Walking Football: Knappensee Oldies probieren sich an neuem Trend und sind begeistert

Diese Altherren sind zwar fast alle über 70, doch sie gehören noch lange nicht zum "alten Eisen". Sie spielen bei den Knappensee-Oldies noch immer erfolgreichen Fußball.
Catrin WürzEine Gruppe Fußball-Oldies aus der Region Hoyerswerda lebt ihren Lieblingssport bis ins hohe Alter aus. Auch mit über 65 oder gar 75 Jahren sind die leidenschaftlichen Enthusiasten von der Spielvereinigung Knappensee (SpVgg) am runden Leder noch ziemlich erfolgreich.
Elf Landesmeistertitel haben sie seit 2012 schon eingesammelt. Denn sie trainieren eisern, auch wenn es mal im Körper zwackt oder die Puste etwas fehlt. „Das hält uns alle weiter jung“, ist Siegmund Heidrich überzeugt.
Der 71-Jährige ist der Kopf der wilden Alt-Herren-Truppe, die es in dieser Art weit und breit wohl nur selten gibt. „Bei uns trainieren viele Sportler, die seit ihrer Kindheit und Jugend aktiv und erfolgreich im Liga-Fußball gespielt haben“, berichtet er. Manche von ihnen haben schon 65 Jahre aktiven Fußball in den Knochen und vor Jahrzehnten sogar bei der DDR-Meisterschaft der Junioren mit gekickt.
Auch aus jener legendären Mannschaft der BSG Aktivist Knappenrode/Lohsa, die im Jahr 1983 wie Helden und als Außenseiter unerwartet das Finale im FDGB-Bezirkspokal gewannen, sind mehrere Männer dabei. Ans Aufhören möchte noch keiner der Ballkünstler in Groß Särchen denken.
Walking Football: Fußball-Leidenschaft kennt kein Alter
Einmal mit dem Fußball-Fieber infiziert, kennt diese Leidenschaft keine Altersgrenze, das glaubt auch Horst Uecker. Seine 74 Jahre sieht man ihm kaum an, er ist fit und in der SpVgg-Mannschaft momentan als Stürmer unterwegs.
Er mag das disziplinierte, fast stoische Spiel der englischen Fußballer – und glaubt auch an den Sieg der Briten bei der am Sonntag zu Ende gehenden Europameisterschaft. „Aber den Fußball nur noch vom Fernsehsessel aus zu schauen?“, das wäre für ihn auch mit 74 Jahren nichts.
Natürlich haben die Alt-Herren-Sportler, die sich 2012 zusammenfanden, auch gemerkt, dass die Zeit nicht stehenbleibt. Während damals bei der Gründung die meisten Mitspieler Ü50 waren, ist das Gros der Mannschaft heute deutlich auf Ü65 gewachsen, die meisten sind sogar über 70.
„Wir haben weiter Spaß am Fußballspielen – und auch an der Gemeinsamkeit und Geselligkeit danach“, sagt Eberhard „Ebs“ Greibig aus Hoyerswerda. Er ist ebenfalls 74 und fehlt bei keinem Wettkampf der Knappensee-Oldies.
Fußball für Senioren: Hoyerswerda testen Walking Football
Doch dass man eines Tages nicht mehr so schnell übers Kleinfeld flitzen kann, ist nicht auszuschließen. Die Männer haben deshalb vor Kurzem zum ersten Mal an einem ungewöhnlichen „Probelauf“ teilgenommen: an einem Turnier im Walking Football. Das bedeutet „Geh-Fußball“ – aber was ist denn das?
Mit Walking Football macht sich gerade ein neuer Trend in Deutschland breit, der zu altersgerechtem und gesundheitsorientiertem Fußball einlädt. Das Spiel hat ein paar entscheidende Regeln, „die gar nicht so leicht umzusetzen sind“, bestätigt Horst Uecker. „Dafür muss man im Kopf erstmal umschalten“, sagt er.
