Die Wände aller Rathausflure mit eigenen Bildern füllen? Als im vergangenen Jahr die Anfrage für die Ausstellung kam, war der Lübbener Hans-Richard Groschke überzeugt: „Die drei Etagen kriegen wird nicht voll“. Ehefrau Ingrid Groschke dagegen war sicher: „Wir schaffen das!“ Zur Eröffnung zeigt sich nun, sie hatte recht. Die große Vielfalt des künstlerischen und handwerklichen Schaffens des Lübbener Ehepaares ist unter dem Titel „Ein Name – zwei Ansichten“ bis Ende August im Rathaus zu sehen.

Ausflug zum Malen am Neujahrsmorgen

Der gewählte Titel ist dabei wörtlich zu nehmen. Gemeinsam startet das seit 56 Jahren verheiratete Paar nach Burg, Byhleguhre oder in die Masuren. Im Kangoo fahren neben Pinseln, Farbe, Papier, Kreide und Bleistiften auch Stühle und Staffelei mit. Angehalten wird, wo es gefällt. „Ich finde es schöner, vor der Natur zu sitzen und zu arbeiten“, sagt Ingrid. Ihr Mann teilt diese Einstellung. Viele Winterbilder in der Ausstellung entstanden beispielsweise am Neujahrstag. „Es ist bei uns Tradition geworden, Silvester vor dem Jahreswechsel ins Bett zu gehen, um am ersten Januar zum Malen zu fahren“, sagt Hans-Richard. Sie ergänzt: „In den vergangenen Jahren haben wir aber wegen des Schmuddelwetters darauf verzichtet.“
Trotz des gleichen Motivs unterscheiden sich die Arbeiten beider völlig. Die 75-jährige Ingrid bannt sorgfältig – teils fotorealistisch – Bäume, Gesichter oder Wasserspiegelungen auf Papier oder Leinwand. „Ich fange einfach an und beim Malen kommt die Lust“, erklärt sie. Das Ergebnis sind Landschaftsbilder, die den geduldigen Betrachter mit Details überraschen – mal ein Mäuschen, ein Vogel oder ein Biber.

Individuelle Maltechnik schafft Vielfalt

Für den 77-jährigen Hans-Richard ist dagegen die Inspiration vor Ort entscheidend: „Ich mache nur etwas, wenn es mein Bauch mir sagt.“ So passierte es, dass er in Wiesenau mitten im Spreewald im Auto nach einer passenden Unterlage suchte, um eine Landschaft einzufangen, denn eigentlich wollte er an diesem Tag gar nicht Malen. Das Aquarell entstand schließlich auf einer Hartfaserplatte und ist ebenfalls Teil der Ausstellung. Oft entstehen seine Bilder ziemlich schnell, ohne dass er danach genauer erklären könne wie. „Er hat eine ganz andere Art zu malen“, sagt Ingrid über Hans. Während sie ein Bild zeichnet, hat er mit Kreide oder Bleistift schon drei Stück fertig.
Überraschend für beide, wie ähnlich sich ihre Darstellungen trotz unterschiedlicher Technik und Malweise sind. Veranschaulicht hat dies Künstler Sebastian Franzka, der den Katalog zur Ausstellung zusammengestellt hat, in einer Montage. Die Haustür in Burg Willischza hat Ingrid in Öl und Hans-Richard als Bleistiftzeichnung festgehalten. Trotz unterschiedlicher Größe der fertigen Bilder lassen sich die Hälften so zusammensetzen, dass die Tür trotzdem als Ganzes erscheint.
Als Paar ergänzen sich Ingrid und Hans-Richard auf ähnliche Weise. Er spricht zur Eröffnung vor den Gästen, während sie in kleinerer Runde von der einen oder anderen Anekdote berichtet. Während sie sich verschiedene Mal- und Zeichentechniken oder das Schreiben bei Lehrgängen und Kursen in der Abendschule oder per Fernstudium theoretisch aneignete, ist er der Autodidakt.

