Gefahr durch Eltern–Taxis: Straßen–Sperrung als Lösung für sichere Schulwege?

Berlin ist negativer Spitzenreiter bei sogenannten Eltern-Taxis. 33 Prozent der Schüler werden in der Hauptstadt von den Eltern mit dem Auto zur Schule gefahren. Dabei gibt es die Vorgabe, dass die Grundschule nicht weiter als zwei Kilometer vom Wohnort entfernt liegen soll.
Ralf Hirschberger/dpaEs ist das typische Szenario, das sich so oder so ähnlich tausendfach vor Grundschulen in Berlin abspielt: Eine Mutter fährt ihre Tochter kurz vor 8 Uhr mit dem Auto durch eine schmale Anwohnerstraße bis zum Tor der Werbellinsee–Grundschule in Schöneberg. Auf dem Rückweg blockiert sie in der zugeparkten Sackgasse ein Müllauto, das nicht weiterfahren kann und am Schülerlotsen–Punkt stoppen muss.
Dies Lotsen sind nun auch blockiert und können ihre Mitschüler nicht mehr über die Straße geleiten. Es kommt zu Diskussionen und entnervten Autofahrern, deren Wagen sich schon bis in die angrenzende Straße stauen.
Berlin ist bundesweiter Spitzenreiter bei den sogenannten Eltern–Taxis. Bei Kälte werden laut einer Studie des Automobilklubs ADAC 31 Prozent der Kinder zur Schule chauffiert. Bundesweit sind es 22 Prozent, die mit dem Auto gefahren werden. „Eltern–Taxis stellen eine große Gefährdung für Schulkinder dar“, betont Claudia Löffler, Sprecherin des ADAC Berlin–Brandenburg.
Gefährliche Überhol– und Wendemanöver durch Eltern–Taxi
„Häufig halten Eltern dort, wo gerade Platz ist, also auch an Bushaltestellen, im Halteverbot oder in zweiter Reihe“, so Löffler. „Es werden gefährliche Überhol– und Wendemanöver provoziert, Geschwindigkeiten überschritten und zu Fuß laufende und aussteigende Kinder — auch die eigenen — durch das Chaos gefährdet.“
„Das ist keine gute Entwicklung“, findet auch Norman Heise, Vorsitzender des Berliner Landeselternrats. Interessant sei an der ADAC–Erhebung, dass als Grund für den morgendlichen Fahrdienst von den Eltern häufig die Sorge über die Schulwegsicherheit durch den Autoverkehr genannt werde. „Da beißt sich die Katze in den Schwanz.“
Heise weist aber auch darauf hin, dass man bei der Betrachtung des Phänomens zwischen Zentrum und Stadtrand differenzieren müsse. „In Randbezirken ist der öffentliche Nahverkehr leider nicht so gut ausgebaut, sodass Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen, weil es auf ihrem Arbeitsweg liegt.“
Der Landeselternrat hält unter anderem Schulstraßen für eine interessante Lösung. Dabei wird ein Teil der Straße morgens und zum Schulschluss für den Autoverkehr gesperrt — meist für eine halbe Stunde.

Warnhütchen stehen an einer Straße an einer Schule in Essen. Ab 7.45 Uhr ist das Befahren der Straße für 45 Minuten untersagt. In Nordrhein-Westfalen hilft eine neue Verordnung Kommunen dabei, einzelne Straßen vor Schulen zu gewissen Zeiten zu sperren.
Christoph Reichwein/dpaDer Berliner Senat arbeitet derzeit an einer „Arbeitshilfe“, die es den Bezirken erleichtern soll, solche Schulstraßen einzurichten. Vorbild ist Nordrhein–Westfalen, wo die Landesregierung die Behörden über eine neue Verordnung darauf hinweise, welche Möglichkeiten sie haben, einzelne Straßen vor Schulen zu gewissen Zeiten zu sperren.
