehungen zwischen Kindern und Gasteltern. „Die meisten der Mädchen und Jungen sind Waisen“, so Melzer. Weshalb der Verein die weißrussischen Kinder mehrmals einlädt. Auf diese Weise hätten die Gasteltern die Chance, die Kinder über einen längeren Zeitraum zu fördern. Die positiven Effekte seien größer als sie es bei einem einmaligen dreiwöchigen Aufenthalt wären. Die 82-jährige Lübbenerin berichtet, dass die Kinder sehr schnell Deutsch lernen. Teilweise seien sie das ganze Jahr mit ihren Gasteltern in Lübben, Wildau, Berlin-Spandau, Luckau, Burg oder Lübbenau im Austausch.

Brigida Melzer selbst begleitet und plant die Erholungsaufenthalte der Kinder aus der Region Tschernobyl seit 1990. Und da sie immer mit der Organisation betraut ist, war bei ihr selbst noch nie ein Kind zu Gast. Dafür hält sie Kontakt zum Weißrussischen Kinderfond, fährt selbst nach Minsk und bespricht im Kinderheim, für welche Kinder der Erholungsaufenthalt wichtig wäre.

Tatsächlich seien die Folgen der Reaktorkatastrophe, die jetzt 33 Jahre zurückliegt immer noch spürbar. „Die Kinder sind nicht so belastbar. Diabetes, Missbildungen aber auch Erkrankungen der inneren Organe treten als Spätfolgen immer noch auf“, berichtet Brigida Melzer. Sie kennt auch den Grund: Die Kinder wachsen bei Großeltern oder Pflegefamilien in den ländlichen Regionen im Bezirk Minsk auf. Ein Gebiet, dessen Boden immer noch radioaktiv belastet ist. Um sich zu versorgen, bauen die Menschen Gemüse im eigenen Garten an. Es wird genauso verzerrt, wie die Milch der Kühe, die auf belasteten Weiden grasen.

Der Lübbener Verein sorgt bei dem Erholungsaufenthalt aber nicht nur für eine gesunde Umgebung. Geplant sind Ausflüge unter anderem in den Kletterwald nach Lübben, zu Tropical Islands und ins Pinguinbad sowie das fünftägige Feriencamp in Klein Leuthen. Organisiert und begleitet werden die Aktivitäten von den Vereinsmitgliedern.

Leisten kann es sich der Kinderhilfsverein aber nur, die Kinder aus der Region um Tschernobyl einzuladen, weil es sehr viele kleine Spender gibt. „Mit Beträgen von 20, 50 oder 100 Euro unterstützt uns die Bevölkerung“, sagt Brigida Melzer. Darüber hinaus veranstaltet der Verein regelmäßig Benefizkonzerte – zuletzt mit dem Orchester „grenzenlos“ in der Kirche Groß Leuthen. Bezahlt werden mit den Spenden der Hin- und Rücktransport der Kinder, die Kranken-, Haftpflicht- und Unfallversicherungen, für jeden ein gelbes T-Shirt, aber auch der Schokoladentransport im November.