Von Steven Wiesner

Auf ihrem Facebook-Profil hat Maria Böhme ein Video geteilt. In besagtem Fernsehsketch besucht Mutter Erde ein paar Menschen in deren Wohnung, schüttet zum Entsetzen der Hauseigentümer einen Müllbeutel auf dem Tisch aus, klaut sich die letzten Chips aus der Schale („Ist doch egal, die wachsen bestimmt nach!“), verpestet die Luft in der Küche mit Zigarettenqualm und lässt vor der Verabschiedung auch noch kurz eine Tonne mit radioaktivem Abfall in der Wohnung zurück. Kurzum: Sie benimmt sich wie ein ungehobelter Flegel. Rücksichtlos, frech und großzügig zu sich selbst.

Maria Böhme hat viel übrig für derlei Sarkasmus. Seit bald vier Jahren sammelt sie Müll und flüchtet sich mittlerweile auch selbst des Öfteren in Ironie, wenn sie wieder mal einen großen Berg Abfall in der Natur entdeckt. „Ich bin nicht mehr schockiert. Ich sehe das nur noch mit Humor, weil ich kein unglücklicher Mensch werden möchte“, sagt die 26-jährige Zeesenerin, die in Cottbus Landnutzung und Wasserbewirtschaftung studiert. Gemeinsam mit Freunden hat sie in Königs Wusterhausen den gemeinnützigen Verein Abfallstreife e.V. gegründet, der im Landkreis Dahme-Spreewald in dieser Form so kein zweites Mal existiert und im Sommer 2018 dreijähriges Bestehen gefeiert hat.

Anders als das Wort „Streife“ vielleicht vermuten lassen könnte, ist die Organisation aber keine selbstjustiziable Bürgerwehr, die durch die Lande zieht und Natursünder jagt. „Wir haben leider noch keine Leute inflagranti erwischt“, lacht Maria Böhme. „Und wir dürften da auch gar nichts machen, außer das Ordnungsamt zu verständigen.“ Die 14 Mitglieder starke Gruppe organisiert einmal im Monat lediglich Müllsammelaktionen 20 Kilometer im Umkreis von Königs Wusterhausen und kann dafür immer wieder auch ein paar freiwillige Einwohner oder andere Vereine mobilisieren, die sich ebenfalls an herrenlosem Müll in Wäldern, Siedlungen oder der Nähe von Gewässern stören. „Unser Traum ist es, irgendwann den kompletten LDS-Kreis abzudecken“, sagt Maria Böhme, die als Vorstand der Abfallstreife fungiert. Zumindest eine Nominierung für den Umweltpreis des Landkreises gab es bereits und bei der 25-Jahr-Feier auch eine Ehrung vom Landrat

Stephan Loge für „außergewöhnliches ehrenamtliches Engagement“.

Mit ihrem Eifer und den Müllgreifern hat die Abfallstreife schon ordentlich aufräumen können im Berliner Speckgürtel. Mitunter schlüpfen die Helfer sogar in Taucheranzüge und holen den Müll vom Grund der Seen. Wirklich fertig werden sie trotzdem nie. „Kommt Zeit, kommt Müll. Doch Müll kommt schneller“, hat der deutsche Philosoph Manfred Hinrich mal gesagt. Ein Satz, der auch von Maria Böhme stammen könnte. „An manchen Stellen sieht man schon eine Verbesserung. Es gibt aber auch Orte, da sieht es so aus, als wären wir nie dagewesen.“ Durchschnittlich zwei bis drei Kubikmeter Müll findet sie mit ihren Mitstreitern pro Tour. „Wir sammeln aber nicht acht, sondern nur zwei Stunden. Das ist eigentlich das Schlimme daran. Und da reden wir nur von Verpackungsmaterialien und noch nicht von Sperrmüll. Das finde ich schon heftig.“

Gerade im Wald oder am Wasser sei aber auch Grünschnitt ein großes Problem, sagt sie. „Für die meisten Menschen ist Grünschnitt gar kein Müll, aber eigentlich ist es dasselbe. Viele lassen einfach ihren Heckenschnitt vor der Haustür liegen, dabei haben wir hier so viele Recyclinghöfe und Kompostieranlagen. Das hat mich irgendwann geärgert.“

Sofern es möglich ist, entsorgt der Verein den von ihm gesammelten Unrat selbst. „Manchmal lassen wir ihn aber auch irgendwo von den Gemeinden abholen. Der Südbrandenburgische Abfallzweckverband nimmt ihn dann an“, sagt Maria Böhme. Denn einen eigenen Hänger etwa, mit dem man größere Mengen Abfall, alte Reifen oder Sperrmüll abtransportieren könnte, kann sich der ausschließlich über Spenden finanzierte Verein noch nicht leisten. „Ich hoffe, dass wir das irgendwann mal hinbekommen.“ Darüber hinaus würde der Verein gerne auch ein bisschen expandieren und sich weitere Ortsgruppen aufbauen. „Wir wollen unseren Radius vergrößern.“ Denn im Zweifel tut das auch der Müll. „Wir finden riesige Ablagerungen. Ich glaube, die sind teilweise so alt, da war ich noch nicht mal geboren. Es gibt überall Sachen, wo man sich einfach nur fragt: Warum?“

Diese und weitere Fragen stellen Maria Böhme & Co. seit einiger Zeit auch in Kindergärten und Schulen, um schon die Kleinsten für das Thema zu sensibilisieren. „Einen erwachsenen Menschen ändert man kaum noch in seinem Verhalten, deswegen müssen wir bei den Kindern anfangen.“ Mit der Abfallstreife will Maria Böhme niemanden missionieren, geschweige denn den Menschen etwas vorschreiben. Man ist schließlich immer noch Mensch und soll als solcher leben und genießen. Man kann das aber auch tun und gleichzeitig den Kopf benutzen. Maria Böhme: „Es geht einfach darum, mal darüber nachzudenken, wie man lebt und wie man konsumiert.“ Bevor irgendwann Mutter Erde an der Tür klingelt.

Der Abfallstreife e.V. ist weiter auf der Suche nach neuen Mitgliedern, auch Kinder und Jugendliche sind gern gesehen. Kontakt kann über Facebook, die E-Mail-Adresse info@abfallstreife.de oder via Tel.: 0152 31833272 hergestellt werden.

Des Weiteren freut sich der ausschließlich über Spenden finanzierte Verein über jeden möglichen Geldbetrag. Zahlungsempfänger: Abfallstreife e.V., IBAN: DE83 8306 5408 0004 0306 48