30 Jahre Mauerfall – in Herzberg fällt die Erinnerung an jenen 9. November 1989 eher still aus. Keine große Veranstaltung, keine Ausstellung wie vor zehn Jahren, keine Gedenkfeier. So ganz soll das Jubiläum dann aber doch nicht im Sande verlaufen, dachte sich zumindest Sandro Köhler. Gemeinsam mit vielen Partnern organisierte er deshalb spontan eine Konzertveranstaltung. Unter dem Motto „Freiheit feiern“, soll am Freitagabend in der Herzberger Bauernscheune in den 9. November hinein gefetet werden. Mit Bands aus der Region Herzberg und einem DJ aus Berlin.

Startpunkt der Demokratie

Der 40-jährige Ergotherapeut aus Jeßnigk hat lange in Berlin gearbeitet und ist vor vier Jahren wieder in die Heimat zurück gekehrt. „Ich fand es ziemlich traurig, dass zum Mauerfalljubiläum in Herzberg nichts passieren sollte“, sagt Sandro Köhler. Deshalb hat er sich um die Veranstaltung gekümmert. „Ich habe die Kultur in den Vordergrund gestellt, und nicht so sehr die Politik. Aber natürlich wollen wir auch daran erinnern, dass der 9. November 1989 für uns Ostdeutsche der Startpunkt der Demokratie war. Meinungsfreiheit, Reisefreiheit – das alles wurde uns gegeben. Ich bin Demokrat und weiß diese Werte trotz aller Kritik an der aktuellen Politik zu schätzen. Ich bin der Meinung, dass wir diese Werte auch feiern sollten“, sagt Sandro Köhler.

Bands aus der Herzberger Region

So werden am Freitagabend ab 20 Uhr in der Bauernscheune mit „Haute Cuisine“ – Nina Berck und Michael Flieder von der „Elsterbande“ – „Caught in Tacoma“ – eine Band, die Rockmusik aus den 90er Jahren spielt – und der „Doctors Bluesband“ drei Musikformationen aus der Herzberger Region auftreten. Ebenfalls mit dabei ist der DJ PeppYellowWitch aus Berlin. Der Eintritt ist frei. „Wir hoffen, dass jede Menge Leute kommen. Es gibt nicht viele solcher Events in Herzberg“, sagt Sandro Köhler, dem vorschwebt, künftig um den Tag der Deutschen Einheit herum ein Kunst- und Kulturfestival in der Region zu installieren.

Für die Freiheitsfeier zum 9. November hat er sich viele Leute mit ins Boot geholt. Da wäre Herzbergs Bürgermeister Karsten Eule-Prütz, der es gut findet, dass das Mauerfalljubiläum in der Stadt nicht ganz unter den Tisch fällt. Er hat sich um die Bauernscheune gekümmert. Der Herzberger Verein „Garten.Kultur.Gestalten“ ist ebenfalls als Veranstalter mit dabei. 30 Jahre Mauerfall sind auch für Vereinsmitglied Marcus Wegner ein Thema, obwohl oder gerade weil er Österreicher ist und erst seit kurzem in Herzberg lebt. „Als 17-Jähriger habe ich den Mauerfall sehr bewusst erlebt. Auch bei uns gab es den eisernen Vorhang zwischen Österreich und Ungarn“, sagt er. Die DDR habe er nur aus dem Schulunterricht gekannt, aber sein Vater habe damals für eine amerikanische Computerfirma bei Banken im Ostblock die Computer gewartet, erzählt er. „Der Osten war für mich dunkel, schwierig und gefährlich. Ich hatte echt Angst, dass die ganze Sache blutig endet“, so Marcus Wegner. Heute hat er darauf eine ganz andere Sicht. Ihm gefällt es in Herzberg. Und er sieht diese Region längst nicht als so vernachlässigt und abgehängt wie manch Einheimischer.

Über 800 Wendezeit-Fotos

Neben viel Musik sorgt Günter Schulze am Freitagabend für die politische Sicht. Er hat 844 Fotos und einige Filme über Herzberg aus der DDR- und der Wendezeit aus seinem Fundus ausgesucht. Sie werden den Abend begleiten und für genügend Diskussionsstoff sorgen. Günter Schulze erinnert sich noch gut daran, wie er den Schabowski-Auftritt in der Pressekonferenz am 9. November 1989 am Fernseher verfolgt hat und am Tag darauf irgendwie die Arbeit „geschwänzt“ hat und nach West-Berlin gefahren ist. Für ihn persönlich ist der 30. Jahrestag des Mauerfalls auf jeden Fall ein Tag zum Feiern. Obwohl auch er mal arbeitslos war und sich wie viele völlig neu orientieren musste, fühle er sich als Wendegewinner, sagt er.

Dass dies nicht allen so geht, berichten Frauen und Männer aus der Einrichtung des Arbeitslosenverbandes in Herzberg. Die Mauer wollen auch sie nicht wieder haben. Zum Feiern aber sei ihnen aber nicht zumute, sagen sie. Als Langzeitarbeitslose fühlen sie sich in der Gesellschaft ausgegrenzt. Das Leben nach dem Mauerfall hatten sie sich anders vorgestellt. Vielleicht findet dennoch der eine oder andere am Freitagabend den Weg in die Bauernscheune.