Funkerberg Königs Wusterhausen
: Die Geburtsstätte des deutschen Rundfunks sendet wieder

1920 wurde erstmals ein Weihnachtskonzert im deutschen Radio übertragen. Bis heute erhält Rainer Suckow mit seinem Radiosender diese Tradition – wie Kurzwellen, Kilowatts und Musik zusammenhängen.
Von
Alexandra Leibmann
Königs Wusterhausen
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Kurzwellenradio – eine Übertragungstechnologie für Radiosendungen, die Kurzwellenfrequenzen nutzt, um weltweite Kommunikation und Sendungen über große Entfernungen zu ermöglichen.

Jens Büttner

Am 22. Dezember 1920 wurde die erste Radiosendung Deutschlands aus Königs Wusterhausen ausgestrahlt. Der Funkerberg, von dem aus das Programm gesendet wurde, gilt heute als die Geburtsstätte des deutschen Rundfunks. Das Veranstaltungsradio „Welle370“ führt die Tradition fort und strahlt am 22. Dezember jährlich eine Weihnachtssendung aus.

Das heute noch existente Funkhaus war nach dem Ersten Weltkrieg als Militärfunkstelle übrig geblieben und kam als Maßnahme zur Entmilitarisierung in den Bezugsbereich der Deutschen Post. Bis dato wurde das Medium Radio zur Übersendung von Wirtschafts- und Börsennachrichten an deutschlandweit 80 vorhandene Empfangsstellen der Reichspost genutzt.

Der Hochfrequenztechniker Hans Bredow erkannte jedoch auch ein anderes Potenzial in dem Medium. Bredow hatte bereits mit Röhrensendern und Rückkoppelübungsempfängern experimentiert, bei denen auch Musik in akzeptabler Qualität übertragen werden konnte. So gelang es ihm, für die Soldaten an der Front erstmals Musik abzuspielen. An der Freude und dem Dank der Soldaten erkannte Hans Bredow, welche Wirkung in dem Medium steckte.

Eine Senderöhre im Sendersaal im heutigen Museum Funkerberg

Rainer Suckow

Beamte der Post spielten ein Weihnachtskonzert

So organisierte er gemeinsam mit den am Funkerberg arbeitenden Beamten der Reichspost 1920 ein Weihnachtskonzert, bei dem ein experimentelles Programm zustande kam. Die Beamten spielten Instrumente, sangen Weihnachtslieder, hielten Vorträge, erzählten Nachrichten und boten Unterhaltung. 1500 Kilometer Reichweite hatte diese erste Übertragung.

Im neuen Jahr wurde die erfolgreich umgesetzte Idee dann wieder aufgegriffen, um ein Osterkonzert zu spielen, im Juni folgte eine Oper, bis die Häufigkeit der Sendungen immer mehr zunahm. Ab 1923 wurden Sonntagskonzerte im Radio übertragen, bis dann am 29. Oktober 1923 offiziell die „Deutsche Stunde“ gegründet wurde. Dies war eine Art Vorläuferorganisation des öffentlichen Rundfunks. Die Deutsche Stunde startete ihre regelmäßigen Sendungen am 1. Januar 1924.

Eine Postkarte von 1920. Zu sehen ist die Radio-Sendestation auf dem Funkerberg in Königs Wusterhausen.

Rainer Suckow

Die Tradition wird vom Verein weitergeführt

1993 ging der letzte Sender auf dem Funkerberg dann außer Betrieb. Daraufhin gründete sich der Förderverein Sender Königs Wusterhausen, dessen Ziel es war, möglichst viel von der Technik und dem Ort zu erhalten. Ab 1996 wurde das „Sendehaus 1“ dann zum Museum umfunktioniert. Betrieben wird das Museum nun von der Stadt Königs-Wusterhausen in Kooperation mit dem Förderverein.

