Visavis Hoyerswerda: Statt Oktoberfest – so lief der erste Erntedanktanz

Die Annemarie füllte schnell das Tanzparkett im Visavis in Hoyerswerda.
Ronald UferOktoberfest macht inzwischen jeder, sagten sich vor einigen Monaten Lausitzhalle und Marketingverein Hoyerswerda. Wir wollen lieber ein Event mit traditionellen, regionalen, authentischen und sorbischen Elementen. Und sie starteten gemeinsam den ersten Erntedanktanz am 4. Oktober im Visavis.
Nach Workshops, bei denen die Tanzschritte geübt wurden, sind viele Lausitzer gekommen. „Rund 100 hatten sich angemeldet, andere haben sich spontan zum Kommen entschlossen“, erzählt Belinda Grellmann vom Marketingverein. Damit sich alle Generationen auf der Tanzfläche wohlfühlen, gibt es neben klassischer Blasmusik für die Jüngeren moderne Klänge mit der Band Popsorben.
Etwa 20 Besucher hatten sich vor dem Erntedanktanz im Trachtenhaus Jatzwauk passende Kleidung, beispielsweise aus Blaudruckstoffen, ausgeliehen. Und damit das Team im Trachtenverleih ins Schwitzen gebracht. „Viele kamen erst auf den letzten Drücker, damit wurde es etwas hektisch“, erzählt Kirsten Böhme.
Erste Probe fürs sächsische Erntedankfest in Hoyerswerda
An einem Stand am Veranstaltungsort wurde Blaudruckmode vorgestellt, neben klassischen Stücken Kleider und Blusen mit modernen Mustern und Schnitten sowie Accessoires auch für Männer, beispielsweise Krawatten und Tücher. „Wir wollen Appetit machen auf diese besondere Kleidung und zeigen, dass sie gut kombinierbar ist“, sagt Böhme.
Im nächsten Jahr werden Interessierte früher vorbeikommen, hofft Böhme. Denn sie sieht als Mitglied des Vereins zur Pflege der Regionalkultur der Mittleren Lausitz e.V. den Abend nicht nur als Einstieg in weitere Erntedanktanzfeste. Sondern auch als erste Probe für die Mitgestaltung des sächsischen Erntefestes 2025 in Hoyerswerda. Zu dieser Veranstaltung würden die Tänze gut hinpassen, findet sie.

Ohne Fassbieranstich, hier durch Krabat, kommt auch ein regionaler Erntedanktanz in Hoyerswerda nicht aus.
Ronald UferAber Tanzinteressierte müssen nicht so lange warten. Denn die Veranstaltung am Freitagabend ist auch der Auftakt für regelmäßige Angebote. „Wir wollen Gemeinschaftstanz oder Community Dance, wie diese Aktivitäten auch genannt werden, in unserer Stadt etablieren“, kündigt Böhme an. So etwas bietet beispielsweise bereits das Tanzhaus Cottbus, auch anderswo gebe es dies, aber der Begriff sei hier in der Region nicht verbreitet.
Frauenüberschuss bei Tanz in Hoyerswerda
Auch mit dem Wort Volkstanz für das Angebot tut sich Böhme schwer. „Volkstanz ist zu etwas geworden, was Paare auf einer Bühne aufführen. Genau das wollen wir aber nicht. Wir holen die Tänzer vor die Bühne. Und es müssen auch nicht klassische, feste Paare sein.“
Schon bei den Workshops unter Leitung von Trainer und Choreograf Georgi „Jurij“ Marinov waren Rund- und Reigentänze, Linientänze und Mühlen geübt worden. Da kann ein Mann auch schon einmal mit einer Frau rechts und einer Frau links über das Parkett gleiten. Das erleichtert das gemeinsame Tanzen erfahrungsgemäß ungemein, denn meist herrscht bei solchen Gelegenheiten ein deutlicher Frauenüberschuss.

