„Der Kessel von Halbe“ ist fast jedem Spreewälder ein Begriff, in jedem Fall den älteren. Ende April 1945, kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde ein letztes militärisches Aufgebot aus Hitlerjungen und Soldaten in einem Waldgebiet bei Halbe eingeschlossen. Weil ihnen der Rückzug nicht erlaubt wurde, konnte die Rote Armee den Kessel schließen. Und weil zu diesem Zeitpunkt zahllose Menschen auf der Flucht waren, kamen in den folgenden Kämpfen auch Tausende Zivilisten um.

30 000 Soldaten und 10 000 Zivilisten sowie viele sowjetische Zwangsarbeiter starben den gegenwärtigen Quellen zufolge. Viele von ihnen und andere Kriegstote wurden auf dem Waldfriedhof in Halbe beerdigt, geschaffen gut fünf Jahre später, um ihnen eine würdige Ruhestätte zu geben.

Neonazis missbrauchen den Ort

Doch die Ruhe blieb lange Zeit relativ. Ab 1990 missbrauchten Neonazis den Ort offen für ein „Heldengedenken“. Aus den Protestaktionen bildete sich das Aktionsbündnis gegen Heldengedenken und Naziaufmärsche in Halbe. Zeitweise gingen Tausende Menschen mit ihm am Vorabend des Volkstrauertages auf die Straße, um gegen Hetztiraden, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und die Negierung faschistischer Verbrechen zu demonstrieren sowie ein Zeichen für Frieden und Demokratie zu setzen.

2006 wurde ein angemeldeter Neonazi-Aufmarsch verboten, 2007 versanken die Teilnehmer im Dauerregen. Seither ist es wieder ruhiger. Doch das Aktionsbündnis bleibt wachsam.

Fremdenfeindlichkeit etwas entgegensetzen

„Die Nazis kommen nicht mehr, aber wir wollen auch nicht, dass sie wiederkommen“, sagt Jens Wollenberg. Er moderiert am 16. November die erneute Veranstaltung des Aktionsbündnisses gegen Fremdenfeindlichkeit, für Frieden und Demokratie . Beginn ist um 17 Uhr im Kaiserbahnhof. Titel ist diesmal: „Wie Fremde in eigener Heimat“.

„Wir wollen am Vorabend des Volkstrauertages weiterhin aufzeigen, dass es Fremdenfeindlichkeit gibt – und dem mit unserem Programm etwas entgegensetzen“, sagt Werner Wolff als erste Ansprechperson für das Bündnis und Vorsitzender des Fördervereins für das Aktionsbündnis.

Vielfältiger Konzertabend

Für den Abend haben die Organisatoren ein hochkarätiges Programm zusammengestellt. Die Berlinerin Defne Sahin, mehrfache Preisträgerin, Hochschulabsolventin und musikalisch in Weltstädten wie New York unterwegs, wird ebenso auftreten wie die in Wien geborene Serbin Matilda Leko, Diplom-Jazzsängerin und Dozentin. Der Titel des Abends, „Wie Fremde in eigener Heimat“, dürfte aber auch den sorbischen Liederpoeten Bernd Pittkunings ansprechen. Auch er ist für einfühlsame Musik von hoher gesanglicher Qualität bekannt. Komplettiert wird die Liste regional, national und international bekannter Namen von Schauspieler und Coach Matthias Müller-Wurbs und der Berliner Band Klezbanda mit Wurzeln in der Bukovina.

Der restaurierte Kaiserbahnhof wird die Kulisse für den Abend bilden. Susanne Thäsler-Wollenberg, früher Lehrerin, jetzt wieder selbst Künstlerin, wird das Bühnenbild gestalten.

Menschen anders begegnen als üblich

Im Kaiserbahnhof werden zu diesem Abend zahlreiche Gäste erwartet. Wer etwas eher da ist und sich Zeit nimmt, kann sich im spätherbstlichen Nachmittagslicht noch die Stelen anschauen, die an dem historischen Gebäude beginnen und den Weg zum Waldfriedhof weisen, jeweils mit Hinweisen auf die historischen Ereignisse versehen.

„Wie Fremde in eigener Heimat“ ist eine der ersten, aber sicher nicht die letzte Veranstaltung im historischen Kaiserbahnhof. Susanne Thäsler-Wollenberg plant für kommenden Sommer eine größere Open-Air-Aktion mit Künstlern unter Beteiligung von Schulen und im Zusammenhang mit der Historie von Halbe. Künstlerische Installationen und ein Konzert sind nach ersten Ideen geplant – mit Fokus darauf, Menschen anders zu begegnen als im gewohnten blitzschnellen Maßnehmen und Beurteilen.