Einkaufen in Heidesee
: Stille Stunde – so reagiert Edeka auf sensible Kunden

Gedimmtes Licht. Keine Musik. Reduzierte Geräusche. Warum ein Edeka-Markt in Dahme-Spreewald seinen Kunden fortan beim Einkaufen eine Wochenstunde Ruhe gönnt.
Von
Tim Schäfer
Heidesee-Friedersdorf
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Der Edeka-Markt in Heidesee-Friedersdorf führt die „Stille Stunde“ ein. Kunden von Yvonne Wilde (im Bild) und ihrem Team können fortan jeden Dienstag von 12 bis 13 Uhr in gedimmtem Licht, ohne Musik oder anderen Geräuchkulissen einkaufen.

Edeka Presse

1990 veröffentlichte die britische Band Depeche Mode ihren Welthit „Enjoy the Silence“ (Englisch für: „Genieße die Stille“). Ein Lied über die stille Zweisamkeit, welches man heutzutage mitunter auch beim Einkaufen im Supermarkt zu hören bekommt. 34 Jahre nach dem Erscheinen des Songs ist die Sehnsucht nach Stille für immer mehr Menschen ein wichtiges Anliegen, wenn auch aus anderen Gründen als den besungenen von Depeche-Mode-Frontmann Dave Gahan.

Die „Stille Stunde“ – ursprünglich „Quiet Hour“ – ist ein Konzept, das von Theo Hogg, einem Angestellten eines neuseeländischen Supermarkts mit einem autistischen Kind, entwickelt wurde. Während dieser Stunde werden störende Elemente wie laute Musik, Durchsagen und grelles Licht reduziert, um die Reize für betroffene Menschen zu minimieren.

„Akustische Reize können für bestimmte Menschen beim täglichen Einkauf eine echte Belastung sein“, erklärt Edeka-Kauffrau Yvonne Wilde aus Heidesee-Friedersdorf. „Wir wollen diesen und allen Kunden, die die Ruhe beim Einkauf schätzen, damit eine Erleichterung anbieten.“ Deshalb, so Wilde, habe man sich entschlossen, an der Initiative teilzunehmen.

Einkaufen in Heidesee ohne Dauerbeschallung

Inklusion und ein entspannteres Einkaufen sollen fortan jeden Dienstag von 12 bis 13 Uhr im Edeka von Wilde in der Lindenstraße 14a in Heidesee ermöglicht werden. Innerhalb dieses Zeitraums werden neben gedimmten Lichtquellen aktive (Werbe-)Bildschirme sowie Hintergrundmusik ausgeschaltet. Zusätzlich wird auf Werbe- und Marktdurchsagen verzichtet, es werden keine Waren verräumt und die Kassengeräusche gedämmt.

Die Basis für die Kampagne liefert der Verein Gemeinsam zusammen aus Diez in Rheinland-Pfalz, der damit die Gesellschaft für Behinderungen wie Autismus und ADHS sensibilisieren möchte. „Wir haben diese Aktion als Türöffner für unsere Kampagne genommen: der Abbau von sensorischen Barrieren“, heißt es von Vereinsseite.

Menschen, die unter einer solchen sensorischen Störung leiden, bei der der Körper über die Sinne so viele Reize gleichzeitig aufnimmt, dass sie nicht mehr verarbeitet werden, können dadurch in eine psychische Überforderung geraten. Die Reaktionen können sowohl introvertiert, einem sich Verschließen, als auch extrovertiert in Form von lauten Anfällen ausfallen. Für Außenstehende oftmals eine nicht richtig einzuordnende Reaktion. Im medizinischen Kontext wird hierfür der englische Begriff (sensory) overload – übersetzt bedeutet dies „eine sensorische Überladung“ – verwendet.

„Stille Stunde“ will sensibilisieren und Aufmerksamkeit schaffen

Mit der Stillen Stunde soll zumindest temporär die alltägliche Reizüberflutung für Betroffene minimiert werden. Dabei betrifft das Problem nicht nur Autisten und ADHS-Betroffene, auch Menschen mit Multipler Sklerose (MS), Depressionen, Long Covid oder Migräne können unter dieser Reizüberflutung leiden.

Während sich die „Stille Stunde“ beispielsweise in der Schweiz und in Großbritannien landesweit etabliert hat, steht Deutschland noch am Anfang. In Dahme-Spreewald macht nun der Edeka in Heidesee-Friedersdorf den Anfang. Bleibt abzuwarten, ob weitere nachziehen.