RAF in der DDR: Wie die Stasi in Hoyerswerda eine Terroristin versteckte

Das Logo der Rote Armee Fraktion (RAF). Nach ihrer Zeit als Terroristin lebte Silke Maier-Witt unter falschem Namen in der DDR. In Hoyerswerda arbeitete sie etwa als Krankenschwester. Doch auch im Osten kamen ihr die BRD-Behörden auf die Schliche. (Symbolbild)
Tim Brakemeier/dpa- Ex-RAF-Terroristin Silke Maier-Witt lebte ab 1980 unter falscher Identität in der DDR.
- Die Stasi versteckte sie in Hoyerswerda, wo sie als Krankenschwester arbeitete.
- Die Stasi und die RAF kooperierten, halfen bei Schießtrainings und tauschten Informationen.
- Nach Enttarnung in der DDR wurde Maier-Witt 1991 zu zehn Jahren Haft verurteilt.
- Heute lebt sie in Nordmazedonien nach einem Psychologiestudium nach ihrer Haftzeit.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Im November 1980 tritt im Krankenhaus Hoyerswerda eine neue Hilfskrankenschwester ihren Dienst an. Niemand dort kennt die Frau, die sich voller Tatendrang in die Arbeit stürzt. Und keiner der Kollegen ahnt, was es mit ihr auf sich hat. Denn die Frau, die als Angelika Gerlach in Hoyerswerda auftaucht, heißt eigentlich Silke Maier-Witt. Als Terroristin der RAF plante sie noch wenige Jahre zuvor die Entführung Hanns Martin Schleyers. In der DDR soll sie sich ein neues, ziviles Leben aufbauen.
Bevor sich BRD-Terroristen jedoch im sogenannten Arbeiter-und-Bauern-Staat niederlassen, muss das Band zwischen Stasi und RAF erst geknüpft werden. Zunächst zeigt sich der Geheimdienst nämlich eher skeptisch gegenüber der Terrorgruppe. Im Osten beobachtet man die RAF von Anfang an, urteilt jedoch, dass „solche Gruppierungen […] dem Kampf der Arbeiterklasse [schaden]“. Trotzdem wird geduldet, dass die Terroristen in den 70er- und 80er-Jahren den Ostberliner Flughafen Schönefeld als Drehkreuz für ihre Reisen nutzten.
Mit der Zeit entwickeln sich persönliche Kontakte zwischen Stasi und RAF. Als die Terroristin Inge Viett 1978 in Berlin-Schönefeld kontrolliert wird, kommt es zu einem ersten Gespräch zwischen ihr und Oberst Harry Dahl. Dahl ist der Chef der „Terrorabwehr“ im Ministerium für Staatssicherheit (MfS).

Tatort der Entführung von Hanns Martin Schleyer. Silke Maier-Witt war in ihrer Zeit bei der RAF an den Vorbereitungen des Angriffs beteiligt. (Archivbild)
picture-alliance/ dpaDer Kontakt zwischen Terroristen aus dem Westen und dem ostdeutschen Staat bleibt bestehen, und in den folgenden Jahren helfen DDR-Behörden regelmäßig der Terrorgruppe. Etwa, indem sie Schießtrainings organisieren. Im Gegenzug erhält die Stasi Informationen über die Pläne der Terroristen oder sicherheitsrelevante Unterlagen aus der BRD, die die RAF bei ihren Aktionen in die Finger bekommt.
Wie die Terroristen in die DDR kommen
So besteht bereits eine Verbindung zwischen Stasi und den RAF-Terroristen, als die Gruppe Ende der 70er zunehmend auseinander bricht. Denn nach der Ermordung von Hanns Martin Schleyer 1977, so berichtet es Silke Maier-Witt in ihrer Biografie „Ich dachte, bis dahin bin ich tot“, wächst das Misstrauen innerhalb der Gruppe. Sie und weitere Mitglieder suchen einen Ausweg. Jedoch nach Möglichkeit, ohne sich selbst oder andere der Justiz auszuliefern.
