Flughafen BER
: Friedrichshafen statt San Francisco, müssen Inlandsflüge sein?

Der Flughafen BER möchte mehr Langstrecken – und bekommt einen Inlandsflug. Wie soll man den Fluglärm und die Klimaschäden rechtfertigen, wenn Highspeed-Züge bereitstehen?
Kommentar von
Till Eichenauer
Schönefeld
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Ein Flugzeug der Lufthansa: ARCHIV - 26.07.2023, Sachsen, Dresden: Ein Flugzeug vom Typ Airbus A320-214 der Lufthansa fliegt über den Wolken am Himmel über Dresden. (zu dpa: «Urteil untersagt Lufthansa bestimmte CO2-Aussagen in Werbung») Foto: Robert Michael/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Ein Flugzeug der Lufthansa fliegt über den Wolken. Die Fluggesellschaft fliegt Tausende Flüge pro Jahr von Berlin zu ihrem Hauptflughafen nach Frankfurt am Main.

Robert Michael/dpa

Hurra! Der Flughafen BER bekommt eine neue Fluglinie! Wo geht es hin? Nach Chicago? Singapur? Mumbai? Nein – Friedrichshafen am Bodensee. Viermal pro Woche soll nun die beschauliche Stadt in Baden-Württemberg von Berlin aus angeflogen werden. Viermal pro Woche werden jetzt also die Propeller-Maschinen vom Typ DHC‑8‑400 über die Köpfe der Menschen in Blankenfelde-Mahlow, Waltersdorf, Eichwalde oder Erkner brummen und für zusätzlichen Fluglärm sorgen.

Nicht nur die geplagten Anwohner rund um den Flughafen werden sich fragen: Muss das sein in Zeiten von Klimawandel und komfortablen Hochgeschwindigkeitszügen?

Immerhin nur 90 Minuten Flugzeit benötigt die kleine Maschine, um bei voller Auslastung 80 Passagiere vom Flughafen BER zum „Bodensee-Airport“ zu bringen – vor allem Geschäftsreisende, insbesondere aus der Rüstungsindustrie. Genauso viele Menschen passen in einen einzelnen Wagen eines ICE. Der bringt Reisende derzeit im besten Fall in sechseinhalb Stunden vom Berliner Hauptbahnhof nach Friedrichshafen – direkt in die Innenstadt, ohne Sicherheitscheck und mit kostenlosem Koffer.

Fliegen nur dann, wenn es unvermeidbar ist

Eine globalisierte Welt ist ohne Flugverkehr unmöglich. Genauso unmöglich wird es in absehbarer Zeit aber auch sein, Flugzeuge klimaneutral zu betreiben. Deshalb muss sich die Fliegerei auf Strecken beschränken, auf denen sie alternativlos ist. Man kann von niemandem erwarten, mit einem Dampfer von Hamburg nach Sydney zu fahren – aber von Berlin nach Frankfurt den Zug zu nehmen, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Trotzdem fliegen jede Woche über 100 Flugzeuge, vor allem von der Lufthansa, genau diese Strecke. Auf neue Fernstrecken von der Berliner Hauptstadt in die Welt wartet man aber vergeblich.

Auch wenn die eingesetzten kleinen Propeller-Maschinen auf Kurzstrecken wie nach Friedrichshafen im Flugverkehr als vergleichsweise effizient gelten: Eine Bahnfahrt in einem mit Ökostrom betriebenen Zug verursacht um ein Vielfaches weniger Klimagase. Obwohl der Klimawandel bei den aktuellen Temperaturen abstrakt erscheint: Die schweren Folgen, die die Erderwärmung schon jetzt hier und anderswo auf der Welt verursacht, sind kaum zu rechtfertigen mit ein paar Stunden Zeitersparnis für gehetzte Reisende.

Im Angesicht des Lärms, der Klimafolgen und der alternativen Verkehrsmittel scheint die neue Linie nach Friedrichshafen aus der Zeit gefallen. Und tatsächlich hat die Luftfahrtverbindung von Friedrichshafen nach Berlin sogar Tradition: Vor knapp 100 Jahren brachte das Luftschiff LZ 127 „Graf Zeppelin“ auf Linienflügen Reisende in etwa acht Stunden vom Bodensee in die deutsche Hauptstadt – mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 75 Kilometern in der Stunde. Durch die Brille der Vernunft betrachtet sollte ein Inlandsflug in Deutschland heute ähnlich viel Verwunderung hervorrufen wie ein Zeppelin am Himmel.