„Flüchtlinge – ein zeitloses Feindbild?“ lautet das Thema der neunten Spektrale. Für den Künstler Michael Brendel aus dem nahegelegenen Hohendorf bei Golßen ein schwieriges Thema um es künstlerisch umzusetzen. „Das Thema ist riesig, da wird man erst mal ein wenig sprachlos“, sagt er in Hinsicht auf die Komplexität. Wie nähert man sich so einem Thema überhaupt? „Ich habe das so gemacht, dass ich in meinem ganz ureigenen Kern nachgeschaut habe, ob es da irgendeine Resonanz mit dem Thema gibt“, so der Kreative. Da ist beispielsweise seine Ausreise aus der DDR, noch zwei Monate vor der Maueröffnung 1989. Doch dieses Ereignis auszubreiten, erscheint ihm nicht passend. Viel eher wurde er durch seine jetzige künstlerische Arbeit angeregt, in der er sich mit Schrift und Verbalisierungen beschäftigt. Ihn interessiert, wie das Thema Flucht in der Beamtensprache stattfindet. Ablehnung. Integration. Verwahrung. An dieser Schnittstelle will er ansetzen.

Thema verlangt einiges ab

Die diesjährige Spektrale fordert anders heraus als die vergangenen. Kurator Herbert Schirmer sagt: „Wir sind uns alle einig, dass es dieses Jahr schwieriger ist als in den vorigen Spektralen, wo das Thema einfacher zu packen war“. Nach Einschätzung von Schirmer verlangt das Thema den Ausstellenden einiges ab, neben der künstlerischen Leistung geht es um eine intellektuelle und soziale Auseinandersetzung. Mit dem Thema möchten die Künstler folglich behutsam statt ironisch umgehen.

Luckau

Fotografien, Videos, Installationen: Einige Künstler tasten sich in der Umsetzung noch vor, andere Ideen stehen schon fest. Wie die Spiegelarbeit des aus Katowice stammenden Berliners Roland Schefferski, „in der sich jeder selbst auch ein bisschen erkennt“, so Schirmer. Die Zusammenstellung der Künstler erfolgte nicht über Bewerbungen, der Kurator entschied.

Die Wahl der Ausstellungsorte

Neben dem Thema geht es bei der Spektrale auch immer um die Ausstellungsorte. Wie schon zur vergangenen Spektrale sollen die Objekte überwiegend unter freiem Himmel gezeigt werden. „Die einen suchen eher einen ruhigen, abgeschirmten Raum, andere, wie ich, haben vor etwas zu entwickeln das Zuschauer mit einbezieht. Da bietet sich der Laga-Park an“, so Brendel.

Für ihn ziehe so ein Freiluft-Atelier mehr Menschen an, kann anderseits nicht immer mit musealer Ruhe aufwarten. Dass die Kunstobjekte Regen, Sonneneinstrahlung und möglichem Vandalismus ausgesetzt sind, muss mitbedacht werden.

Etwas ganz anderes kann der Berliner Künstler Roland Boden dem Ausstellen im Freien demgegenüber abgewinnen: „Die Objekte können eine gewisse Uneindeutigkeit und Beiläufigkeit gewinnen“. Etwas, dass vielleicht erst beim dritten Vorbeigehen entdeckt wird, wirkt mitunter viel stärker nach, schätzt er ein.

Das Luckauer Publikum

Ob Werke nun in Luckau stehen oder auf Großstadt-Grund hat keinen Einfluss auf die Ausstellungsstücke der Künstler. „Ich glaube nicht, dass ich eine andere Arbeit machen würde, weil ich denke, hier ist ein anderes Publikum“, so Boden. Und da ein jedes Publikum unabhängig des Ausstellungsortes sowieso vielschichtig sei, sieht auch Brendel keinen Anlass, seine Kunst an die Kleinstadt anzupassen.

Mehr als nur eine Ausstellung

Die Kleinstadt Luckau ist es, die für Kurator Schirmer viel mehr als nur Austragungsort der Spektrale ist. „Ich will, dass die Spektrale auf breitere Füße kommt, dass sich auch Leute dafür interessieren, die mit Kunst sonst wenig am Hut haben“ sagt Schirmer. Erfolgen könne dies dadurch, dass die Luckauer mit eigenen Exponaten ihren Teil zur Ausstellung beitragen. Ob Briefe, Fotos oder sonstige Objekte – Schirmer freut sich über alles, was Luckauer zur Verfügung stellen können.

Wie gut die Zusammenarbeit in Luckau bereits funktioniert, verdeutlichen die Kooperationen mit den Schulen. Dem Spektrale-Thema entsprechend, wird sich in diesem Jahr einer wenig ausgeleuchteten Zeit des Bohnstedt-Gymnasiums angenommen. Die Schüler wollen sich im Rahmen von verschiedenen Projekten besonders den Jahren 1923 bis 1953 widmen, da diese in der Chronik der Bildungsstätte kaum stattfinden.

Als Ziel der Spektrale nennt Schirmer eine Neubelebung von historischem Bewusstsein. „Ich glaube, je weiter etwas zurückliegt, desto anonymer wird das Ganze. Das Interesse lässt so deutlich nach“, sorgt er sich. Überhaupt ist es die historische Auseinandersetzung, die die Spektrale 2020 prägen wird. In dem Thema „Flüchtlinge – ein zeitloses Feindbild?“ sind neben der Vergangenheit eben auch die Gegenwart und Zukunft verflochten.