Von Sascha Klein

Er ist noch 19 gewesen, als er zum ersten Mal Hoyerswerda gesehen hat. Diese Stadt, die damals fast aus den Nähten geplatzt ist. Eine komplett andere Welt, als die, die er zuvor gekannt hat. Seine Anlaufstelle: ein Wohnheim mit seinen Landsleuten. Die Adresse weiß er heute noch: Clara-Zetkin-Straße 5. Er hat hier im Tagebau gearbeitet. Es hört sich irgendwie fremd an, wenn er davon erzählt, dass er beim BKW Welzow beschäftigt gewesen ist. Donnerstags sei immer großer Reparaturtag gewesen in Burghammer. Daran erinnert er sich, als wäre es gestern gewesen. Es ist jedoch schon gut 35 Jahre her. Dort, in der Werkstatt, hat er das Schweißen gelernt. Das nutzt ihm bis heute.
Am Montag sitzt David Macau im Café Auszeit in der Kulturfabrik und erzählt über seine Zeit in Hoyerswerda. Seine Zeit als einer der mosambikanischen Vertragsarbeiter. Er ist einer von mehr als 20 000 gewesen, die zwischen 1979 und 1991 in der DDR und später im vereinigten Deutschland gearbeitet haben. Die DDR brauchte damals Arbeiter im Bergbau, in der Industrie und in der Landwirtschaft. Mosambik, mit seinem damaligen sozialistischen Revolutionsführer Samora Machel, brauchte Maschinen und technisches Wissen.
David Macau ist zum ersten Mal seit 1991 wieder in Deutschland. Er wäre gerne öfter zu Besuch gekommen, sagt er. Aber: Er hat kein Geld. Diese Reise ist ihm gesponsert worden. Er hat kürzlich an einer Tagung zur Geschichte der Vertragsarbeiter in Magdeburg teilgenommen. An Hoyerswerda hat er großenteils gute Erinnerungen. Es sei ein gutes Leben gewesen, er habe auch regelmäßig Kontakt zu Deutschen gehabt. Die Bilder, die hinter ihm auf einer Leinwand ablaufen, erzählen etwas anderes. Darauf ist er mit seinen Landsleuten zu sehen. Immer wieder in den vier Wänden im Wohnheim. „Wir sind immer in einer Gruppe von mindestens drei oder vier Leuten rausgegangen“, sagt er später – aus Sicherheitsgründen. Von Beginn an, also seit Ende der 1970er-Jahre, habe es Jungs in Hoyerswerda gegeben, die ihn und andere Mosambikaner als „Neger“, „Schwarze“ oder anders rassistisch beschimpft hätten. Vor denen galt es sich zu schützen. Allerdings sagt Macau: Es seien nur wenige gewesen. Mit dem überwiegenden Teil der Hoyerswerdschen sei er gut ausgekommen. Sie seien oft in Gaststätten gewesen und hätten gefeiert – am liebsten im „Glück Auf“.
Der 59-Jährige, der heute in der mosambikanischen Hauptstadt Maputo lebt und Vater dreier Kinder ist, hat noch täglich mit seiner Vergangenheit in der DDR zu tun. Er streitet noch heute um einen Teil seines Lohnes, um dessen Verbleib sich Deutschland und Mosambik bis heute uneins sind. Rückblick: Ein Teil dessen, was David Macau mit seiner Arbeit in der Lausitzer Braunkohle verdient hat, ist seitens des Staates einbehalten worden. Es hieß: Dieser Anteil fließt auf ein Konto in Mosambik und kommt den Vertragsarbeitern nach ihrer Rückkehr ins Heimatland zugute. David Macau schätzt, dass das in seinem Fall mit Sicherheit etwa 5000 US-Dollar sind.
Bekommen hat der einstige Vertragsarbeiter bis heute keinen Cent. Denn die DDR und Mosambik haben sich in den späten 70er- und 80er-Jahren offenbar eines Tricks bedient. Das Geld der Vertragsarbeiter ist von der DDR als Schuldentilgung gegenüber Mosambik verrechnet worden. Dabei geht es um hohe zweistellige Millionenbeträge. „Ich habe gegenüber Deutschland keine Schulden“, sagt er am Montag in der Kulturfabrik. „Dieses Geld muss in meine Tasche zurück“, betont er und klopft sich auf seine Brust.
David Macau hat auch das dunkelste Kapitel der jüngsten Hoyerswerdaer Geschichte hautnah miterleben müssen: die Übergriffe im September 1991. Zu dieser Zeit hat der damals 31-Jährige in der Albert-Schweitzer-Straße gewohnt. „Wir haben nur versucht, dass die Jungs nicht reinkommen“, erzählt er. Die „Jungs“, das sind diejenigen, die vor dem Elfgeschosser getobt und „Ausländer raus“ gebrüllt haben. Mehr als 100 Leute hätten zunächst vor dem Heim der Vertragsarbeiter gestanden. In den Tagen danach werden es immer mehr. Diese Übergriffe werden die Außenwirkung der Stadt für die folgenden zwei Jahrzehnte prägen. In den Tagen und Wochen nach den Übergriffen hätte die Polizei die Mosambikaner dann überall hin eskortiert – zum Bus, zurück zum Wohnheim, selbst zum Einkaufen. „Wir haben dann gesehen: Das ist hier kein Leben mehr“, sagt David Macau ernüchtert. „Dann haben wir alles versucht, um so schnell wie möglich nach Hause zu kommen.“
Doch in Mosambik erwartet die Vertragsarbeiter Ablehnung. Sie werden „Madgermanes“ genannt, die „verrückten Deutschen“. Sie werden gemieden, ausgegrenzt. Viele von denen, die einst mit großen Hoffnungen in die DDR aufbrachen, leben jetzt im Elend. Auch David Macau hat keine feste Arbeit gefunden. Er verdient sich als Schlosser gerade ausreichend zum Leben. Zu Hause in Maputo besitzt er eine kleine Schweißmaschine. Gekauft hat er die vor vielen Jahren – in Hoyerswerda.