Fleischer Nusche in Königs Wusterhausen: Schluss nach 32 Jahren – darum werden seine Kunden ihn vermissen

Wochenmarkt in Königs Wusterhausen: Lange Schlage vor dem Verkaufswagen der Fleischerei Nusche am letzten Öffnungstag.
Jana ScholzWenn man am Freitag (26. Juli) in die Gesichter der meisten Besucher des Wochenmarktes in der Bahnhofstraße in Königs Wusterhausen schaut, sieht man ihnen die Trauer an. Es ist das letzte Mal, dass sie in einer fast endlos erscheinenden Schlange bei ihrem Fleischer aus der Region, Gerald Nusche, Wurst und Fleisch kaufen können.
„Ick weeß noch jar nich, wat mich erwartet“, sagt der 66-Jährige. Damit meint der Fleischermeister seine Rentenzeit, die am gleichen Tag mit Kassenschluss beginnt. Nach 32 Jahren hört Gerald Nusche aus Königs Wusterhausen auf.
Schon der Ur-Opa hat Bullen-Fleisch verkauft
In den Kündigungen für seine Mitarbeiter schrieb Nusche von einer Geschäftsaufgabe aus Altersgründen. „Ich wurde in eine Fleischerfamilie hinein geboren. Schon mein Ur-Opa Friedrich hat in den 1880er-Jahren hier in Niederlehme die ersten Bullen geschlachtet und nach Berlin verkauft; dafür gab es Goldmark", berichtet Nusche. „Mein Opa Gustav, mein Vater Gerhard und letztendlich ich haben das Geschäft Generation für Generation übernommen.“
Nusche selbst konnte für seinen Handwerksbetrieb keinen Nachfolger finden. Gleich mehrere Jahre habe er sich bemüht, aber erfolglos – ein Schicksal, dass man auch von anderen Fleischer-Betrieben in Brandenburg kennt.
Fleischer aus Niederlehme: „Harte Arbeit"
„Es ist wirklich harte und vor allem schwere Arbeit, das weiß ich aus Erfahrung. Der schwerste Bulle, den wir je in Niederlehme auf unserem Hof geschlachtet haben, hatte 23 Zentner“, berichtet der 1,70 Meter große Mann stolz und mit einem verschmitzten Lächeln. „Die heutige Jugend wird lieber Influencer oder so was, von Handwerk wollen sie nichts mehr wissen.“

Auf diesen Bullen ist Fleischer Nusche (l.) stolz: Ganze 23 Zentner (2300 Kilogramm Lebendgewicht) brachte der größte in Niederlehme geschlachtete Bulle auf die Waage. Das Tier verarbeitete er damals noch gemeinsam mit seinem Vater Gerhard (M.)-
NuscheDass die traditionellen Handwerksberufe weniger attraktiv sind, zeigt die Lehrstellenbörse der Handwerkskammer Cottbus. Für das Ausbildungsjahr 2024/25, das in der nächsten Woche beginnt, sind im Kammerbezirk, worunter auch die Stadt Königs Wusterhausen fällt, noch 614 Stellen zu besetzen, acht davon für angehende Fleischer.
„Ich bin gespannt, wann der Jugend auffällt, dass Handwerk einen goldenen Boden hat. Wahrscheinlich erst, wenn sie keinen Elektriker mehr finden, der den Strom zum Laden ihrer Smartphones wieder einschaltet“, sagt Fleischermeister Nusche.
Marktbetreiber von Königs Wusterhausen voll des Lobes
Währenddessen findet Rico Simolke, der Betreiber des Wochenmarktes in Königs Wusterhausen, nur lobende Worte für die jahrelange Zusammenarbeit mit dem Fleischer: „Herr Nusche ist einer unserer zuverlässigsten Standbetreiber. Egal, bei welchem Wetter, Fleischerei Nusche war immer da. Schon morgens, bevor er seinen Stand aufbaute, standen die ersten Kunden und haben gewartet.“

