Wohl jeder ehemalige DDR-Bürger erinnert sich an den überraschenden Fall der Berliner Mauer und die Monate danach. Einige demonstrierten schon Wochen vorher mutig für längst überfällige Reformen im Land. Andere scheuten die offene Meinungsäußerung noch, denn die DDR hatte Einordnung ins Kollektiv verlangt.

Von Mauerfall erst am nächsten Tag erfahren

Antje Kruse gehörte eher zu den Mutigen. Heute evangelische Pfarrerin und Seelsorgerin am Lausitzer Seenland Klinikum, studierte sie damals in Erfurt Theologie. Nach einer scharfzüngigen Predigt in der Kaufmannskirche trug sie mit vier Mitstudentinnen flackernde Kerzen zum Dom. „Wir hatten an jeder Ecke Angst, weggefangen zu werden“, erinnert sich Antje Kruse an diese Situation.

Pfarrerin Antje Kruse war während des Mauerfalls im Zug nach Görlitz unterwegs.
© Foto: Katrin Demczenko

Passiert ist ihnen damals nichts. Sie sieht die Aktion als einen der kleinen Schritte, die viele kleine Leute im Land für eine große Veränderung gegangen sind. „Auch heute ist es wieder wichtig, Widerstand zu wagen“, so die Pfarrerin.

Den 9. November erlebte sie eher unspektakulär. Sie war in Potsdam bei einem Seminar und fuhr abends mit ihrem Freund im Zug nach Görlitz. Ohne Handy und Internet erfuhren beide erst am nächsten Tag vom Mauerfall. Auch die Aufbruchsstimmung nach der Maueröffnung ist ihr noch präsent. Kurze Zeit schien es möglich, in ganz Deutschland etwas Neues für alle anzufangen. „Leider forcierte das Kapital die schnelle Wiedervereinigung“, sagt die Pfarrerin in Bezug auf den danach beschrittenen Weg.

Graue Seite des Kapitalismus

Im Herbst 1989 war Manuel Gärtner ebenfalls in Potsdam, allerdings bei der Nationalen Volksarmee. Vom Mauerfall erfuhr er durch die Aktuelle Kamera. Die Nachrichtensendung mussten die Soldaten damals täglich anschauen. Nur das Begrüßungsgeld musste warten. „Wir konnten nicht gleich zum Feiern in den Westen fahren“, erzählt er. Ihre Personalausweise lagen beim Wehrkreiskommando Strausberg.

Manuel Gärtner war zum Zeitpunkt der Maueröffnung für die NVA in Potsdam.
© Foto: Katrin Demczenko

Erst Anfang Dezember besuchte Manuel Gärtner mit Kameraden Berlin-West. Die Kurfürstenstraße, erinnert er als ein heruntergekommenes Stadtviertel mit kaputten Autos. „Wir wollten zum Kurfürstendamm, stiegen aber irrtümlich an der falschen Stelle aus der U-Bahn“, erklärt er. Die graue Seite des Kapitalismus überraschte ihn nicht. Sein Vater war zu DDR-Zeiten Reisekader und hatte ihm viel über westliche Länder erzählt.

Endlich Reisefreiheit

Die heute 74-jährige Jutta Thiele hörte die Nachrichtenmeldung zur neuen Besuchsregelung zuhause in Hoyerswerda. „Nach 40 Jahren DDR durfte sie jetzt überall hin reisen?“, staunte sie damals. Die Familie holte ihr Begrüßungsgeld in Berlin-West.

Jutta Thiele lernte die Reisefreiheit zuschätzen.
© Foto: Katrin Demczenko

Neugierig auf die andere Seite, machte die Lehrerin schon im Mai 1990 während eines Ferienlager-Aufenthaltes im Harz auch einen Abstecher nach Goslar. Dort saß sie mit zwei gehbehinderten Kindern auf einer Bank, während der Rest der Gruppe zu Fuß die Stadt erkundete. Ein Goslaer parkte zufällig mit dem Auto in der Nähe. Schnell kam sie mit dem „Wessi“ ins Gespräch. Er fuhr die drei kostenlos durch die Stadt. Weil er seine Frau pflegte und den schwierigen Alltag mit einem behinderten Angehörigen kannte, half er ganz unkonventionell, erzählte sie. Ihre Begeisterung ist nach so vielen Jahren immer noch spürbar.

Die Wende als Chance

Die Hoyerswerdaerin Daniela Fünfstück war mit ihrem ältesten Sohn gerade im Babyjahr, als sie vom Mauerfall erfuhr. Ihre Freude mischte sich sofort mit Unsicherheit. Als Grund dafür nennt sie die Demonstrationen und politischen Diskussionen nach dem Ende der DDR.

Daniela Fünfstück erwartete 1989 ein Kind.
© Foto: Katrin Demczenko

Anfang Dezember fuhr sie dann doch wegen des Begrüßungsgeldes nach Berlin-West. Ein Jahr später, im Herbst 1990, folgte die erste Reise nach Augsburg. Die ehrenamtliche Sportakrobatik-Trainerin wollte gemeinsam mit einer Kollegin die Sportakrobatik-Weltmeisterschaft erleben. Die so andere, weltoffene Atmosphäre der Veranstaltung blieb ihr bis heute im Gedächtnis. Die Wende war für sie aber auch eine Chance. Als sie im September 1990 ihre Stelle im Handel verlor, wechselte sie beruflich zum Sport. Heute leitet Daniela Fünfstück den Sportclub Hoyerswerda.