Laufen und Rennen ist beim Walking Football nämlich streng untersagt. Jeder Spieler muss bei der Fortbewegung jederzeit einen Fuß auf dem Boden haben. Zudem darf der Ball maximal hüfthoch – also einen Meter hoch – gespielt werden. Auch in das Tor darf der Ball nur unterhalb der Ein-Meter-Linie gehen.
Gehfußball ohne Torwart und Kopfbälle
Am Tor wird es zudem ganz verrückt. Denn beim Walking Football gibt es keinen Torwart und kein Abseits, dafür jedoch einen Raum vor dem Tor, den kein Spieler betreten darf. Mit langen und steilen Pässen kommt man bei dieser neuen Sportart deshalb kaum zum Ziel, das Gehen nimmt das Tempo raus. Stattdessen kommt es umso mehr auf das gemeinsame Spiel im Team an, auf viele kurze und präzise Pässe, um sich Stück für Stück an das gegnerische Tor heranzuspielen.

Diese Knappensee-Oldies nahmen kürzlich beim Walking Football-Turnier des Sächsischen Fußballverbandes teil. Ein zweites Turnier in diesem Trendsport soll folgen.
S. Heidrich„Es war auf jeden Fall eine interessante Erfahrung“, meint Dr. Armin Wetzlich diplomatisch. Der 72-jährige Arzt und Orthopäde steht bei den Knappensee-Oldies im Tor. Beim Walking Football sind seine Keeper-Qualitäten nicht gefragt, deshalb war er als Feldspieler im Turnier mit dabei.
„Und wir haben uns gar nicht schlecht geschlagen“, sagt er stolz. Die Knappensee-Oldies belegten den 4. Platz bei 13 Mannschaften aus ganz Deutschland und wurden bestes von fünf sächsischen Teams.
Gehfußball garantiert Fußballfreude im Alter
Ein bisschen gewöhnungsbedürftig war für die Vollblut-Fußballer aus Groß Särchen der Geh-Fußball noch. „Die Idee dahinter leuchtet aber ein“, meint Siegmund Heidrich. Körperliche Aktivität funktioniert auf Dauer und bis ins hohe Alter nur, wenn die Bewegung auch Freude bereitet.
Daher wird Walking Football als tolle Möglichkeit gesehen, egal in welchem Alter und mit welchem Tempo, weiter Fußball zu spielen, sich fit zu halten und in geselliger Runde zusammen zu sein.
Im Gegensatz zum herkömmlichen Fußball ist die Belastung gut steuerbar, und der Spaß kommt nicht zu kurz. Experten sehen das Geh-Fußballspielen als ein wirksames Instrument, um gesund noch älter zu werden und sprichwörtlich bis ins hohe Alter am Ball bleiben zu können.
Wen die Groß Särchener als EM-Sieger sehen
Egal ob Fußball oder Fußball light – für die Knappensee-Oldies haben Gemeinschaft und Geselligkeit, der Austausch von Gedanken danach sehr große Priorität. Auf dem Platz sind sie eine eingeschworene Gemeinschaft, doch die Ansichten zur noch laufenden Fußball-Europameisterschaft in Deutschland können trotzdem weit auseinandergehen.
Ob am Sonntag nun Spanien oder England den Titel holen soll, darüber können sich die Altherren trefflich streiten. Einig sind sich alle jedoch darin: Auch die deutsche Nationalelf hätte den Titel verdient.
Walking Football
Walking Football (Geh-Fußball) wurde erstmals 2011 in Chesterfield/England gespielt - und begeistert inzwischen die britischen Inseln.
Über die Niederlande gelangte der Trend mittlerweile nach Deutschland. Hier wird die Sportart in den Fußballverbänden in Hessen, Niedersachsen, in Mittelrhein, in Berlin, aber inzwischen auch in Sachsen ausgeübt.
Im März richtete der Sächsische Fußballverband das erste Turnier im Walking Football aus. Es nahmen 13 Teams aus Bayern (2), Sachsen-Anhalt (3), Berlin (2), Thüringen (1) und Sachsen (5) teil.



