In der mittleren Lausitz ziehen mehrere Gartenstädte Touristen an: Allen voran Marga in Brieske/Senftenberg, außerdem Lauta-Nord und Erika/Laubusch. Darüber hinaus gibt es eine Siedlung, die von Insidern als „kleine Schwester“ der Gartenstadt Marga bezeichnet wird, und zwar Heide bei Wiednitz.

Tatsächlich weisen beide Ensembles architektonisch-gestalterische Parallelen auf. Das verwundert nicht, schließlich wurden die Werkskolonien Heide und Marga fast zeitgleich von ein und demselben Architekten, nämlich Georg Heinsius von Mayenburg, konzipiert.

Heide ist ab dem Jahr 1910 im Zuge des Aufbaus der Brikettfabrik Heye III, später Heide, für deren Belegschaft aufgebaut worden. Ein gutes Jahrhundert später wurden zwar manche Gebäude saniert, doch ein Großteil der Wohnhäuser steht leer.

Dort, wo einst die Brikettfabrik über 82 Jahre (1910-1992) insgesamt 28,3 Millionen Tonnen Briketts produzierte, wächst ein junger Mischwald heran. Im Werk hatten einst 500 Menschen gearbeitet, und die Siedlung zählte 920 Einwohner. „Heute sind es lediglich noch um die 80 Menschen“, rechnet der Wiednitzer Ortschronist Karl-Heinz Weigel vor.

Handschrift des Architekten erkennbar

Die fast gänzlich vom Wald eingeschlossene Siedlung Heide soll wegen ihres weitestgehend unverfälschten Reizes für Touristen erschlossen werden. Darauf setzt Thomas Mansfeld vom Wiednitzer Ortschaftsrat. Unterstützung erfährt der Protagonist dabei von Wolfgang Wache von der Gartenstadt Marga.

„Bei beiden Siedlungen ist ganz eindeutig die Handschrift des Architekten zu sehen“, sagt Wache. „Das ist unser Ansatzpunkt. Wir haben auch erste Ideen, welche Dinge wir im Jahr 2020 gemeinsam voranbringen und unterstützen wollen. Dies ist aber noch nicht spruchreif.“ Thomas Mansfeld ergänzt, dass für die kommenden Monate ein gemeinsamer Rundgang durch die Werkskolonie Heide vorgesehen sei.

Gedenkstätte wird aufgehübscht

Ein Anfang soll die Aufwertung der bereits in den 1990er-Jahren errichteten kleinen Erinnerungsstätte für die Brikettfabrik Heide bilden, kündigt Thomas Mansfeld an. Bislang ärgern sich die Passanten über den aktuellen Zustand.

Die ehemalige Anzeigentafel „Straße der Besten“ benötige frische Farbe, neue Schrift und einen gepflasterten Vorplatz. Darüber hinaus sei eine Infotafel zur Historie der Brikettfabrik und des nahen Tagebaus Heide vorgesehen.

Mehrere Einheimische wollen im Rahmen einer privaten Initiative entsprechend Hand anlegen. Da die Wiednitzer vorhaben, die meiste Arbeit selbst zu stemmen, sollen sich die Kosten in Grenzen halten. Dennoch rechnen die Protagonisten mit einer vierstelligen Summe. Die soll in erster Linie durch Spenden eingeworben werden. „Bislang haben wir rund 400 Euro eingenommen“, rechnet Mansfeld vor.

Einst das pralle Leben, heute Stille

Noch im Jahr 2020 könnte die dann rundum erneuerte Erinnerungsstätte in neuem Glanz erstrahlen. Und das aus gutem Grund: „Anno 1910, also vor nunmehr 110 Jahren, ist die Brikettfabrik, damals Heye III, in Betrieb gegangen“, begründet Thomas Mansfeld. Ortschronist Karl-Heinz Weigel hat indes eine persönliche Beziehung zu Heide. „Ich bin hier im Jahr 1945 geboren und habe vor Ort meine Schlosserlehre absolviert.“

Der 74-Jährige erinnert sich gern an seine Jugendtage, als es in der Werkskolonie nur so vor jungen Leuten wimmelte. Heute ist es sehr still geworden. Und leer.

Das könnte sich mit dem avisierten „Aufwecken“ der Siedlung ein wenig ändern, hoffen die Protagonisten. Denn für die einzigartige Architektur gebe es durchaus ein Potenzial an Interessenten.

Thomas Mansfeld und Karl-Heinz Weigel denken dabei in erster Linie an die Fahrradtouristen aus dem Lausitzer Seenland. Und an die saisonal fahrende Seenland-Bahn, die aus Dresden anrollt. Den Bahnhof Heide/Wiednitz gibt es jedenfalls noch.

Die Brikettfabrik Heide


Die Brikettfabrik Heye III ist im Jahr 1910 in Betrieb gegangen. Zwölf Monate später waren bereits fast 82 000 Tonnen Briketts gepresst worden. Der Höhepunkt der Kohleveredlung fiel in das Jahr 1969 mit rund 590 000 Tonnen, informiert die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau- und Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV). Bereits 20 Jahre zuvor war die Umbenennung des Werkes in Heide erfolgt. Wurde zunächst das schwarze Gold aus dem nahen Tagebau Heye III verarbeitet, erfolgte nach dem Zweiten Weltkrieg der Bau einer Kohlebahn, sodass der Bodenschatz nun auch aus dem Tagebau Laubusch herangeschafft werden konnte. Am 18. September 1992 wurde die Brikettfabrik endgültig stillgelegt. Bis 1996 erfolgte der Komplettabriss. Wer sich an der Restaurierung der Erinnerungsstätte beteiligen möchte, kann sich unter der Adresse www.betterplace.me/brikettfabrik-heide weitere Informationen einholen.