Fleischer-Meister Nusche aus Niederlehme mit seinem familiären Team: Cindy Völz (v.l.), Carola Kaydan, Gerald Nusche, Michael Hartke, Marion Neumann und Heidi Wollschlaeger.
BC KlenkeGleich drei Generationen einer Königs Wusterhausener Familie standen Woche für Woche an Nusches Verkaufswagen in der Bahnhofstraße in Königs Wusterhausen. Tochter Melanie hat die Einkaufstradition ihrer Mutter übernommen und steht nun selbst mit ihrem Sohn in der langen Warteschlange auf dem KWer Wochenmarkt. Sie sagt: „Wir werden den Fleischer auf dem Markt und das gesamte Team hier sehr vermissen. Allem voran das leckere Schinkenmett und den Kochschinken. Hier war immer alles frisch und geschmacklich einwandfrei.“
Nusches Kunden nicht nur aus Königs Wusterhausen
Die Kundschaft kam in all den Jahren aus sämtlichen anliegenden Gemeinden und Orten rund um Königs Wusterhausen und versorgte sich mit Nusches Fleisch- und Wurstwaren. So auch Mandy Lehmann aus Zeuthen, die ihre Bestellwünsche gern telefonisch durchgab und dann pünktlich zum Wochenende in Köngis Wusterhausen abholte. „Hier gab es immer das beste Griebenschmalz, eine einzigartige grobe Leberwurst, Schlackwurst in Meisterqualität von Meisterhand", zählt sie auf. Ihre Augen leuchten, als sie auch berichtet, dass sie sogar die Schweineohren für ihren Hund kaufen konnte.
Der scheidende Fleischermeister war somit auch für die Vierbeiner der Region ein absoluter Gewinn. Die Schlange der Gratulanten zum Eintritt ins wohlverdiente Rentenalter wird länger. „Wenn hier heute die Lichter ausgehen, verlässt einer der letzten Fleischermeister von Königs Wusterhausen die Bühne der Geschäftswelt“, sinniert der Königs Wusterhausener Udo Kretschmar. Er kennt den Fleischer seines Vertrauens nicht nur vom Wochenmarkt, sondern auch von verschiedenen Veranstaltungen in und um KW, die Nusche ausrichtete. „Er versorgte beispielsweise viele Anglerfeste mit seinen kulinarischen Leckerbissen“, schwärmt der ehemalige Oberangler des Landkreises Dahme Spreewald.
In Zukunft wird er seinen Einkauf bei der Fleischerei Penndorf machen. Damit es dem KWer Wochenmarkt nicht an frischen Lebensmitteln aus der Region mangelt, wird das Zernsdorfer Unternehmen ab September 2024 Nusches Platz in Königs Wusterhausen einnehmen, bestätigte Marktbetreiber Simolke.
Fleischermeister aus Königs Wusterhausen erkundet nun die Welt
Am Verkaufsstand nimmt die Schlange der Kunden kein Ende. Die Verkäuferinnen haben sich bereits in den vergangenen Wochen an das Bild gewöhnt. „Die Leute hamstern; wir sind seit ein paar Wochen gefühlt schon mittags fast ausverkauft“, sagt Heidi Wollschlaeger. Sie ist nicht nur im Hintergrund für das Unternehmen tätig, sondern auch seit einigen Jahren die Partnerin an der Seite von Fleischermeister Gerald Nusche.
Die gelernte Köchin musste sich für den Knochenjob ganz schön umstellen. Vom warmen Herd in einem Altersheim wechselte sie erst zu Beginn des Jahres 2023 in das fünfköpfige Team auf dem Niederlehmer Hof, um ihren Herzensmenschen zu unterstützen. Auch sie hat nun das Rentenalter erreicht und freut sich schon auf viele gemeinsame Ausflüge und die freie Zeit mit der Familie.
„Wenn es nach mir geht, mache ich meinen nächsten Urlaub in Kanada. Das Land hat es mir einfach angetan, und meine Heidi hat dort ihren Bruder, den wir jederzeit besuchen können“, träumt Nusche vom Reisen in der Zukunft.
Neue Fleischerei in Trebatsch (LOS)
Und was wird aus seinen Angestellten? Seinem ehemaligen Gesellen Michael Hartke hat Nusche die Meisterschule finanziert, die er mit Bravour abgeschlossen hat. 22 Jahre lang war er für seinen Chef eine feste Instanz. Er wird sich zeitnah in seinem Heimatort Trebatsch (Landkreis Oder-Spree) mit einer eigenen kleinen Fleischerei selbstständig machen. Die Verkäuferin Marion Neumann wird ab sofort ebenfalls ihre Rentenzeit genießen.
Ebenfalls seit 20 Jahren arbeitete Carola Kaydan für das Unternehmen, bis zu ihrer Rente hat es noch nicht gereicht; sie muss sich nach den Sommerferien einen neuen Arbeitgeber suchen. Die jüngste Mitarbeiterin ist Cindy Völz. Sie überlegt, sich mit einem kleinen Laden in Königs Wusterhausen selbstständig zu machen, Eventmanagement zu studieren oder sogar beides. Aber alle Mitarbeiter sind sich einig: „So einen Chef hatten wir nur einmal.“