Gemeinsames Hobby verbindet bis heute

Die Liebe zum Malen hat die Finsterwalderin und den Lübbener auf der Berufsschule zusammengeführt. Ingrid war schon damals klar, der nächste Freund muss ihr Hobby teilen. Ihr Ziel war es, schon in ihrer Jugend einmal Bücher zu illustrieren. Mit der Ausbildung zum Dekorationsmaler und später zur Dekorationsmalermeisterin legte sie die Grundlage, um diesen Traum zu verwirklichen. Heute sieht man ihre Zeichnungen in Zeitschriften, Sagenbücher oder Programmheften.
Hans-Richard stammt aus einer Malerfamilie, sein Berufswunsch stand früh fest und doch schlug er den Weg zum Abitur ein. Aber noch vor dem Abschluss der 12. Klasse verließ er die Schule, lernte Maler und traf Ingrid – ohne damals zu wissen, dass drei Kinder und heute 56 Jahre Ehe daraus werden würden. Die Erfahrung hat ihn gelehrt, dass nicht immer der gerade Weg zum Ziel führt. „Es braucht Geduld und Ausdauer, damit sich Wünsche erfüllen“, sagt Hans-Richard Groschke. Und ergänzt: „Die letzten 20 Jahre wären anders verlaufen, wenn ich nicht ans Museum gekommen wäre.“
Dort konnte er seien handwerklichen Qualitäten ausspielen. Innerhalb eines halben Jahres entstand das Modell vom Schlossbezirk, das immer noch im Regionalmuseum gezeigt wird. Für die Kahnnächte und das Spreewaldfest schufen Ingrid und Hans gemeinsam Märchenfiguren oder Dekorationen. Eine andere Leidenschaft nutzte Hans-Richard Groschke, um das Modell des historischen Lübbens zu bauen. Es ist im Rathaus in der Nähe des Sitzungssaals aufgestellt. Rund 800 Postkarten und Fotos mit Ansichten des alten Lübbens, wie es bis zum April 1945 Bestand hatte, hat er zusammengetragen. Ähnlich intensiv wie bei den Bildern beschäftigte sich der Malermeister mit den Straßen, Läden und Ansichten. „Die Details im Kopf und hatte ich beim Weg durch die Stadt die alten Ansichten vor Augen“, erinnert sich Hans-Richard Groschke.

Keine Künstler sondern Handwerker

Ein Lieblingsbild zu benennen fällt bei der Fülle der Exponate beiden schwer. Denn ausgesucht haben die Groschkes die im Rathaus ausgestellten Aquarelle, Ölbilder, Bleistift- oder Pastellzeichnungen selbst. „Was uns am besten gefällt, lautete die Devise“, so Ingrid. Der überwiegende Teil lagerte im eigenen Fundus. „Ein Blumenbild habe ich mir vom Sohn ausgeborgt“, verrät die 75-jährige Ingeborg. Andere Bilder hingen bisher im Wohnzimmer des Paares. Ein anderes, kehrt nach der Ausstellung wieder ins Schlossmuseum zurück.
Aber als Künstler will eigentlich keiner der beiden bezeichnet werden. „Ich bin Handwerker“, sagt Hans-Richard Groschke nicht ohne Stolz. Bei der Eröffnung freut sich das Paar, über den Zuspruch der Gäste. „Es ist ein schöner Ansporn, wenn es anderen gefällt“, sagt Ingrid.

Lebensstationen von Ingrid und Hans-Richard Groschke


Im November 1942 wird Hans in Lübben geboren. Im Januar 1945 kommt Ingrid in Finsterwalde zur Welt. Bei der Malerausbildung treffen die beiden 1961 aufeinander. Mit dem Gesellenbrief in der Tasche heiratet das Paar 1964. Im folgenden Jahr kommt das erste von insgesamt drei Kindern auf die Welt. Beide legen 1966 die Meisterprüfung im Malerhandwerk ab.

Hans-Richard übernimmt gemeinsam mit seinem Bruder den Betrieb des Vaters in Lübben. Ingrid absolviert eine dreijährige Abendschule an der Hochschule für Bildende Künste Dresden und leitet von 1974 bis 1991 den Mal- und Zeichenzirkel in Lübben. Hans-Richard meldet 1979 den Malerbetrieb gesundheitsbedingt ab, ist anschließende fünf Jahre beim Kreisbetrieb für Landtechnik in Radensdorf und zwischen 1985 und 1995 erneut selbstständiger Maler.

Ingrid ist ab 1991 freischaffend tätig und absolviert verschiedene Fernstudiums. Hans-Richard ist zwischen 2000 und 2002 am Stadt- und Regionalmuseum.

Noch immer sind beide künstlerisch tätig.