Von Anja Guhlan

Hebammen-Mangel in der Region rund um Hoyerswerda: Werdende Mütter, die für die Wochenbettbetreuung eine Hebamme suchen, haben oft ein großes Problem. „Die Hebammen im Umkreis müssen im Durchschnitt vier bis fünf Frauen pro Woche absagen. Ein alarmierender Zustand“, sagt Sarah Schmuck. Die freiberufliche Hebamme in Bernsdorf hat ebenfalls schon viele Frauen abweisen müssen, weil sie einfach keine Kapazität mehr hat. Sie renne schon von einem Einsatz zum nächsten und betreut meist sieben Frauen parallel. „Viele Frauen, die mich anrufen, haben  schon bis zu zehn Absagen kassiert. Das sind dann hoch emotionale und verzweifelte Gespräche. Wenn ich dann auch absagen muss, stimmt mich das schon sehr traurig“, erzählt die Hebamme aus Bernsdorf.

Etwa ein Fünftel der Frauen in Deutschland nimmt laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Skopos keine Wochenbett-Betreuung durch eine Hebamme in Anspruch – hauptsächlich, weil sie einfach keine freien Hebammen finden. Dabei hätte ein Drittel dieser Frauen gerne eine Hebamme für die Zeit nach der Geburt gehabt.

Hebamme Sarah Schmuck weiß, dass jede schwangere Frau in Deutschland ein Recht auf Hebammenhilfe hat – von der Feststellung der Schwangerschaft bis zum Ende der Stillzeit. Bei einer sogenannten regelhaften Schwangerschaft kann eine freiberufliche Hebamme die komplette Vor- und Nachsorge durchführen. So berät sie die werdende Mutter bei Übelkeit und Schmerzen, informiert über die Geburt und die Zeit danach, übernimmt Untersuchungen am Kind oder kümmert sich um die Belange der Mutter nach der Geburt wie bei Stillschwierigkeiten. „Ich liebe es, Frauen vor und nach der Geburt beizustehen, ihnen individuell helfen und etwas mehr Sicherheit geben zu können“, erzählt die 26-Jährige, die vor Kurzem selbst Mutter geworden ist. „Am allerliebsten wäre ich auch bei Geburten dabei. Diese zu betreuen, sind die schönsten Momente in dem Beruf. Bei diesem Wunder dabei sein zu können, das vermisse ich jeden Tag“, bedauert die freiberufliche Hebamme.

Denn Geburten nehmen nur noch die wenigsten freiberuflichen Hebammen vor. Diejenigen, die das tun, zahlen rund 8000 bis 10 000 Euro im Jahr Versicherungsprämie. Grund für die hohen Prämien sind nicht etwa die hohen Schadensfälle, sondern die stark gestiegenen Kosten im Einzelfall, wenn tatsächlich etwas passiert. „Jede Hebamme kann zwar einen so genannten Sicherstellungszuschlag beantragen, der 75 Prozent der Versicherungssumme deckeln soll, jedoch ist die ständige Rufbereitschaft das größere Übel und mit dem Privatleben der Hebammen nur schwer vereinbar“, berichtet Stephanie Hahn-Schaffarczyk, erste Vorsitzende des sächsischen Hebammenverbandes. Der Beruf habe sich sehr verändert, berichtet die freiberufliche Hebamme Sarah Schmuck weiter. Die umfangreiche Dokumentationspflicht gemäß dem Qualitätsmanagementsystem und die Zunahme an Aufgaben gingen zulasten der Zeit, die sie eigentlich für die Betreuung der Frauen benötige. „Das ist ein Problem“, sagt Schmuck. Ein Betreuungstermin im Wochenbett sei beispielsweise mit 20 bis 40 Minuten für einen Hausbesuch kalkuliert. Neben körperlichen Untersuchungen von Mutter und Kind bliebe praktisch keine Zeit mehr für Präventions- und psychosoziale Beratung, obwohl die Frauen sie sich wünschen und auch brauchen. „Wir machen das, kriegen es aber einfach nicht bezahlt“, sagt Sarah Schmuck.

„Das sind Bedingungen, die es Hebammen schwer machen“, kritisiert auch Stephanie Hahn-Schaffarczyk vom Hebammenverband. „Auch Klinik-Hebammen betreuen heutzutage im Kreißsaal zwei, drei oder mehr Frauen parallel. Das ist nicht nur extrem belastend, sondern womöglich auch riskant“, meint die Vorsitzende.

Einige der Hebammen wählen aufgrund der hohen Belastungen und der schwierigen Bedingungen auch immer mal wieder den „Ausstieg aus dem Beruf“, berichtet Hahn-Schaffarczyk. „Dabei sollte sich doch jede Hebamme für die Frauen individuell Zeit nehmen können und ihr ihre ganze Aufmerksamkeit während des Geburtsprozesses widmen können.“

Deshalb setzt sich der Verband für ein Geburtshilfestärkungsgesetz ein. Die Geburtshilfe sei seit Jahren unterfinanziert und leide unter Personalmangel. Es brauche ein Geburtshilfestärkungsgesetz mit nachhaltigen politischen Maßnahmen, um die Situation zu ändern. Zudem begrüßt der Verband den Bundesgesetzentwurf für ein duales Studium anstelle der bisherigen Ausbildung. „Die Hebammen werden mit der Akademisierung noch besser qualifiziert, was eine noch bessere Betreuungsqualität der Frauen nach sich zieht“, meint Hahn-Schaffarczyk, die auf eine baldige Umsetzung pocht.

Denn schließlich werden junge Hebammen dringend gesucht, damit die flächendeckende Versorgung wieder hergestellt werden kann. Denn momentan wird es nicht besser. Der Altersdurchschnitt der rund 850 Hebammen in Sachsen ist dramatisch hoch und liegt etwa bei 50 Jahren. „Wir haben nicht mehr lange Zeit, um neuen Nachwuchs auszubilden“, sagt Hahn-Schaffarczyk.

Sarah Schmuck kann jungen Frauen diesen schönen Beruf der Hebamme nur ans Herz legen: „Es ist nicht nur einer der ältesten Berufe der Welt, sondern auch einer der schönsten und eine erfüllende Aufgabe. Für mich ist es das ganz große Glück.“