Von Rita Seyfert

Ruhiger, überlegter Blick durch eine eckige Brille. Drei-Tage-Stoppeln im Gesicht, das hellblaue Hemd unterm braunen Pullover fast bis oben zugeknöpft. Das ist Benno Mross, seit April 2018 der zweite Chef der Mutterkuhhaltung (MKH) Wittichenau und Krabat-Milchwelt. Mit 27 Jahren ist der Deutsch-Sorbe noch ein sehr junger Geschäftsführer. Eins ist jedoch sicher, ein Milchbart ist er nicht, sondern ganz im Gegenteil: Mit seinen innovativen Ideen beweist er Mut und Weitsicht.

Dabei entdeckte er die Landwirtschaft erst spät. Auf dem Feld hinterm Haus pflanzte sein Vater Kartoffeln an. Sonst hatte Benno Mross nicht viel mit Ackerbau am Hut. Technik interessierte ihn. Und so entschied er sich nach dem ­Realschulabschluss an der heutigen Oberschule Wittichenau für eine duale Ausbildung zum Mechatroniker mit Fachabitur.

Nach dem Abschluss bei Vattenfall in Schwarze Pumpe erklomm er mit 18 Jahren die erste Stufe seiner Karriereleiter als Elektriker im Tagebau Nochten. Ein gutes ­halbes Jahr hielt er die Pumpentechnik am Laufen. Doch irgendwie war es das noch nicht, sagt er. Benno Mross wollte mehr. Er entschied sich fürs Studium.

„Eigentlich wollte ich Wirtschaftsingenieurwesen studieren“, sagt er. Sein damaliger Chef riet ihm aber zur Computer- und Automatisierungstechnik. Die Vorträge über den Einzug vollautomatischer Maschinen in die Landwirtschaft interessierten ihn besonders. Nach zwei Semestern orientierte er sich nochmal um. „Die Agrarwissenschaften waren es schließlich.“ Den landwirtschaftlichen Hintergrund für dieses Studium eignete er sich beim Praktikum in der Krabat-Milchwelt an.

Als Benno Mross im Sommer 2013 den Kühen am Melk-Karussell das Melkzeug anlegte, ging er auf Tuchfühlung mit einem ihm bislang unbekannten Sektor. „Ich dachte nie, dass Landwirtschaft so komplex sein kann“, sagt er. Wissbegierig sog er alles über die Verflechtung von Technik, Tier, Pflanze und Energieerzeugung in sich auf.

Bald änderte sich sein Blick. Bei einer zehnwöchigen praktischen Arbeit, die er erneut bei der MKH Wittichenau absolvierte, schaute er bereits kritischer hin. Er analysierte die Teilprozesse der Milchproduktion und Futterbereitstellung und fragte, ob sie sich aus wirtschaftlicher Sicht rentieren. Als Benno Mross sein Studium dann 2016 frisch in der Tasche hatte, warb ihn die MKH Wittichenau an. Die folgenden zwei Jahre suchte der Junglandwirt als Strukturentwickler nach Verbesserungsmöglichkeiten.

Ein berufsbegleitendes Training zwang ihn währenddessen immer wieder, über den Tellerrand zu blicken. Er besichtigte Kuhställe in Marokko und Entwicklungshilfe-Projekte in Äthiopien, besuchte die Welthandelsorganisation in Rom oder unterhielt sich im Berliner Bundestag und im Brüsseler Europaparlament mit Politikern aus dem Agrarausschuss sowie dem Bundesausschuss für Agrarwirtschaft. Eine rasante Zeit, in der Benno Mross seine Arbeit in Meilenschritten vorantrieb. Doch irgendjemand musste die Ergebnisse seiner Analysen umsetzen. Genau darin sah Geschäftsführer Tobias Kockert eine Herausforderung, die er gemeinsam mit Mross angehen wollte – und holte ihn als zweiten Chef ins Boot.

Mross’ Ziel ist kein geringeres als eine Neuausrichtung des Unternehmens am Markt. Wie er das umsetzen will? „Ich möchte einen tiergerechten Wohlfühlstall auf der grünen Wiese errichten“, erklärt er. Roboter sollen melken, füttern und einstreuen. Dadurch soll die Arbeit für die älteren Mitarbeiter erleichtert und für die jüngeren technikaffinen Kollegen ansprechender gestaltet werden.

Der Entwurf für den vollautomatischen 3600-Quadratmeter-Milchviehstall für 230 Milchkühe inklusive Abkalb-Bereich liegt bereits in der Schublade, der Fahrplan steht. Nächstes Jahr soll der Bau hinterm 2013 gebauten Jungviehstall starten. Derzeit finden die Absprachen mit den einzelnen Gewerken statt.

Jetzt müssen nur noch die Kosten von drei bis vier Millionen Euro netto geklärt werden. Doch ist es sinnvoll, überhaupt in einen neuen Stall zu investieren? „Eine gute Frage“, so Mross. Nichtsdestotrotz, wenn es nach ihm ginge, könnte es schon morgen losgehen.

Doch erst Anfang des Jahres reduzierte das Unternehmen seinen Milchkuhbestand von 300 auf 260 Tiere. Grund war die Milchkrise. Bei aktuell 33 Cent pro Liter Milch und Produktionskosten von 40 bis 45 Cent fährt das Unternehmen derzeit Verlust ein.

Teils könne das Minus über die Hofkäserei abgepuffert werden, teils auch über die Führungen in der Krabat-Milchwelt. Letztere Nische will Mross weiter stärken. „Der Erlebnishof mit der gläsernen Manufaktur soll weiter ausgebaut werden, um langfristig darüber mehr Einnahmen zu erzielen“, sagt er.

Noch geht die Rechnung nicht auf. Doch irgendwann vielleicht schon. Immerhin würde der Roboterkuhstall neun Stellen einsparen. Fünf Mitarbeiter werden bereits umgeschult, damit sie künftig flexibel eingesetzt werden können, zum Beispiel auf dem Hof zum Mitmachen und Anfassen.

Derweil setzen Benno Mross und Tobias Kockert auf Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit. So soll sich auch beim Großen Bauernmarkt in der Krabat-Milchwelt in Kotten bei Wittichenau am 5. Mai, 10 bis 18 Uhr, wieder alles um die Kühe und ihre Milchprodukte drehen.