Felix Richter ist rumgekommen in Hoyerswerda. Er hat für sein Buch sogar die Häuser und Plätze begutachtet, die es gar nicht mehr gibt: die Häuserreihe entlang der heutigen Stauffenberg-Straße, den mächtigen Wohnkomplex IX und den jungen Wohnkomplex X auf der anderen Seite der Fernverkehrsstraße.

Erster Kontakt bei der Auszeit 2012

Wobei: Ein wenig WK X hat der heute 36-jährige Historiker und Politologe doch noch mitbekommen – 2012, beim Auszeit-Projekt der Kulturfabrik. Er ist sein erster Kontakt mit Hoyerswerda gewesen. Was ihn gerade an dieser Stadt gereizt hat: „Hoyerswerda war irgendwie die unentdeckte Moderne“, sagt er und lacht. Über den Aufbau von Eisenhüttenstadt, der ersten sozialistischen Stadt, gibt es viele Studien, auch über Schwedt und Halle-Neustadt. Aber mit dem Aufbau Hoyerswerdas hätten sich noch nicht viele Wissenschaftler ernsthaft auseinander gesetzt. Die Neugier des Mannes aus Gohrisch in der Sächsischen Schweiz war geweckt.

Bildergalerie Neues Buch zeigt Hoyerswerdaer Plattenbaugeschichte

Hoyerswerda: Viel Potenzial

Die Frage, die er sich gestellt hat: Wie hat der Aufbau dieser Stadt von 1957 bis 1989 die Menschen verändert – und wie die Menschen den Aufbau? Felix Richter spricht viel und schnell, wenn er über sein Buch spricht. Fachtermini wechseln sich mit in Hoyerswerda wohlbekannten Orten wie dem Centrum-Warenhaus und der Magistrale ab. Der 36-Jährige hat Hoyerswerda erst in seinen Rückbau-Jahren kennengelernt – und schätzen: „Ich finde es erstaunlich interessant, welche Potenziale in Hoyerswerda stecken“, sagt er.

Was Richter bei allen Gesprächen und Erlebnissen vor Ort mitbekommen hat: „Hoyerswerda hat eine ganz spezielle Mischung an Menschen. Das gab es in den anderen geplanten Städten nicht – nicht in Eisenhüttenstadt und auch nicht in Schwedt“, sagt er.

1963: Diskussion in der LR

Das zeigt er auch in seinem Buch – und an einer Diskussion aus dem Jahr 1963. Schriftstellerin Brigitte Reimann hatte öffentlich den Finger in die Wunde gelegt. Dieses neue – und damals stark wachsende Hoyerswerda – brauche mehr als nur Wohnungen mit Fernheizung. Sie forderte öffentlich mehr Kultureinrichtungen wie ein Theater, ein Kino, ein Jugendklubhaus und Tanzlokale. In der Lausitzer Rundschau wird 1963 über mehrere Monate heiß über Hoyerswerda diskutiert. Felix Richter beschreibt auch diesen Part als eines der klaren Zeichen, dass die Zugezogenen immer wieder auf den Aufbauprozess eingewirkt haben.

Statt Kulturstätten gibt es ab 1969 den Freizeitkomplex Ost (FKO) – mit 20 000 Bäumen, Rodelberg, Verkehrsgarten und dem von vielen geliebten Indianerdorf. Es folgen das Jahnstadion, die Jahnsporthalle (heute: VBH Arena) und die Traglufthalle. Zum Vergleich: Das Haus der Berg- und Energiearbeiter (HBE), die Lausitzhalle, wird erst 1984 nutzbar sein.

Hoyerswerda: Zwei Aufbauphasen

Der Autor unterscheidet zwei Phasen des Aufbaus: die erste mit den Wohnkomplexen I bis VII sowie die zweite mit den WKs VIII, IX und X sowie dem Stadtzentrum. Felix Richter schildert die verschiedenen Aufbau-Phasen, Planungsprozesse und politischen Begleiterscheinungen. Er zeigt auf, wie die Planung der neueren Wohnkomplexe auf die Kritik der Menschen reagiert hat.

Zu wenig Kultur

„Das war zuerst die Achillesferse“, sagt Richter: „Im DDR-Städtebau haben die Orte für Begegnung und Kultur gefehlt.“ Der Staat reagiert schließlich: Die Neubauten bekommen mehrere Funktionen: in den oberen Etagen wohnen, in den unteren Cafés, Dienstleistungen, Geschäfte. „Das zeigt vor allem das Wohnhaus Z 2 gegenüber des Centrum-Warenhauses“, sagt Richter. Heute steht dort der Skulpturenpark. Das noch vorhandene Gebäude daneben beherbergt heute die Städtischen Wirtschaftsbetriebe.

Richter bleibt in seinem Stil wissenschaftlich nüchtern. Dieses Buch ist kein rein geschichtlicher Abriss des Aufbaus, sondern beleuchtet immer wieder, wie sich die Bevölkerung während dieses rasanten Aufbaus gefühlt hat, dass die Planung einer neuen Stadt für alle Seiten eine große Herausforderung gewesen ist.

Zur Person


Felix Richter (36) stammt aus Gohrisch bei Bad Schandau. Er hat Geschichts- und Politikwissenschaften an der TU Dresden studiert und zum Neuen Hoyerswerda im Rahmen des DFG-Gratuiertenkollegs 1913 an der BTU Cottbus am IRS Leibniz-Institut in Erkner und Berlin promoviert. Er arbeitet freiberuflich als Wissenschaftler, Lektor und Grafiker in Leipzig.

Mehr unter: www.punktgrau.de

Das Buch „Das Neue Hoyerswerda“ ist im gemeinnützigen Urbanophil-Verlag erschienen und kostet 32 Euro. Es ist direkt beim Verlag: www.urbanophil.net und im Buchhandel erhältlich.

Felix Richter hat fünf Jahre für dieses Buch gearbeitet. Er zeigt die Phasen des DDR-Städtebaus am Beispiel der zweiten sozialistischen Wohnstadt Hoyerswerda – wie aus Zukunftsträumen Versprechen von Geborgenheit werden, wie sich Hoyerswerda zur Sport- und Freizeitstadt entwickelt.