Voll war der Saal am Mittwoch in der Kulturfabrik. Viele ältere, aber auch einige jüngere Bewohner aus Hoyerswerda interessierten sich für den 30-minütigen Film über unsere Welt im Wandel. Doch die drei Interviews mit einem Historiker, einem Wirtschaftsingenieur und einem Architekten brachten nicht nur Klarheit, sondern hinterließen auch fragende Gesichter bei den Zuhörern.

Digitalisierung macht auch Angst

Die Wissenschaftler äußerten sich zwar zu Carsharing, Elektromobilität oder Smartcitys, also Trends, die gerade unseren nächsten industriellen Schritt thematisieren. Den Nerv der Zuschauer trafen sie damit aber nicht ganz. Denn der Frau in der letzten Reihe geisterten ganz andere Frage im Kopf herum: Bleibt eigentlich meine Miete stabil? Oder: Was ist mit den Betriebskosten - werden die Preise für Wasser und Strom steigen?

Moderator Alexander Thamm, der mit dem Film derzeit durch deutsche Städte tingelt, hatte sich für die anschließende Diskussion neben Angela Mensing-de Jong, Professorin für Städtebau an der TU Dresden, auch lokale Experten eingeladen. In der ersten Reihe im Publikum saß Hoyerswerdas Oberbürgermeister Stefan Skora (58, CDU) zwischen den beiden Großvermieter-Chefs Axel Fietzek (Wohnungsgenossenschaft Lebensräume) und Steffen Markgraf (Wohnungsgesellschaft). Ihre Wortbeiträge brachten etwas Klarheit in die Köpfe.

Eins ist sicher, die Frage, wie wir wohnen werden, streifte der Film nur am Rande. Professorin Angela Mensing-de Jong: „Der Beitrag zielte auf globale Megametropolen. Je nachdem, wie Zuwanderung künftig gehandhabt wird, werden wir in Deutschland derzeit aber nicht mehr Menschen.“ Daher gehe es vielmehr darum, was Digitalisierung für Regionen bedeutet, die nicht zu-, sondern abnehmen.

Demographische Fragen relevanter denn je, aber nicht nur

Überalterung sei in Hoyerswerda eher ein Thema, so die Wissenschaftlerin, die Kommunen zur Stadtentwicklung berät. „Wie müssen wir unsere Städte umbauen, um barrierefreier zu sein?“, warf sie als Frage auf. Ebenso wichtig: Wie läuft die globale Vernetzung? Oder: Schafft es eine Stadt, beispielsweise die Energieversorgung fix zu halten? Falls ja, könnte das ein Pluspunkt für die Ansiedlung von Unternehmen sein. Eine weitere Schlüsselfrage: Wie macht man die Stadt für junge Leute attraktiv, damit sie nach dem Studium zurückkehren?

Die lokalen Experten wissen natürlich längst um Hoyerswerdas wunde Punkte und hatten auch gleich Antworten parat. OB Skora: „Die Herausforderung in Hoyerswerda ist eine andere als in den Ballungsräumen“, sagte er. Einst als Dienstleistungsstandort für Schwarze Pumpe entstanden, sind Wohnen, Bildung, Gesundheitsversorgung, Handel und Einkauf nach wie vor Hoyerswerdas Stärken. „Die müssen wir nach Außen tragen.“

Axel Fietzek, Chef der Wohnungsgenossenschaft Lebensräume, wies zunächst darauf hin, dass wir den Terminus „Stadt“ sowohl für New York als auch Hoyerswerda nutzen. Dabei sind die Problemstellungen in beiden Citys doch ganz andere. In puncto Wohnen interessiere es indes kaum jemand, wo das Wasser herkommt oder was sich hinter einer Wand befindet.

Eine große Rolle spielt aus Fietzeks Sicht vielmehr die soziale Komponente. Die Völkerwanderungen in Metropolen wie Berlin oder München gründen auf dem Glauben an bessere Perspektiven. Seiner Meinung nach ein Trugschluss, denn es gibt in den Millionenstädten kaum Wohnungen und auch keine Kita-Plätze. Da könne Hoyerswerda mit einem ganz anderen Lebensgefühl punkten. Wichtig findet Fietzek vor allem das soziale Umfeld: „Hier kann man seine Nachbarn noch nach einem Stück Butter fragen“, sagt er.

Steffen Markgraf, Chef der Wohnungsgesellschaft Hoyerswerda, glaubt indes fest an eine Rückwärtsbewegung der Abwanderung. Fest steht für ihn: „Der Markt ist hart umkämpft, aber anders als in Megacitys wie New York haben wir den Wohnraum.“ Und für die seit Jahren stabilen Nettokaltmiete von 4,67 Euro würde Markgraf sogar die Hand ins Feuer legen. Die gute Nachricht: Daran soll sich auch künftig nichts ändern.

„Die Mietpreise in Hoyerswerda bleiben stabil“, sagt Markgraf. Nur wegen der Modernisierungsumlage stieg die Miete des kommunalen Unternehmens in den vergangenen Jahren um zwei Cent. Die ältere Dame mit der Blümchen-Bluse in der letzten Reihe atmet auf. „Wir müssen also keine Angst haben, dass wir in ein paar Jahren unsere Wohnung nicht mehr bezahlen können“, flüstert sie ihrem Mann zu.