Herr Kobalz, häufig hört man, dass früher alles besser war. Trifft das auch auf den Wittichenauer Karneval zu?

Jein. Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre lag der Karneval in unserer Stadt völlig am Boden. Das Volkshaus, in dem wir unsere Veranstaltungen durchgeführt haben, hatte man wegen baulicher Mängel geschlossen. Von 1968 bis 1972 gab es keinen Umzug. Erst, als man ein Jahr später wieder ins Volkshaus konnte, ging es langsam los. Der Rosenmontagszug in jenem Jahr war überschaubar, bestand aus zwei Kutschen, berittener Garde und den Mitgliedern des Karnevalsvereines, die hinterherliefen. Aber es war ein Zeichen, das es aufwärts ging.

Wann wurden Sie Mitglied des Wittichenauer Karnevalsvereines?

1973. Zuvor war ich zwei Jahre bei der Langen Garde. Damals hatten wir noch nicht so viele Mitglieder wie heute. Ich war die Nummer 23.

Sie und Ihre Frau Gisela wurden gleich in Ihrer ersten Session zum Prinzenpaar gekürt?

Das war eine prima Sache. So was muss man genießen, in Wittichenau wird man das nur einmal im Leben.

Wie heißt es eigentlich korrekt: Karneval oder Fasching?

Bei uns kann man die Narrenzeit mit beiden Begriffen bezeichnen.

Unterliegt der Karneval in einer Stadt wie Wittichenau gewissen Zyklen, gibt es da Höhen und Tiefen?

Natürlich. In den 50er und 60er Jahren hatten wir eine Hoch-Zeit, was mit den vielen Handwerksbetrieben im Ort zusammenhing, die damals zahlreiche Wagen mit herrlichen Bildern für den Zug bereitstellten.

Wie sehen Sie den heutigen Karneval in Wittichenau?

Der ist absolut top und hat in den zurückliegenden Jahren eine unglaubliche Qualität bekommen, kann man gut bei den Kappenabenden, beim Weiberfaschings- und Rosenmontagszug sehen. Die Eventkultur unserer Gesellschaft schlägt sich auch in diesem Bereich nieder. Und zwar im positiven Sinne.

Hat sich bei den hier lebenden Menschen im Laufe der Jahre die Einstellung zum Karneval verändert?

Kann man schon sagen. Im Vergleich zu meiner Zeit ist vieles anspruchsvoller geworden, sieht man beispielsweise bei den tollen Kostümen. Alles ist sehr niveauvoll geworden.

Wie sehen Sie die Zukunft des Karnevals im Allgemeinen und im Besonderen in Wittichenau?

Karneval wird immer gefeiert werden. Das gehört zum Brauchtum einer Stadt, einer Region. Man hört ja immer wieder von Nachwuchsproblemen, auch bei den närrischen Vereinigungen hier. Haben wir nicht. Daran können Sie sehen, wie sehr der Karneval zum Lebensgefühl dieser Stadt gehört.

Wittichenau hat als Karnevalshochburg eine jahrhundertelange Tradition. Dennoch: Schaut man zu anderen Städten in der Umgebung, etwa nach Bernsdorf, um zu sehen, wie dort der Karneval gefeiert wird?

Wittichenau und Bernsdorf, das ist aber, ohne den Kollegen in Bernsdorf nahe treten zu wollen, wie David und Goliath. In Bernsdorf hat der Karneval eine andere Struktur als in Wittichenau. Dort sind die Veranstaltungen inhaltlich anders gestaltet als unsere Kappendabenden, der Umzug ist kleiner als unserer. Aber auch in Bernsdorf wird der Karneval seit Jahrzehnten erfolgreich gelebt. In diesem Zusammenhang möchte ich betonen, dass wir alle Karnevalsvereine schätzen, weil wir wissen, wie schwer es ist, eine solche Tradition gerade in der heutigen Zeit am Leben zu erhalten.

Wenn Sie auf die vielen Jahre zurückschauen, in der Sie das karnevalistische Geschehen in Ihrer Heimatstadt mit gestaltet haben, was ist gleich geblieben?

Nun ja, auch in der heutigen Zeit wird im Karneval das ein oder andere Gläschen getrunken. Kann natürlich auch mal mehr als eines sein.

Wittichenauer Karnevalsverein


Karneval wird in Wittichenau seit 1706 gefeiert. 1904 wurde vom örtlichen Gesellenverein der Elster-Rheinische Karnevalsumzug veranstaltet, ein erstes Anzeichen, dass man sich in jenen Jahren am Karneval im Rheinland orientierte. Mit der Gründung der DDR durfte ab 1950 in Wittichenau wieder Karneval/Fasching gefeiert werden. Im selben Jahr gründete sich der Vierzehnerrat mit dem Präsidenten Eduard Glaab. 1955 folgte die Gründung der Langen Garde. 1968 und 1969 fanden keine Kappenabende und auch keine Umzüge statt, da das Volkshaus für einige Jahre für Veranstaltungen gesperrt war. Aktuell besteht der Wittichenauer Karnevalsverein aus 60 männlichen Mitgliedern.

In diesem Jahr zieht der Weiberfaschingsumzug am 22. Februar, ab 14 Uhr, durch die Innenstadt der Karnevalshochburg. Der Rosenmontagszug startet am 24. Februar, um 14 Uhr.