Rainer Suckow, Vorsitzender des Vereins, scheint nach wie vor begeistert von dem Medium zu sein. „Man braucht ein Programm, einen Sender – also die technische Einrichtung, eine Antenne und Stromversorgung“, zählt er auf. „Das alles haben wir im Museum und können Besuchern und Schulklassen in der Praxis zeigen, wie Radio funktioniert.“

Jeden dritten Sonntag im Monat wird nach wie vor live eine Sendung vom Funkerberg ausgestrahlt. Allerdings hat die nur noch eine Reichweite von 15 Kilometern im Umkreis des Funkerberges. Diese lässt sich mit einem Mittelwellenradio, also beispielsweise dem in einem Auto, empfangen. Mittelwellenempfänger sind gekennzeichnet mit dem Kürzel: AM

Das Weihnachtskonzert am 22. Dezember 2023

Für das traditionelle Weihnachtskonzert am 22. Dezember um 14 Uhr mieten sich Rainer Suckow und die Macher vom Radiosender Welle370 dann extra ein größeres Studio in Nauen, um wieder – wie damals im Jahre 1920 – eine Reichweite von 1500 Kilometern zu erzielen und an anderen Enden Europas empfangen werden zu können. Und diese Sendung wird – wie auch damals – auf der Kurzwelle übertragen. Original, live und nur für eine Stunde. Um mithören zu können, ist also ein Gerät nötig, das den Kurzwellenbereich empfangen kann. Dies können Radios mit der Kennzeichnung KW (Kurzwelle).

Frequenzen zum Empfangen der Sendung

Zu hören ist das diesjährige Weihnachtskonzert auf den Kurzwellen
6095 kHz (gesendet aus Nauen) und
5960 kHz (gesendet aus Moosbrunn).

Die Evolution der Sendeleistung

Fun Fact: Für die Ausstrahlung des Weihnachtskonzerts im Jahr 1920 wurden damals 1,5 Kilowatt benötigt. Das entspricht ungefähr der Leistung eines Wasserkochers. In der Theorie wäre das auch heutzutage noch möglich, sagt Suckow. In der Praxis sind aber auf Empfängerseite die Signale durch moderne Geräte wie Router, Computer, Handys und LED-Lampen stark gestört. Daher wird mit ähnlicher Technik heute für das Konzert aus dem Studio in Nauen eine Leistung von 100 Kilowatt benötigt, um dieselbe Reichweite von 1500 Kilometern zu erzielen.

Und woher weiß man, wer zuhört?

„Das ist ja das Schöne an dem Medium“, erklärt Rainer Suckow. „Man weiß nie, wer zuhört. Es geht nicht um Klickzahlen und Einschaltquoten.“ Aber tatsächlich erreichen die Produzenten vom Sender Welle370 aus ganz Europa Empfangsbestätigungen. Und als Dankeschön kriegen die Zuhörerinnen und Zuhörer auch eine Postkarte aus dem Geburtsort des deutschen Rundfunks zugeschickt.

Rainer Suckow (rechts unten) und sein Team vom Radiosender Welle370

Rainer Suckow

Kurzwellenübertragung – Radio hören (fast) wie vor 100 Jahren

● Die Jubiläumssendung kann am 22. Dezember 2023 von 14 bis 15 Uhr europaweit auf Kurzwelle (KW) empfangen werden. Dazu benötigen die interessierten Hörer ein Kurzwellenradio oder nutzen die Möglichkeiten zum Empfang über das Internet.

● Das Museum Funkerberg möchte dazu ermuntern, vergessen Geglaubtes auszuprobieren: „Holen Sie ihren alten Empfänger aus dem Keller. Spannen Sie einen Antennendraht und lauschen Sie dem Klang einer nahen oder fernen Welt.“

● Oder wer sich dem Internet näher verbunden fühlt: Es gibt sogenannte WebSDR, also digitale Empfänger, mit denen man im Internet Kurzwelle empfangen kann.

● Auf der Seite des Museums Funkerberg gibt es eine ausführliche Anleitung, welche Möglichkeiten es zum Empfangen von Kurzwelle gibt: museum.funkerberg.de/kurzwelle/