Das neue Buch über den Deutschlandsender III von Dr. Olaf Meier und Ulf Lehmann unterstreicht vor allem die systemrelevante Bedeutung der Anlage in Herzberg und deren technische Raffinesse, die damals europaweit Beachtung fand.

Die Dokumentation enthält eine Vielzahl bisher unveröffentlichter Archivfotos, neue Bilder aus Privatsammlungen und den wertvollen Erfahrungsbericht des Sender-Mitarbeiters und Funktechnikers Fridolin Schmidl. Dessen Aufzeichnungen schlummerten lange in Süddeutschland und fanden vor gut zwei Jahren zurück nach Herzberg.

Erfahrungsbericht von Funktechniker

„Es war ein sehr langes Telefongespräch mit einer älteren Dame aus Süddeutschland, die erstmal unser Interesse an Heimatgeschichte auf Herz und Nieren geprüft hat, ehe sie auf die Aufzeichnungen des Fridolin Schmidl und deren Überlassung zu sprechen kam“, erinnert sich Bürgermeister Karsten Eule-Prütz an den Kontakt, der zur Übergabe des Berichtes und damit zur Rückkehr nach Herzberg geführt hatte.

Das Stadtoberhaupt übergab die handschriftlichen Aufzeichnungen an Dr. Olaf Meier, der sich mit dem Deutschlandsender ausgiebig beschäftigt hatte und sie übertrug.

Dr. Peter Müller aus Schlieben kannte Schmidl persönlich und war bereit, dem Buch eine Kurzbiografie beizusteuern. Ein Porträt, das Schmidl als Menschen erkennbar werden lässt: Ein Vertriebener aus dem Sudetenland, der aufgrund seiner Technikversiertheit am Herzberger Sender dienstverpflichtet worden war.

Ranghohe Politiker der Zeit gaben sich zur Eröffnung des Senders im Mai 1939 in Herzberg die Klinke in die Hand.
Ranghohe Politiker der Zeit gaben sich zur Eröffnung des Senders im Mai 1939 in Herzberg die Klinke in die Hand.
© Foto: Kreisarchiv

Schmidl war ein echter Tüftler, der auch die Radios der Herzberger reparierte und selbst Geräte der Marke Eigenbau aus einzelnen Elektronikkomponenten zusammenbaute. Er lebte äußerst bescheiden und allein. Technikbegeisterten Herzberger Buben erklärte er während seiner Reparaturarbeiten die Grundlagen der Nachrichten- und Radiotechnik und verlieh seine geliebten Fachzeitschriften an sie. Er hatte die Gabe, komplizierte Sachverhalte gut verständlich auch Laien erklären zu können.

Ein Glücksfall, denn beim Verfassen seines fundierten und zugleich lesbaren Erfahrungsberichtes über Funktionalität des Senders, über Bombardierung und Abtransport der Anlage gelang ihm der Spagat zwischen fachlicher Richtigkeit und Verständlichkeit.

Autor Olaf Meier erinnert sich daran, welche Wirkung der Bericht auf ihn hatte. „Nachdem ich Schmidls Aufzeichnungen gelesen hatte, begann ich damit, mich näher mit Radiotechnik zu befassen. Erst dann begriff ich vollends, welche außergewöhnliche Bedeutung der Herzberger Sender seinerzeit besaß“, verdeutlicht der heimatgeschichtlich beschlagene Jurist seine neu gewonnene Sichtweise auf die Anlage.

Sie als tragende Säule des damaligen Gesellschaftssystems zu verstehen, sei keineswegs übertrieben.

Herzberg

Schätze in den Archiven

Unterstrichen wird diese Einschätzung von den im Bundesarchiv beherbergten professionellen Fotos der Anlage und von den aus dem Nachlass Karl Schülerts stammenden Fotos von der Eröffnungsveranstaltung des Senders am 19. Mai 1939. „Neben Postminister Karl Wilhelm Ohnesorg, dessen Rede wir transkribiert und im Buch veröffentlicht haben, gaben sich zu diesem Anlass in Herzberg ranghohe Politiker der Zeit die Klinke in die Hand“, wirft Ulf Lehmann ein, der seit Jahren Fotos aus Nachlässen und Sammlungen zusammenträgt.

Lausitzer Geschichte Neue Spurensuche in Herzberg

Herzberg

Ihn freuten besonders Überraschungsfunde aus den großen und kleinen Archiven, die im 2003 erschienenen Sender-Buch von Helmut Knuppe keine Berücksichtigung gefunden hatten. „Das Bundesarchiv und unser Kreisarchiv in Herzberg beherbergen wahre Schätze“, ist der Herzberger noch immer begeistert. „Die Eröffnungsveranstaltung war ja ein landesweit gefeierter Meilenstein damals, und sie wurde von professionellen Fotografen begleitet. Wir haben für das Buch über einhundertfünfzig neue, gänzlich unbekannte Abbildungen ausgewählt und weitere Textbeiträge von Zeitzeugen sowie Presseartikel darin versammelt“, berichtet der Autor von inzwischen elf heimatgeschichtlichen Einzelveröffentlichungen.

Helmut Knuppe – Vater der Sendergeschichte

Dankbar zeigen sich Meier und Lehmann gegenüber dem Vater der Sendergeschichte Helmut Knuppe. Er habe den Mut besessen, ein Thema der NS-Zeit anzufassen. Sein Forschungsschwerpunkt habe auf privaten und biografischen Erinnerungen gelegen, was kostbar sei.

Das neue Senderbuch mit den Ergänzungen aus Archiven, Sammlungen und des Schmidl-Sachberichtes könne als zweiter Band des Knuppe-Werkes gesehen werden, so das Autorenteam, das wie gewohnt von etlichen Herzbergern Unterstützung bei diesem Buchprojekt erhielt. Die geplante und abgesagte Präsentationsveranstaltung soll im Herbst nachgeholt werden.

Das Buch ist ab sofort online bestellbar und wird vom Verlag BücherKammer im Raum Herzberg auch per Fahrradkurier zugestellt.

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