Bei einem Treffen 1979 in Ostberlin zwischen Inge Viett und Harry Dahl macht der Chef der „Terrorabwehr“ im MfS den Terroristen das erlösende Angebot: Die Aussteiger können in die DDR und sich dort unter dem Schutz der Stasi ein bürgerliches Leben aufbauen. Die Terroristen nehmen das Angebot aus dem Osten an.
Ab 1980 reisen insgesamt zehn RAF-Aussteiger in die DDR und werden dort mit neuen Identitäten ausgestattet und aufs Staatsgebiet verteilt. So auch Silke Maier-Witt, die mit dem Zug aus Prag am Berliner Ostbahnhof ankommt. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase in einem Stasi-Objekt bei Frankfurt (Oder) beginnt das neue Leben von Silke Maier-Witt in Hoyerswerda – als Angelika Gerlach.
Startschwierigkeiten der RAF-Terroristin in Hoyerswerda
Zwischen der Ankunft in Hoyerswerda und dem Beginn der Arbeit hat Maier-Witt jedoch noch einige Wochen Zeit sich zu akklimatisieren. Auf eigene Faust streift sie durch ihren neuen Wohnort. Eine Wohnung wird ihr von der Stasi gestellt, Ost-Mark hat sie aber keine.
Da die Ex-Terroristin aber noch einige Devisen in Form von französischen Francs besitzt, versucht sie diese in der nächsten Bank umzutauschen. Im Wechselkurs 1:1. Ein Anliegen, mit dem die flüchtige Westdeutsche sofort auffällt. Die Kassiererin „ist geschockt“, schreibt Maier-Witt in ihrer Biografie. Und so muss sie auch zum ersten Mal ihren neuen Ausweis vorzeigen. Doch trotz ihres auffälligen Verhaltens: Silke Maier-Witts Tarnung übersteht die Aktion und so beginnt sie planmäßig ihren Job im Krankenhaus in Hoyerswerda.
Die Wohnorte der RAF-Terroristen in der DDR:
Von der RAF ins Krankenhaus nach Hoyerswerda
An ihrer neuen Arbeitsstelle kann Maier-Witt an ihr altes Leben in der BRD anknüpfen. 1969 hatte sie ihr Medizin- und Psychologie-Studium in Hamburg begonnen, das sie aufgrund ihrer Radikalisierung jedoch nicht erfolgreich beendete. Nach der Zeit bei der RAF arbeitet Maier-Witt in Hoyerswerda wieder im medizinischen Bereich.
Als Hilfskrankenschwester trifft die Westdeutsche auf die Menschen, die im „Realsozialismus“ des Ostens leben. Übermotiviert stürzt sich Maier-Witt in die Arbeit. „Ich will etwas bewirken“, schreibt sie über ihre Zeit in Hoyerswerda. Und da der Terrorismus als Betätigungsfeld wegfällt, entschließt die Aussteigerin ihre Energie in die Arbeit zu stecken. Dort hofft sie, ihren Wunsch nach einer besseren Welt erfüllen zu können. Doch mit ihrer Arbeitswut fällt die Neue im Krankenhaus schnell auf. „Mein Verhalten ist den Kollegen suspekt“, schreibt sie im Rückblick.
Und auch die von der Stasi erfundene Hintergrundgeschichte wirft bei den Kollegen in der DDR Fragen auf. Eine Westdeutsche, die freiwillig die BRD verlässt, nur um in der DDR im Krankenhaus zu arbeiten? „Meine Geschichte [konnte] keiner richtig glauben“, erzählte die Ex-Terroristin später einmal in einem Interview, das noch auf Youtube verfügbar ist.
