Es ist Sonntagmorgen, kurz vor sechs Uhr: Ein Wachschutz funkt die Polizei an. Alarm im Hoyerswerdaer Kino, Großeinsatz in der Altstadt. Schon seit September treibt ein Einbrecher sein Unwesen, sorgt für Angst unter den Bürgern. Die Beamten wollen ihn an diesem Morgen endlich dingfest machen.

Das Kino ist umstellt, auf Hochtouren wird das gesamte Gelände durchkämmt. Nichts. Die Polizei erklärt den Einsatz beinahe für beendet, als ein Beamter unter dem Steg am Eingang zum Sparkassensaal zwei Augen leuchten sieht, die da nicht hingehören. Ein 27-Jähriger klammert sich an Holzbrettern fest, sein Körper badet im eisig kalten Fließwasser. Pitschnass zieht ihn die Polizei aus dem Wasser. In letzter Sekunde ist sein Versteck aufgeflogen, die Handschellen klicken. An diesem 13. Januar macht die Polizei den Seriendieb dingfest. In den darauffolgenden Tagen gesteht er in den Vernehmungen 23 Einbrüche im Stadtgebiet. Sein Motiv: „Er ist spielsüchtig, Hartz IV-Empfänger und hat mit seiner Partnerin ein einjähriges Kind“, nennt Detlef Stierl die Fakten. Als Leiter des Kriminaldienstes in Hoyerswerda kennt er die Akte bestens. Stierl: „Er war uns bekannt, aber eher als Kleinkrimineller.“ Schon einmal rückte die Polizei bei ihm ein. „Er ist uns in Erinnerung geblieben, weil er damals aus seinem Küchenfenster gesprungen ist.“ Vierter Stock, Rippenbruch.

Auch dieses Mal hatten sie den Mann als möglichen Serieneinbrecher schon im Visier. Der Grund: Bei einem Einbruch ins Hoyerswerdaer Bowlingcenter hat er sich mit einem Feuerwehrschlauch vom Dach abgeseilt. „Dabei hat er DNA-Spuren hinterlassen“, sagt der Kriminaldienstleiter. Warum aber erfolgte keine Festnahme? „Das wäre nicht klug gewesen. Für eine Inhaftierung hätte es nicht gereicht. Wir wollten ihn auf frischer Tat ertappen“, so Stierl.

Gut 40 000 Euro Schaden hat der Familienvater mit seinen kriminellen Machenschaften angerichtet. Er ist in Vereinsräume eingestiegen, hat sich durch Arztpraxen gewühlt und sogar vor Gotteshäusern keinen Halt gemacht. Im November ist er über ein Baugerüst in die Kreuzkirche im Jürgen-von-Woyski-Park eingestiegen. „Dort hat er kein Bargeld gefunden, aber eine Bibel“, sagt Detlef Stierl. Bevor er also mit leeren Händen geht, klemmte er sich die Heilige Schrift unter den Arm. Zum Leidwesen der Kirchgemeinschaft. „Es handelt sich um ein Replikat, das uns nach der Wende von Glaubensgeschwistern geschenkt wurde“, erzählt der geistliche Seelsorger Hans-Joachim Grothe. Untergebracht war das große Schriftstück in der Vitrine. „Für die Kirche selbst hat es eher einen ideellen Wert“, sagt der 78-Jährige. Heute wird er die Bibel wieder an ihren Ursprungsplatz zurückbringen. Bei der Hausdurchsuchung des Täters wurde die Schrift sichergestellt, aus den Händen von Hoyerswerdas Revierleiter Tobias Hilbert wandert das wertvolle Stück zurück in die Arme des Seelsorgers. Der wünscht dem Täter weniger eine Strafe, sondern vielmehr die „Rückkehr auf einen ordentlichen Weg“.

Aktuell laufen die Vernehmungen noch. Zeugen werden befragt, Schadenshöhen ermittelt. Im März, so schätzt die Polizei, kann die Akte dem Staatsanwalt vorgelegt werden. Bis dahin ist der Alleintäter auf freiem Fuß. „Es besteht keine Flucht- und Wiederholungsgefahr“, so die Begründung von Revierleiter Hilbert. Außerdem habe er sich geständig gezeigt. Das dürfte auch die Strafe mildern. „Er hat reinen Tisch gemacht, weil er nicht so lange von seinem Kind getrennt sein möchte“, sagt Detlef Stierl, für den bei den Delikten eine anstehende Freiheitsstrafe unstrittig scheint. Das aber muss die Staatsanwaltschaft entscheiden. Die Unruhe in der Stadt dürfte damit ein Ende haben. „Allerdings“, offenbart der Revierleiter, „gibt es aktuell noch eine andere Einbruchserie“. Im Fokus: Kitas und Firmen. „Aber auch da wissen wir schon, in welche Richtung es ungefähr geht“, sagt Hilbert. Der nächste Erfolgsschlag lässt also vielleicht nicht mehr lange auf sich warten.