Würde Dr. Frank Hamann all die Geschichten und Anekdoten erzählen, die ihm gerade aus der Anfangszeit des 1990 gegründeten Vereins Lebenshilfe Elsterkreis e.V. einfallen, könnte das mehrere Stunden dauern. Ein Jubiläum gibt dem Stiftungsvorstand und Chef der Elsterwerkstätten gerade jetzt genügend Gründe, sich zu erinnern. Am 28. Juni ist die Stiftung Elsterwerk, die 2010 aus dem Verein hervorgegangen ist, 30 Jahre alt geworden. Still und leise. Das große Fest musste ausfallen. „Wir feiern nächstes Jahr 30 plus 1“, sagt Frank Hamann und hofft es zumindest.

30 Jahre altes Netzwerk

Was aus der Idee von vor 30 Jahre geworden ist, hätte sich damals keiner der Akteure vorstellen können. Entstanden ist ein Ensemble von Netzwerken und Strukturen von der Arbeitswelt bis in den sozialen und Freizeitbereich für mehr als 1000 Menschen mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen.
Nach der Wende hatte sich Frank Hamann, der im Kreis Herzberg noch zu DDR-Zeiten ein Reha-Zentrum aufgebaut hatte, in Westdeutschland angesehen, wie die Betreuung von behinderten Menschen dort funktioniert. Der neu gegründete Verein Lebenshilfe schuf einen losen Verbund der ehemaligen Reha-Abteilungen der Kreise Bad Liebenwerda und Finsterwalde sowie des Reha-Zentrums Herzberg mit zwei Werkstattstandorten in Herzberg und Bad Liebenwerda für etwa 50 Werkstattmitarbeiter.
„Das war die Geburtsstunde der Elsterwerkstätten“, so Frank Hamann. 1991 wurde dann die Elsterwerkstätten gGmbH gegründet, die zu 100 Prozent dem Verein gehörte. Wenig später kam der Hilferuf aus Luckenwalde, wo es keinen Träger für die Behindertenbetreuung gab. Die Lebenshilfe sicherte Unterstützung zu und weitete ihren Wirkungskreis aus.

Heute sieben Werkstatt-Standorte

Heute gibt es in dem Konstrukt Elsterwerkstätten sieben Werkstattstandorte in Herzberg, Bad Liebenwerda, Kraupa, Massen, Ludwigsfelde, Jüterbog und Luckenwalde mit acht Betriebsstätten in Bereichen wie Metallverarbeitung, Druckerei, Garten- und Landschaftsgestaltung, Holzverarbeitung, Gastronomie oder Holzbearbeitung. Die 1993 gegründete Tochter Intawo gGmbH betreibt integrative Wohnstätten, Kindereinrichtungen und den Seniorenwohnpark in der Schlossstraße in Herzberg. Zu ihr gehören die Frühförderung und der familienentlastende Dienst. In Herzberg gibt es ein Therapiezentrum und in Elsterwerda ein Dienstleistungszentrum. Hier werden sämtliche therapeutischen Einheiten wie Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und in Herzberg auch Sporttherapie abgedeckt. Die Integra Profil gGmbH bietet Leistungen im Bereich Hauswirtschaft und Projektpflege an.

Herzberg

Eines der jüngsten Projekte der Stiftung ist der Elster-Park mit der gastronomischen Einrichtung Blauhaus, der Beherbergung Traumhaus und vielen Freizeitangeboten. „Insgesamt haben wir in den 30 Jahren etwa 30 Millionen Euro investiert und damit eine sehr leistungsfähige Struktur geschaffen. Das hätten wir 1990 nie geglaubt“, sagt Frank Hamann.

Verein an den Grenzen

2010 war der Verein Lebenshilfe Elsterkreis als Träger endgültig an seine Grenzen geraten. Mit der Gründung der Stiftung Elsterwerk sollte vor allem erreicht werden, dass das, was die Väter des Vereins geschaffen haben, erhalten bleibt. „Die Stiftung gehört uns selbst. Wir haben keinen Überbau“, sagt Hamann.
Etwa 850 Werkstattmitarbeiterinnen und Werkstattmitarbeiter, 90 Bewohnern in den Wohnstätten, 250 Kitaplätze, davon 40 integrative, sowie die Frühförderung und knapp 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Betreuung der ihnen anvertrauten Menschen – das ist das Resultat eines 30-jährigen Weges vom losen Verbund zu einer Unternehmensgruppe, die Menschen mit Behinderung nicht nur Teilhabe am Arbeitsleben, sondern auch am gesellschaftlichen Alltag ermöglicht.

Bedingungen und Umfeld müssen stimmen

Das Hauptelement der Stiftung sind ohne Zweifel die Elsterwerkstätten. „Wir sind in den Werkstätten sehr weit, was die Teilhabe am Arbeitsleben betrifft. Wir haben leistungsfähige Arbeitsplätze für unsere behinderten Mitarbeiter, die man auf dem normalen Arbeitsmarkt nur selten findet“, sagt Frank Hamann.
Er weiß, dass er mit dem Modell der Elsterwerkstätten auch aneckt. Die Frage ist, wie sie im Zuge der Inklusion betrachtet werden. Hamann hält manche Betrachtungsweisen für sehr oberflächlich.
Grundsätzlich pflichtet er der Politik bei, dass es die Inklusion braucht. Auch die Elsterwerkstätten hätten schon Außenarbeitsplätze geschaffen. Er sei aber auch Realist, so Hamann. Gerade im ländlichen Raum, wo es nicht so viele Möglichkeiten für Menschen mit Behinderungen in der Arbeitswelt gebe, müsse es auch andere Wege geben. Und die Rahmenbedingungen und das Umfeld für die Menschen müssten stimmen, sagt er.

Anspruchsvolle Leistungen

Zum Beispiel durch angepasste Technik. Die Elsterwerkstätten würden ihre moderne Produktionstechnik so anpassen, dass die Mitarbeiter in der Lage sind, anspruchsvolle Leistungen zu erbringen. So liefern die Elsterwerkstätten zum Beispiel die komplette Containerproduktion für die Büromöbel-Firma Reiss. Sie produziert Zulieferteile für die Feuerwehrtechnik der Firma Rosenbauer. „Das lässt sich nicht aus dem Boden stampfen“, so Frank Hamann. Das brauche viele Jahre und vor allem Vertrauen der Unternehmen. „Die Firmen fragen sich natürlich, ob wir das können und ob wir das schaffen. Die denken wirtschaftlich. Und wir schaffen das nur, indem wir für unsere Werkstattmitarbeiter die entsprechenden Voraussetzungen schaffen“, sagt Hamann.
Wirtschaftlichkeit ist auch für die Elsterwerkstätten selbst ein großes Thema. „Alles, was den produktiven Bereich betrifft, stemmen wir ohne Unterstützung“, so Frank Hamann. Die Anforderungen an die Arbeitsgestaltung seien sehr hoch. In der Stiftung Elsterwerk würde mehr Inklusion betrieben als an vielen anderen Stellen. „Wir sind keine Sondereinrichtung. Aber wir sind Spezialisten beim Aufteilen der Arbeit für behinderte Menschen. Wir bekennen uns zu dem inklusiven Gedanken von einer gleichberechtigten Teilhabe. Dazu haben die Menschen bei uns sehr gute Möglichkeiten“, ist Frank Hamann überzeugt.