Von Birgit Rudow

Er ist weg. 176 Jahre stand er dort, nun ist von ihm nichts mehr zu sehen – vom Gasthof, Rasthaus und Hotel „Zum heitern Blick“ in Herzberg. In nur wenigen Wochen hat ein Abrissunternehmen die Gebäude zerlegt und abgetragen. Übrig geblieben ist nur eine große Baufläche.

Rein architektonisch gehörte der „Heitere Blick“, wie ihn die Herzberger kurz nannten, nicht gerade zu den Wahrzeichen der Stadt. Vielmehr hat er sich in der Herzen der Herzberger eingegraben als Stätte vieler schöner Erinnerungen. Auch das ist ein Grund, warum so mancher ihm nachtrauert.

Künftig soll an dieser Stelle ein großer Aldi-Markt gebaut werden. Direkt an der Schnittstelle der beiden Bundesstraßen B 101 und B 87. Diese Konstellation hat übrigens schon zu den Entstehungszeiten des „Heiteren Blick“ eine entscheidende Rolle gespielt. Wie der verstorbene Heimatfreund Kurt Hartwich in Aufzeichnungen über den „Heiteren Blick“ hinterlassen hat, hat 1828 die damalige Preußische Regierung angeordnet, den alten Sandweg, der Richtung Bad Liebenwerda und weiter nach Dresden führte, aber kaum befahren war, zu einer festen Chaussee auszubauen. Zwischen 1849 und 1872 wurde dann die Ost-West-Verbindung, die heutige B 87, befestigt und ausgebaut. Hartwich berichtet weiter, dass der aus einer alten Herzberger Bäckerfamilie stammende Gastwirt J. Gottlieb Raak an dieser nun viel befahrenen Kreuzung ein Bauerngrundstück aufbaute, in dem er schon 1842 eine Schankwirtschaft betrieb. Die günstige Lage ermöglichte ihm bald den Bau eines größeren Gasthofes mit Ausspannmöglichkeiten für Fuhrwerke und Übernachtungen für Fuhrleute und Reisende. Im September 1842 wurde dann der damals nur einstöckige Gasthof errichtet. Das war sozusagen die Geburtsstunde des „Gasthof Zum Heitern Blick“ in Herzberg. 1846 kündigte der Besitzer an, einen Tanzsaal anzubauen. 1861 verkaufte Louis Raack den Gasthof an einen Carl Dähne. Von da an wechselten die Besitzer häufig. 1930 wurde der Saal und 1933 das Haus aufgestockt.

Nach der politischen Wende Anfang der 1990er Jahre erfolgten weitere Umbauarbeiten. Sie haben das Gebäude nicht schöner gemacht, aber den Zweck erfüllt, weitere Fremdenzimmer anbieten zu können und die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter zu verbessern. Saal und Gaststätte wurden für zahlreiche Veranstaltungen genutzt – von Versammlungen über Geburtstagsfeiern, Frauentagsfeiern, Jugendweihen bis zu Hochzeiten. Letzte Inhaberin des Hotels war Katrin Hirte. Sie und ihr Team haben sich stets größte Mühe gegeben, gute Gastgeber zu sein. Das Haus wirtschaftlich zu betreiben, war aber nicht leicht. 2017 stimmte die Inhaberin  einem Verkauf an Aldi zu.

Zwischen der Stadt und der Aldi Immobilien GmbH wurde im Februar 2018 ein städtebaulicher Vertrag geschlossen. Nach einigem Hin und Her stimmte die Stadtverordnetenversammlung im Dezember 2018 dem Satzungsbeschluss zum Bebauungsplan zu. Nur wenige Wochen später rückten die Bagger dem „Heiteren Blick“ zu Leibe. Viele Herzberger haben das interessiert beobachtet „Wir haben einen Bauzeitplan, und danach läuft bis jetzt alles planmäßig“, so Thomas Wille von der City Concept Leipzig GmbH, die im Auftrag der Aldi Immobilien GmbH arbeitet. In der vergangenen Woche haben die Vermesser die Baugrube ausgemessen. Es wurde damit begonnen, das Baufeld abzustecken. Ziel ist es, den neuen Markt möglichst vor Weihnachten zu eröffnen, so Thomas Wille.

Der „Heitere Blick“ ist damit endgültig Geschichte. Unvergessen aber bleiben die Erinnerungen an schöne Erlebnisse in diesem Haus. Die RUNDSCHAU ruft Sie, liebe Leserinnen und Leser, dazu auf, noch einmal zurück zu blicken. Schreiben Sie uns in kurzen Berichten, was Sie mit dem „Heiteren Blick“ verbindet. Gern können Sie uns Ihre Zuschriften per Mail an die Adresse red.herzberg@lr-online.de oder per Post an die Lausitzer Rundschau, Frankfurter Straße 14a in 04916 Herzberg zukommen lassen.