„Eltern könnten so ihre Kinder an der nächsten Ecke absetzen. Und alle haben vor der Schule mehr Bewegungsfreiheit und weniger Unfallgefahr“, erklärt Roland Stimpel, der sich seit Jahren mit seinem Verein FUSS e. V. für die Rechte von Fußgängern einsetzt. „Kinder, die zu Fuß zur Schule kommen, sind wacher, gesünder und erfahrener im Straßenverkehr“, sagt der Diplom–Ingenieur für Stadt– und Regionalplanung. „Deswegen sollte ihr Schulweg angenehm und sicher sein.“
Auch der ADAC Berlin–Brandenburg rät dazu, Kinder bereits ab der 1. Klasse zu Fuß zur Schule gehen zu lassen, sofern der Schulweg sicher ist und die Strecke vorher gut geübt wurde. „Falls allerdings durch einen zu langen oder unsicheren Schulweg das Eltern–Taxi erforderlich sein sollte, sind ausgewiesene Hol– und Bringzonen — sogenannte Elternhaltestellen — sinnvoll, die sich im näheren Umfeld der Schule befinden“, sagt Sprecherin Claudia Löffler. „Wir setzen uns für die Einrichtung der Elternhaltestellen ein und unterstützen Schulen oder Elterninitiativen bei der Umsetzung.“
Doch der Weg scheint steinig und schwer. Das berichtet Jens Otte, Leiter der Bruno–H.-Bürgel–Grundschule in Berlin–Lichtenrade. Dort haben engagierte Eltern vor einem Jahr selbst Warnwesten angezogen und einen Monat lang die Straße für Autos mit weiß-roten Zäunen täglich für eine halbe Stunde abgesperrt. „Zuerst war die Aktion ein Erfolg gewesen und hat für viel Aufmerksamkeit und Rücksichtname der Eltern gesorgt“, berichtet Otto.
Schüler stürzt mit Kopf auf Bordsteinkante
Schon vorher hatten Eltern der Schule drei Jahre lang versucht, beim Bezirk Tempelhof–Schöneberg Maßnahmen durchzusetzen, um den Verkehr um die Schule zu reduzieren. Unter anderem war 2021 ein Fahrrad fahrender Sechstklässler auf den letzten Metern vor der Schule von einem Postauto zur Seite gedrängt worden, gestürzt und mit dem Kopf so hart auf der Bordsteinkante geschlagen, dass sein Helm zerbrach.
Doch der Effekt der Eltern–Sperr–Aktion sei leider nur von kurzer Dauer gewesen. Nachdem die Schule und Eltern mit einer externen Beratungsfirma ein Konzept zum Mobilitätsmanagement ausgearbeitet hatten, in dem sie Gefahrenstellen und Möglichkeiten wie Einbahnstraßen und Halteverbote ausloteten, sei dieses nun in der Behördenschublade verschwunden.
„Im Bezirksamt gibt es derzeit einfach keine Mitarbeiter, die für die Umsetzung sorgen könnten, die ja leider auch mit langwierigen bürokratischen Hürden verbunden ist“, erzählt Otto. So habe das „wilde Absetzen“ und das Verkehrschaos vor der Schule wieder den alten Stand erreicht und teilweise sogar zugenommen.
„Ich beobachte von meinem Fenster aus, wie Autofahrer rückwärts auf den Bürgersteig fahren und selbst Eltern mit ihren Kindern an der Hand es nicht schaffen, die Straße zu überqueren.“ Dass sich daran bis auf Weiteres nichts verändern wird, sei schon sehr ermüdend und frustrierend.
„Oft hadern die Verwaltungen ob der schieren Überzahl an Maßnahmen, die für sichere Schulwege erforderlich sind — und tun dann letztendlich nichts“, ist auch die Erfahrung von Ragnhild Sørensen vom Verein „Changing Cities“.