Doch trotz des Misstrauens einiger Kollegen entdeckt die Untergetauchte aus der BRD einige Vorzüge des Medizinsystems in der DDR. Das Zweiklassen-System der westdeutschen Krankenhäuser gibt es in Hoyerswerda nicht. „Dort sind alle Patienten gleich“, berichtet die Ex-Terroristin in ihrer Biografie. Auch die Lebensrealität der Menschen in der DDR unterscheidet sich von dem, was sie aus dem Westen kennt.
Ex-Terroristin muss Hoyerswerda plötzlich wieder verlassen
So scheint in der DDR die Gleichberechtigung weiter zu sein, wie Maier-Witt am Beispiel einer Kollegin beschreibt: „Sie ist alleinstehend und hat vier kleine Kinder. […] Dann noch Arbeit und Weiterbildung? So etwas, da bin ich mir sicher, ist nur in der DDR möglich.“
Doch gerade als sie sich in ihrem Alltag in der DDR eingelebt hat, wird sie ihm wieder entrissen. Drei Jahre nach ihrer Ankunft in Hoyerswerda muss sie umziehen, Freunde und Bekanntschaften hinter sich lassen. Einen Grund für den plötzlichen Ortswechsel nennt die Stasi ihr nicht. Allerdings, so Maier-Witt später im Interview, habe die Oberschwester von Anfang an etwas dagegen gehabt, eine von der Stasi „avancierte“ Mitarbeiterin einzustellen. Im Anschluss habe sich „die Idee verbreitet, ich wäre eine zurückgezogene Spionin aus der BRD“.

Fahndungsplakat mit Fotos mutmaßlicher RAF-Terroristen von 1980. In dem Jahr arbeitete Maier-Witt bereits im Krankenhaus in Hoyerswerda. (Archivbild)
picture-alliance/ dpa bkaIm November 1983 kommt Silke Maier-Witt schließlich nach Erfurt. Erneut baut sie sich ein neues Leben auf. Erneut findet sie Freunde und ein soziales Umfeld. Doch auch das geht nicht lange gut. Die Behörden im Westen haben inzwischen die Spur der untergetauchten Maier-Witt aufgenommen. Von einem ausgereisten DDR-Bürger erfahren die Strafverfolgungsbehörden: Die RAF-Terroristin lebt als Angelika Gerlach in Erfurt. Als die Stasi von der Enttarnung erfährt, muss Maier-Witt sofort umziehen. Und Angelika Gerlach verschwinden.

Nach ihrer Zeit in der DDR und der Haftstrafe studiert die ehemalige RAF-Terroristin Silke-Maier Witt Psychologie. Heute lebt sie in Nordmazedonien.
Kastriot Pasholli/Kiepenheuer & Witsch/dpaEs geht weiter nach Neubrandenburg, wo Maier-Witt unter neuem Namen beim VEB (Volkseigener Betrieb) Pharma als Leiterin der Information und Dokumentation arbeitet und erlebt, wie schlecht es um die Wirtschaft in der DDR bestellt ist. Der Mangel bestimmt den Alltag im VEB. In Neubrandenburg erlebt sie auch den Untergang des DDR-Regimes mit. Die Aufbruchsstimmung der Wendezeit ergreift selbst die gesuchte Terroristin. Dabei ist ihr klar: Mit dem Ende der DDR rückt ihre Enttarnung immer näher.
Und so kommt es auch. Nachdem die Stasi 1990 aufgelöst wurde, wird Maier-Witt auf dem Werksgelände vom VEB Pharma in Neubrandenburg verhaftet. Im Oktober 1991verurteilt man sie wegen ihrer Beteiligung an der Schleyer-Entführung zu einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren. Die Verbindung zwischen RAF und Stasi endet für sie – wie für alle zehn untergetauchten Aussteiger der Terrorgruppe – dort, wovor sie eigentlich geflohen sind: vor bundesdeutschen Gerichten.
Silke-Maier Witt lebt heute in Nordmazedonien.


