Von Birgit Keilbach

Judas Iskariot gehört zu den dunkelsten Gestalten in der Bibel. Geldgierig und egoistisch soll er für 30 Silberlinge Jesus an die Hohepriester verraten haben. Seither steht der Name Judas als Inbegriff des Bösen im kollektiven Bewusstsein. War er wirklich nur der Verräter, ist für immer auf diese Rolle festgelegt? Längst wird dies kritisch hinterfragt.

Der israelische Schriftsteller Amos Oz hat sich damit auseinander gesetzt, ebenso der deutsche Schriftsteller und Altphilologe Walter Jens. Im Stück „Judas“ der niederländischen Autorin Lot Vekemans erhält der Jünger, der Jesus verraten haben soll, nach 2000 Jahren ein Gesicht und eine eigene Geschichte. Schauspieler Heinz Klevenow von der Neuen Bühne Senftenberg verkörperte ihn beim Gastspiel in der Uckroer Dorfkirche am Sonntagabend. Mit eindringlicher Stimme stellt er Fragen, zieht Althergebrachtes in Zweifel, fordert Ehrlichkeit ein und Nachdenken.

Der Schauspieler trägt Weiß und braucht auf der Bühne nur einen Stuhl. Er kann in seinem eindringlichen Monolog nutzen, was der Kirchenraum bietet: den Altar, das Kruzifix mit dem gekreuzigten Jesus. Was wäre dieser ohne Judas? Klevenow geht dabei über die rein theologische Betrachtung des Themas hinaus, Judas war ein Mensch mit Stärken und Schwächen. „Das Stück ist an alle adressiert, denn sämtliche Verhaltensstrukturen der Menschen im Raum sind darin“, sagt Klevenow.

Rund 40 Zuhörer waren gekommen, um sich das Stück anzuschauen, die Kirchenbänke gut gefüllt. Mit lang anhaltendem Beifall gaben sie ihrer Anerkennung für die Leistung des Schauspielers Ausdruck. Es habe ein wenig gedauert, sich in den Inhalt hineinzufinden, der dann jedoch sehr facettenreich innere und äußere Widersprüche erkennen ließ.

„Der Monolog hat die Zerrissenheit, die jeder in sich trägt, gut widergespiegelt“, sagte Annegret Leißner aus Mahlsdorf. Deutlich erfassbar sei der Bezug zu heutigen Gesellschaft gewesen. „Der Text hat jeden angesprochen, gab sehr viele Denkanstöße, eigenes Handeln zu hinterfragen. Zum Beispiel: Stehe ich hinter der Gardine oder gehe ich auf die Straße, wenn etwas passiert?“, resümierte Annegret Gehrmann, Vorsitzende des Förderkreises Alte Kirchen der Luckauer Niederlausitz. Dieser hatte das schon traditionell einmal im Jahr stattfindende „Theater in der Kirche“ in Uckro ermöglicht. Grandios habe Heinz Klevenow gespielt, Blickkontakt zu den kirchlichen Gegebenheiten aufgenommen.

Die Luckauerin Ursula Rothe erinnerte die Aufführung an einen schon länger zurück liegenden Spiegel-Bericht. „Darin war sehr ausführlich beschrieben, wie sich Hamburger Schüler mit der Frage befassten, was wäre, wenn Judas Jesus nicht verraten hätte“, erzählte die Luckauerin. Anf jeden Fall habe sie der Abend dazu angeregt, demnächst in der Bibel zum Thema nachzulesen.

Der Uckroer Jörg Krüger war überrascht, wie spannend Heinz Klevenow das Thema dargeboten hat. Er habe viele Lebenssituationen wiedergefunden und Anregungen zum Nachdenken bekommen, „weil er Bekanntes auch überraschend aus einem anderen Blickwinkel betrachtet hat“, sagte der Uckroer.

Detlef Guth wollte das Stück unbedingt sehen. „Mich interessiert das Thema schon lange, seit Ben Becker es in Berlin gespielt hat. Jetzt war die Gelegenheit dazu“, sagte der Falkenhainer. Den Satz „Das Leben ist mehr als das Reden“ habe er schon vorher einmal bestätigt bekommen. „Es gab eine christlich begleitete Jugendwoche, bei der aber nicht gepredigt werden durfte. Nur durch die Art, wie die christlichen Betreuer aufgetreten sind, wirkte die Liebe Gottes in der Jugendgruppe. Sie wurden offener und verständnisvoller untereinander“, schilderte Detlef Guth.