Von Uwe Menschner

. Der Staatssekretär ist gekommen, der Oberbürgermeister sowieso, und auch ein Vertreter des Planungsbüros hat sich eingefunden. Doch etwas, worauf die Beteiligten insgeheim bis zuletzt gehofft hatten, passiert nicht: Dass sich ein Vertreter von Bombardier die Ehre gibt.

Dabei profitiert der kanadische Schienenfahrzeugbaukonzern am meisten von der Maßnahme, die an diesem Morgen mit der Förderscheckübergabe offiziell eingeläutet wird (obwohl die Baufahrzeuge längst rollen): Dem Ausbau der westlichen Werkszufahrt einschließlich Spreebrücke. Der Bombardier-Konzern war es auch gewesen, der eindringlich auf die Notwendigkeit des Baus hingewiesen und darauf gedrängt hatte: „Wir gehen von einer Verdopplung des Lkw-Verkehrs aus, wenn ab 2020 unsere neue Struktur vollständig greift“, hatte Werksleiter Olaf Schmiedel zu Jahresbeginn erklärt. In Zahlen: Statt, wie bisher, etwa 50, verlassen und erreichen dann täglich 110 Lkw das „europäische Leitwerk“ des Weltkonzerns, wie es Bombardier-Deutschlandchef Michael Fohrer unlängst bezeichnet hatte. Unter den bisherigen Verhältnissen – also mit nur einer Lkw-tauglichen Zufahrt über die Fabrikstraße – würde die Logistik kollabieren.

Denn schließlich hat sich die Fertigungskapazität bei Bombardier Bautzen seit 2005 annähernd vervierfacht. Anstelle einzelner Wagen verlassen nunmehr und in Zukunft komplette Züge das Werk – darunter Regionalbahnen, Intercity-Züge, aber auch der ICE 4 – die aktuelle Generation der deutschen Hochgeschwindigkeitsflotte, die Bombardier im Konsortium mit Siemens an die Deutsche Bahn liefert. Mit zwei leistungsfähigen Zufahrten, wie sie voraussichtlich ab dem Herbst 2020 zur Verfügung stehen, ist das alles kein Problem mehr.

Es gäbe also durchaus Grund zur Freude für den Weltkonzern und auch zu ein wenig Dankbarkeit gegenüber der öffentlichen Hand, die fast drei Millionen Euro für den Bau der Zufahrt „springen“ lässt. Offiziell freilich äußert niemand Enttäuschung oder gar Unmut über die Abwesenheit der dritten „Hauptperson.“ Zwischen den Zeilen des Protokolls lassen sich diese aber schon herauslesen. Zumal sich Bombardier auch bei der Finanzierung des Vorhabens dank der Förderregularien einen schlanken Fuß machen kann.

Und es klingt auch an, dass das Unternehmen nach wie vor einen starken (Zeit-)Druck ausübt, um möglichst schnell über die neue Zufahrt verfügen zu können. Doch nach außen hin versucht Oberbürgermeister Alexander Ahrens, den Ball flach zu halten: „Es geht hier nicht nur um Bombardier, sondern auch um rund 20 weitere Unternehmen, die in dem Gewerbepark rings um das Werksgelände ansässig sind.“ 20 Unternehmen – das ist womöglich eher ein Zukunftswunsch als aktuelle Realität. Immerhin finden sich im Internet unter der Adresse „Fabrikstraße 41“ neben Bombardier noch eine Firma für Elektro- und Automationslösungen sowie ein Gebäudetechnik-Unternehmen. Schließlich darf auch nicht unerwähnt bleiben, dass Bombardier circa 30 Millionen Euro in den Ausbau des Bautzener Werks investiert hat und dies laut Werksleiter Olaf Schmiedel erst die „erste Ausbaustufe“ darstellt.

Sei es wie es sei: Auch das Wirtschaftsministerium überschreibt seine offizielle Mitteilung mit „Sachsen fördert den Ausbau der Bombardier-Zufahrt“, und als solche ist der Straßenzug auch in der Bevölkerung bekannt. Zumal die etwa 770 Meter lange Straße, wie Stadt-Pressesprecher André Wucht im Zuge von Recherchen herausgefunden hat, tatsächlich namenlos ist - „noch.“