Dabei hätten sie mit den Schulstraßen eine konkrete Maßnahme in der Hand — und sie wirkte. Vor allem in Paris seien bereits über 200 permanenteRue d’ecoles eingerichtet worden — oft kombiniert mit Entsiegelung, Begrünung und erhöhter Aufenthaltsqualität für die Anwohnenden. „Es sind ja lange nicht nur die Kinder, die davon profitieren.“
Petition für Schulstraßen
In Deutschland werde demnächst eine Petition gestartet, mit Forderungen an Kommunen, Schulstraßen einzurichten, kündigt Sørensen an. „Hierzu gibt es bereits ein Gutachten. Bis voraussichtlich spätestens Ende Mai soll es einen Leitfaden für die Kommunen geben, der ihnen die Schritte zur rechtssicheren Umsetzung ermöglicht.“
Landesweite Regelungen zu temporären Schulstraßen sind in Berlin laut Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt aber nach derzeitigem Stand nicht geplant. „Für die Planung und Umsetzung von baulichen Maßnahmen zur Verbesserung der Schulwegsicherheit sind überwiegend die Berliner Bezirke zuständig“, erklärt auch Behördensprecher Michael Herden.
Diese seien auch für die Erstellung von Schulwegplänen verantwortlich. Die Senatsverkehrsverwaltung erarbeite derzeit aber zusammen mit der Senatsbildungsverwaltung ein „handlungsorientiertes, umfassendes Konzept zum Mobilitätsmanagement“ für Schulen und Kitas in Berlin, um ihr Umfeld sicherer zu machen.
Eines von vier geplanten Modellprojekten dazu findet sich in der Singerstraße in Mitte. Im Herbst 2023 wurde dort zwischen Ifflandstraße und Lichtenberger Straße die erste Schulzone in Berlin eingerichtet. Der etwa 200 Meter lange Abschnitt wurde beidseitig mit Pollern für den KFZ–Verkehr gesperrt. Innerhalb der autofreien Zone befinden sich das Max–Planck–Gymnasium und gleich daneben die GutsMuths–Grundschule. Bei der Entwicklung der Schulzone wurden auch Schüler sowie die ansässige Verkehrsschule mit ins Boot geholten.
An der Werbellinsee-Grundschule in Schöneberg setzt man dagegen seit Jahren auf Schülerlotsen. Aber auch dort kam es 2017 zum Eklat, als sich vermehrt Auto–, aber auch Fahrradfahrer trotz ausgestreckter roter Kellen einfach an den Kindern in den grellen Warnwesten vorbeischlängelten. „SUW–Fahrer fuhren bedrohlich nah an die Schülerlotsen heran, die vielleicht gerade mal zehn Jahre alt sind“, berichtet die Großmutter eines ehemaligen Schülers, die direkt an der Schule wohnt.
Teilweise hätten die Autofahrer sogar Lotsen beschimpft und aufgefordert, die Straße freizugeben, berichtet die Berlinerin, die sich daraufhin selbst vier Jahre lang als Verkehrshelferin betätigte, um die Schülerlotsen zu unterstützen.

Einige Einrichtungen in Berlin, hier die Bouche-Grundschule in Treptow-Köpenick, nutzten Schülerlotsen, damit Kinder sicher zur Schule kommen können.
Jörg Carstensen/dpaBis heute bekommen die Schülerlotsen Elternteile zur Seite gestellt. Schüler wie Erwachsene werden zuvor von der Polizei für den Einsatz geschult. „Da geht es unter anderem auch um klare und lautstarke Kommandos, das kann für einen Sechstklässler schon eine Herausforderung sein“, erklärt Verkehrssicherheitsberater Martin Wollny.
Von ihm und seinen Kollegen vom Abschnitt 42 lernen die Kids, auch mal aktiv Auto– und Radfahrer anzusprechen. Das veränderte Auftreten, aber auch Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit habe mit der Zeit für eine große Akzeptanz des Schülerlotsen–Dienstes gesorgt, berichtet Wollny. „Ich bin inzwischen sehr zufrieden.“
Dazu führen die Polizeibeamten mit allen Erst– und Zweitklässlern der Werbellinsee–Grundschule ein Schulwegtraining durch. In Elternbriefen wird gebeten, die Kinder möglichst nicht mit dem Auto bis zum Schultor zu bringen. „Es gab schon lange keine Eskalationen oder Beschwerden mehr“, sagt die Schulsekretärin. Die Szenen mit der Mutter und dem Müllauto sind mittlerweile eher eine Ausnahme.



