Tierarzt Dr. Peter Bresan hatte sich schon so auf das Osterreiten 2020 gefreut. Selbst die Symbolik für sein Jubiläumskränzchen am Jackett hatte sich der Sollschwitzer bereits ausgesucht, nämlich die heilige Dreifaltigkeit, so wie sie auf dem Altar der Wittichenauer Pfarrkirche präsentiert wird. Denn am 12. April 2020 hätte der 87-jährige Bresan bereits zum 75. Mal die Botschaft von der Auferstehung des Herrn hoch zu Ross von Wittichenau in die Nachbargemeinde Ralbitz getragen.

„Doch daraus wird nichts. Die Behörden haben das komplette Osterreiten in der Lausitz in diesem Jahr abgesagt. Wegen Corona“, sagt Peter Bresan. „Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass es sich um einen geschichtlichen Einschnitt in der Lausitz handelt. Aber die Entscheidung muss ich halt akzeptieren“, resümiert der Tierarzt sichtlich traurig.

Seit 1541 findet die Wittichenauer Prozession statt

Bereits seit dem Jahr 1541 reiten die Wittichenauer alljährlich am Ostersonntag nach Ralbitz. Und in diesem guten halben Jahrtausend wurde immer und unter allen Umständen die Osterbotschaft zu Pferd in die Nachbargemeinde getragen. „Ich erinnere mich noch an das Kriegsjahr 1945. Damals lief ich als Zwölfjähriger meinem Vater entgegen, der als Osterreiter unterwegs war“, erinnert sich Peter Bresan. „Hinter Schönau kreisten plötzlich russische Jagdflugzeuge über der Prozession. Doch es fiel kein Schuss, und die Maschinen drehten wieder ab.“

Zwölf Monate später saß Bresan selbst das erste Mal zu Ostern im Sattel. „In Wittichenau standen zwei Frauen neben meinem Pferd. Die Mutter sagte zur Tochter ,Schau mal, so ein armer Osterreiter. Nicht mal Blumen hat er am Pferd’. Da lief die Tochter heim, holte eine Kunstblume und steckte sie an mein Ross. Mich hat diese Geste unheimlich berührt“, erinnert sich Peter Bresan.

Die Wittichenauer Osterreiter haben jedem Wetter getrotzt

Geritten wurde immer. Egal, ob im starkem Sturm am Ostersonntag 1957. Oder sechs Jahre später im strömenden Regen. Oder anno 2000 bei sengender Sonne und fast 30 Grad im Schatten. Selbst die atheistisch geprägte DDR zeigte sich gegenüber dem Osterreiten nicht restriktiv. „Viele Genossen waren in ihren Ansichten gespalten. Öffentlich waren sie Kommunisten, doch in ihrem Innersten Christen. So standen sie in den Dörfern unter den Gläubigen und haben sich die Prozessionen angeschaut“, sagt Peter Bresan.

Problematisch war eher der Mangel an Pferden, geschuldet der Kollektivierung und Technisierung der Landwirtschaft. Doch auch diese Herausforderung wussten die Osterreiter zu meistern. „Ich war über 20 Jahre als Tierarzt im Kreis Meißen tätig, habe dort eine Pferdezucht aufgebaut. Seit dem Jahr 1963 wurden in Wilsdruff die Tiere für die Prozessionen besorgt. Und das ist bis heute so“, weiß Bresan.

Am Ostersonntag bleiben die Leih-Pferde im Stall

Seit immerhin zwölf Jahren verleiht auch Matthias Gneuß aus Schwarzbach seine beiden Kaltblüter Iwo und Orlando an Wittichenauer Osterreiter. Er habe von der Absage der jahrhundertealten Tradition direkt von einem der beiden Reiter erfahren. „Eigentlich hätte ich gedacht, dass der Abstand zwischen den Reitern in der Prozession ausreichend groß ist. Aber da sind ja noch Tausende Zuschauer, die dicht an dicht entlang der Straßen stehen“, sagt Gneuß. So werden Iwo und Orlando den Ostersonntag entweder im heimischen Stall oder auf der Weide verbringen. „Vielleicht spanne ich die Pferde vor meine Kutsche und fahre durch den Wald. Natürlich allein“, so der Schwarzbacher.

Das Osterfest 2020 will Peter Bresan im engsten Familienkreis verbringen. „Wir werden gemeinsam beten und Osterlieder singen“, kündigt der 87-Jährige an. Bresan wünscht sich nichts sehnlicher, als dass er bei Kräften bleibt. Denn am 4. April 2021 will er während der Reitermesse in der Wittichenauer Pfarrkirche sein Kränzchen für die 75. Teilnahme am Osterreiten in Empfang nehmen. „Laut unseren Unterlagen wäre ich seit dem Jahr 1541 der erste Reiter, dem diese Ehre zuteil würde“, hat der Tierarzt recherchiert. Und schon dafür lohne es sich, gesund zu bleiben.

Wittichenauer feiern Ostern 2020 anders


Da die Osterreiter-Prozessionen dieses Jahr ausfallen, wollen die Wittichenauer das Fest auf andere Weise feiern. Das kündigt Prozessionsleiter Steffen Kobalz an. „Es werden am Ostersonntag gegen 9.30 Uhr alle Einwohner der Stadt eingeladen, vor ihre Haustüren zu treten und gemeinsam mit musikalischer Unterstützung Auferstehungslieder zu singen und zu beten. So war es auch schon vor zwei Wochen zu Lätare der Fall. Es wurde sehr gut angenommen. Wie ich hörte, wird dies in ähnlicher Weise wohl auch in den Pfarrdörfern so gehandhabt werden“, sagt Kobalz. Eigentlich würde sich gegen 9.30 Uhr die Wittichenauer Reiterprozession auf ihren Weg nach Ralbitz begeben. „Es ist zum Teil schwierig zu verstehen, dass Pest, Nazis, Kriege und Kommunismus es nicht geschafft haben, diese lange und tiefe Tradition des Kreuzreitens aufzuhalten. Ausgerechnet so ein Virus schafft dies. Es gibt für die Untersagung aber von allen Seiten volles Verständnis, da die Gesundheit eines jeden Einzelnen absoluten Vorrang hat“, stellt Kobalz klar.