MUT-TOUR stoppt in Herzberg: Initiative wirbt für offenen Umgang mit Depression

Die MUT-TOUR-Gruppe macht Halt in Herzberg. Bei Bäcker Bubner klären sie, unter der Leitung von Sebastian Burger, über psychische Erkrankungen auf.
Sebastian BurgerAktuelle Reports der Krankenkassen Deutschlands zeigen, dass psychische Erkrankungen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen haben. Auch das Statistische Landesamt verzeichnet - auf das Jahr 2023 bezogen - eine Zunahme von Menschen, die stationär, wegen schwerer Depressionen, aufgenommen werden mussten.
Damit es gar nicht erst so weit kommt, bieten Vereine, wie Mut fördern e.V., Betroffenen ihre Hilfe an. Die Selbsthilfeorganisation, mit Hauptsitz in Bremen, will laut eigener Aussage in einer Gesellschaft leben, in der psychische Erkrankungen dieselbe Achtung erfahren, wie körperliche Erkrankungen. Gegründet hat sich der Verein aus der sogenannten MUT-TOUR heraus, ein Aktionsprogramm, bei dem Menschen mit und ohne Depressionserfahrung zusammenkommen, um sich für einen offenen Umgang mit dem Thema Depressionen starkzumachen.

Psychische Erkrankungen nach Geschlecht aufgeteilt, bis zum Jahr 2023.
StatistaJeden Sommer fahren Teilnehmer dieser fünftägigen Fahrradtour durch ganz Deutschland und kommen dabei mit den Einheimischen ins Gespräch. Die diesjährige Route führt von Berlin nach Leipzig, mit Stopp in Herzberg. Auf dem Marktplatz machen drei Mitglieder halt, darunter Sebastian Burger, ein Organisator und Julia Stark. Sie nimmt in diesem Jahr zum ersten Mal teil, hat selbst lange Zeit mit einer schwereren Depression zu kämpfen gehabt. Im Gespräch mit Interessierten der Stadt und auch im Interview berichtet sie von ihren Erfahrungen mit der Erkrankung.

Die Fahrrad-Tandems wurden eigens für die Tour mit neuem Schriftzug ausgestattet.
Sebastian BurgerSymptome begannen schleichend
„Es begann alles schleichend, eher mit körperlichen Symptomen. Ich hatte immer wieder Ohrensausen, Nasenbluten und Panikattacken, besonders nach dem Aufwachen“, sagt sie. So richtig kann sie den Auslöser der Depression nicht einordnen oder will nicht. Auf jeden Fall sei beruflicher Stress einer der Hauptfaktoren, der schließlich zu ihrem Zusammenbruch führt. Es fällt ihr sehr schwer, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, sie schämt sich. Sie ist 36 Jahre alt, als sie im Jahr 2020 in eine Klinik gebracht wird. Die Corona-Pandemie und die damit verbundene Isolation verschlimmern die Probleme noch. Erst durch den Kontakt zu anderen Betroffenen in der Klinik und der Unterstützung durch Freunde geht es langsam wieder aufwärts.
Diese Unterstützung möchte sie jetzt auch anderen Menschen zukommen lassen. Aus diesem Grund ist eine weitere Aktion entstanden, der MUT-ATLAS. Der Atlas ist in der Kartografie eine Sammlung zusammenhängender Karten. Der Mut fördern e.V. hat dazu eine Deutschlandkarte erstellt, auf denen die einzelnen Anlaufstellen, an die sich Menschen mit psychischen Problemen wenden können, verzeichnet sind. Psychiatrische Kliniken oder örtliche Selbsthilfegruppen lassen sich dort unter anderem finden. Nach jahrelanger Vorbereitung wird der MUT-ATLAS 2024 veröffentlicht.
Der Verein arbeitet weiter an der Vervollständigung des Atlas, erklärt Projektkoordinatorin, Lucy Weber: „Wir wollen in Zukunft den Filter für die Suche noch etwas verfeinern. Es sollen noch mehr Therapiemöglichkeiten angeboten werden. Vor allem im Osten.“ In Zukunft könnte eine neue Anlaufstelle hinzukommen. Die KoLibri Kobow&Liebe GbR, unter der Leitung von Gloria Liebe und Jennifer Kobow, will den Bereich mentale Gesundheit für Herzberg und Umgebung abdecken.
Mentale Gesundheit stärken mit Pferden
Derzeit befinden sich die beiden Frauen noch im Bewerbungsverfahren. Die Preisstruktur ist bereits geklärt, für künftige Interessierte gibt es ein kostenloses Erstgespräch. Dann wird ein individuelles Konzept zur psychischen Beratung entwickelt. Eine Beratungseinheit kostet 119 Euro, wenn drei Einheiten gebucht werden, reduziert sich der Preis auf 99 Euro pro Einheit. Jennifer Kobow, die hauptsächlich die Beratung zur mentalen Gesundheit von Erwachsenen übernimmt, hat weitere Pläne, um Betroffenen besser helfen zu können: „Demnächst bieten wir auch tiergeschützte Interventionen an. Dazu arbeiten wir mit Pferden, da diese beruhigend auf Menschen wirken können.“
Wichtig ist den beiden Frauen, zu erwähnen, dass sie sich auch um Menschen kümmern, deren Depression therapeutisch behandelt werden muss, sowohl ambulant als auch stationär. Sie selbst dürfen als Pädagoginnen nicht therapieren, leiten aber auf Anfrage an die entsprechenden Therapiestellen weiter. Wenn die Aufnahme der KoLibri Kobow&Liebe GbR abgeschlossen ist, wird es einen sogenannten Verfügbarkeitsbutton auf der MUT-ATLAS-Seite geben, falls Jennifer Kobow gerade keinen Termin freihat. Die Beratungsstelle der Firma befindet sich in der Kirchstraße 10 im Haus 3 Horizonte in Herzberg.
Hilfe bei Depressionen
Bei Depressionen können Sie vollkommen anonym und kostenfrei Hilfe erhalten. Unter den Rufnummern 0800 111 0 1111 oder 0800 111 0 222 erreichen Sie rund um die Uhr das Angebot der Telefonseelsorge. Auch im Chat oder via E-Mail finden Sie dort Unterstützung.
Eine Übersicht und Listen mit weiteren Beratungsangeboten führt die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention auf ihrer Website: www.suizidprophylaxe.de
Für Kinder, Jugendliche oder deren Eltern gibt es besondere Hilfsangebote. Nummer gegen Kummer e.V. ist Mitglied im Deutschen Kinderschutzbund und hat zwei telefonische Beratungsangebote eingerichtet: das Kinder– und Jugendtelefon und das Elterntelefon. Die Hilfsangebote sind kostenlos, anonym und vertraulich.
Das Kinder– und Jugendtelefon ist unter der gebührenfreien Rufnummer 0800 1110333 montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr zu erreichen. Das Elterntelefon ist unter der gebührenfreien Rufnummer 0800 1110550 von montags bis freitags, 9 bis 11 Uhr, sowie dienstags und donnerstags, 17 bis 19 Uhr, zu erreichen.