Im Publikum im Visavis in Hoyerswerda herrscht gute Stimmung.
Ronald UferMarinov hatte bei seinen drei Vorbereitungs-Workshops auch viele ältere Teilnehmer begrüßen können. „Viele kannten noch einige der Schritte, mussten sie nur auffrischen“, erzählt er. Geübt wurden zunächst vier Tänze, darunter natürlich die Annemarie. Am Freitagabend kamen aber auch viele Jüngere.
Noch mehr Tanz in Hoyerswerda
Der Tanzlehrer, der bereits mehrere regionale Tanzprojekte, größtenteils mit sorbischer Ausrichtung, betreut, will auch den Gemeinschaftstanz des Hoyerswerdaer Vereins begleiten. Angesprochen werden Menschen von 9 bis 99 Jahren. Es geht ausschließlich um die Freude am Tanzen, nicht um bühnenreife Auftritte.
Am Donnerstag, 17. Oktober, können sich am „Projekt Tanz“ Interessierte in Hoyerswerda um 15 Uhr in der Trachtenstube Komorka, Senftenberger Straße 17, zusammenfinden. Erstmals gemeinsam getanzt werden soll dann am 7. November. Auch die weiteren Zusammenkünfte soll es immer donnerstags geben.

Jazz-Tänzerinnen des Lessing-Gymnasiums machen den Besuchern im Visavis von Hoyerswerda Mut, selbst auf die Tanzfläche zu kommen.
Ronald UferDer Erntedanktanz ist auch eine Generalprobe für die künftige Nutzung des Vis-a-vis. Wenn die Lausitzhalle ab Januar generalsaniert wird, dient das Haus für gut ein Jahr als Ausweichspielstätte. Es wird dafür technisch aufgerüstet und soll nach der Sanierungszeit der Lausitzhalle verstärkt für kleinere Formate und Projekte regionaler Künstler genutzt werden.
Verein zur Pflege der Regionalkultur der Mittleren Lausitz
Der Verein hat seinen Sitz im Trachtenhaus Jatzwauk in der Altstadt. Hier können die ständigen Ausstellungen „Trachtenschatzkammer“ und „Blaudruckkabinett“ besucht werden. Im Hause befindet sich die älteste Trachtenschneiderei der mittleren Lausitz, 1926 vom sorbischen Schneidermeister Johann Jatzwauk gegründet. Sein Handwerk wird hier noch heute von den nachfolgenden Generationen gepflegt.
Der Verein bietet kompetente Beratung, stellen verschiedenste Trachten zu vielerlei Anlässen zusammen, leiht diese aus und ist bei Film- oder Theaterausstattungen behilflich. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Trachtenpflege, Aufarbeitung und Restaurierung. Gearbeitet wird mit und an Trachtenteilen des umfangreichen Fundus aus dem Erbe von Anna Jatzwauk. Die Mitglieder dokumentieren, archivieren und restaurieren diese behutsam, um die seltenen Referenzobjekte zu erhalten.
In der Trachtenschatzkammer, der kleinen ständigen Ausstellung, werden einzigartige, oft mehr als hundert Jahre alte Exponate der evangelischen Sorben um Hoyerswerda gezeigt. Dazu gehören nicht nur die bekannten Tanz- und Festtagstrachten, sondern auch die Kirchgangs- und einfachen Alltagstrachten.
Herausragendes Merkmal der Hoyerswerdaer Tanz- und Festtrachten sind die buntgestreiften Seiden- und Blaudruckschürzen. Es ist ein besonderes Anliegen des Vereins, sich für die originalgetreue Reproduktion dieser Stoffe einzusetzen, damit deren besondere Pracht auch in Zukunft erhalten bleibt.
Auch das richtige Ankleiden der sorbischen Trachten liegt den Mitgliedern am Herzen. Sie geben das Wissen über die Unterschiede und Feinheiten von mehr als vierzig verschiedenen Trachten im Raum Hoyerswerda seit Jahren an Interessierte weiter. Jedoch bedarf es neben der Aneignung dieser Kenntnisse auch der ständigen Übung vieler Handgriffe.
Neben dem Trachtenhaus befindet sich die Komorka, die sorbische Trachtenstube. Hier treffen sich regelmäßig Mitglieder und Freunde des Vereins zu Kursen, Lesungen und Austausch.



