Pflegealltag in Elbe-Elster: Um 6 Uhr setzt sich die Fachkraft des Ambulanten Pflegedienstes der Seniorenzentrum „Albert Schweitzer“ gGmbH in Doberlug-Kirchhain ins Auto. Dreieinhalb Stunden später hat sie 28 Patienten versorgt – Medikamente und Insulin verabreicht, Verbände gewechselt, beim Ankleiden und bei der Körperpflege unterstützt. Tag ein, Tag aus. Ein Zuckerschlecken ist das nicht.

Die Seniorenzentrum gGmbH in 100-prozentiger Trägerschaft des Landkreises ist der größte Pflegeanbieter im Landkreis mit drei Pflegeheimen in Herzberg, Doberlug-Kirchhain und Finsterwalde, drei häuslichen Pflegediensten (ein weiterer ist im Aufbau), drei Tagespflegen und 147 Wohnungen für betreutes Wohnen. Etwa 400 Mitarbeiterinnern und Mitarbeiter betreuen 770 pflegebedürftige Menschen.

Viele Hürden im ambulanten Dienst

Janine Schmidt, Geschäftsführerin des Unternehmens, schätzt die Arbeit ihrer Kolleginnen und Kollegen auch und vor allem im ambulanten Dienst, der mit vielen Hürden verbunden ist.

Zeitdruck, Einzelarbeit, weite Fahrten bei allen Witterungsbedingungen, ein hoher bürokratischer Aufwand und immer die Frage, was die Pflegekraft hinter der Tür des Patienten erwartet.

Fast 7000 Pflegebedürftige

Im Elbe-Elster-Kreis mit seinen 102 851 Einwohnern sind laut der Stabsstelle Sozialplanung und Daseinsfürsorge der Kreisverwaltung 6916 Menschen (Zahlen 11/2018) pflegebedürftig. Das sind 6,72 Prozent der Bevölkerung. 892 der Pflegebedürftigen (12,9 Prozent) werden in vollstationären Einrichtungen gepflegt, 6024 in der Häuslichkeit. Von denen nehmen mit 3314 mehr als die Hälfte einen Pflegedienst in Anspruch.

Schlieben/Schönewalde

Schaut man perspektivisch in das Jahr 2030, so wird sich der Anteil der Pflegebedürftigen weiter erhöhen. Die Prognose geht 2030 von 90 174 Einwohner in Elbe-Elster aus, von denen mehr als 7250 als pflegebedürftig eingeschätzt werden. 948 werden wahrscheinlich vollstationär und 6310 häuslich versorgt, 3500 mit Unterstützung eines Pflegedienstes.

Zukunft stellt Ansprüche

Diese Zahlen stellen hohe Ansprüche an die Entwicklung der Pflege im Landkreis, sowohl unter finanziellen, fachlichen als auch personellen Aspekten. Wie Anne-Marie Gundermann, Leiterin der Stabsstelle Sozialplanung und Daseinsfürsorge des Kreises, und die Sachgebietsleiterin des Sozialamtes Irene Schmidt im Ausschuss für Familie, Soziales und Gesundheit des Kreistages in dieser Woche ausführten, hat das Sozialamt für Pflegeleistungen im Jahr 2016 bei 303 Leistungsbeziehern 2,15 Millionen Euro aufgebracht. 2019 waren es bei 340 Leistungsbeziehern schon 3,1 Millionen Euro. Für das Jahr 2030 werden 7,5 Millionen Euro prognostiziert.

Die 948 Plätze in der stationären Pflege sind derzeit zu 96 Prozent ausgelastet. Schon heute, so die Fachleute, sei es sehr schwierig, in Wohnortnähe der Familie einen Heimplatz zu bekommen.

Gut ist die Situation aktuell in der Tagespflege mit 211 Plätzen im Landkreis. Als völlig ungenügend stellt sich die Kurzzeitpflege dar. Hier gibt es im Landkreis nur 17 Plätze. 16 Pflegewohngemeinschaften mit 147 Plätzen über den gesamten Kreis verteilt und zwei Intensivpflegewohngemeinschaften mit neun Plätzen vervollständigen das Pflegeangebot in Elbe-Elster. Hinzu kommen 46 ambulante Pflegedienste. Konkrete Aussagen, ob dieses Angebot-Paket auch in Zukunft ausreichen wird, gibt es derzeit nicht.

16 Ausbildungsstellen gemeldet

Klar ist aber, dass die Pflege in Elbe-Elster schon jetzt ein großes Personalproblem hat. Laut Jean-Marie Ulrich, Leiter Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit und des Jobcenters Elbe-Elster, hat der Landkreis derzeit 2200 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Bereich der Gesundheits- und Krankenpflege sowie der Altenpflege. Im Dezember vergangenen Jahres gab es im Bereich der Altenpflege 55 offene Stellen. Für 2020 sind im Kreis aktuell 16 Ausbildungsstellen für Pflegefachkräfte gemeldet.

Betrachtet man die Tatsache, dass im Land Brandenburg 26,4 Prozent der Beschäftigten in der Pflege zwischen 45 und 54 Jahre und 18,9 Prozent 55 Jahre und älter sind, könne man sich vorstellen, wie die Personalsituation in zehn Jahren aussieht, wenn nicht genügend Kräfte nachkommen, so Jean-Marie Ulrich. Seit 2015 hat die Agentur für Arbeit 370 berufliche Weiterbildungen im Pflegebereich bewilligt, davon 82 zu Fachkräften. Im Jahr 2019 waren es 24 Weiterbildungen, darunter 14 zum examinierten Altenpfleger bzw. zur examinierten Altenpflegerin. Mittlerweile sei aber zu spüren, dass das Potenzial derjenigen, die für eine Umschulung oder Weiterbildung in Frage kämen, aufgrund der abnehmenden Arbeitslosenzahlen sinke, so Ulrich.

Königsweg gibt es nicht

Die Agentur würde Arbeitgeber und Arbeitnehmer vielfältig unterstützen, sagt er. Die Bemühungen seien mittlerweile sehr groß. Mit dem neuen Pflegeberufereformgesetz würden Umschulungs- und Lehrgangskosten für alle drei Jahre übernommen, was den Diensten Sicherheit gebe.

Die Pflege-Unternehmen seien verpflichtet, Ausbildungsvergütungen zu zahlen. Doch einen Königsweg, mehr und vor allem junge Leute in den Pflegeberuf zu ziehen, gebe es nicht, so Jean-Marie Ulrich. Man müsse zunächst die Erstausbildung im Blick haben, in den Unternehmen auf Weiterbildungspotenziale der Arbeitnehmer und auf Seiteneinsteiger schauen. Eine weitere Möglichkeit seien Arbeitskräfte aus dem Ausland, was sich aber gerade bei kleinen Pflege-Anbietern als schwierig gestalte, sagt Jean-Marie Ulrich.